Leben

Vor 50 Jahren begann das Militär mit der Entwicklung des GPS – heute brauchen es Zivilisten täglich

Ein GPS-Satellit hat eine mit den anderen Satelliten synchronisierte Atomuhr an Bord.

Ein GPS-Satellit hat eine mit den anderen Satelliten synchronisierte Atomuhr an Bord.

Das GPS ist ein Kind der 70er-Jahre wie das Internet. Vor 20 Jahren wurde das Signal für alle verfügbar. Das hat die Welt verändert.

2019, vor einem Jahr, feierten wir 50 Jahre Internet. Der Geburtstag war – wie bei technologischen Durchbrüchen üblich – etwas willkürlich angesetzt. Historiker werden aber die 1970er- Jahre wohl ähnlich einschätzen wie wir heute die viel längere Zeitspanne um das 17. Jahrhundert herum, in der Männer wie Isaac Newton, Galileo Galilei oder Francis Bacon die moderne Naturwissenschaft aufs Gleis stellten. Die Innovationsdichte war hoch: Neben dem Microprocessor, der den Computer massentauglich machte, und dem Internet, auch das GPS.

Warum sollen wir am Himmel ablesen, wo wir sind?

Heute ist das GPS, das Global Positioning System, allgegenwärtig. Es macht fremde Städte auch für die dümmsten Touristen begehbar, führt Autofahrer an ihre Ziele und zeigt dem Smartphone-Besitzer, was alles in seiner Nähe des Besuchs würdig und wert ist.

Die Frage: «Wo bist Du?» hat sich über die Sichtbarkeitsschranke erst dann hinweggesetzt, als es das Mobiltelefon gab. Für die Frage: «Wo bin ich?» gilt das nicht. Sie plagte den Seefahrer, der sich auf den Ozean hinausgewagt hatte. Orientierung und Navigation sind auf dem Meer ein besonderes Problem. Natürlich hat auch das Militär seine Bedürfnisse: Grosse Soldatenmassen zu dirigieren erforderte nicht nur geniales Feldherrenkönnen, sondern auch akkurate Karten.

Auf dem offenen Meer gibt es nur den Himmel, der Orientierungshilfe bietet. Und hier stellt sich das Problem, dass der Sextant, das Instrument, mit dem Winkel zu Sternen und Planeten gemessen werden kann, nur zuverlässige Angaben zur Breite liefert. Den Längengrad bestimmen war extrem schwierig. Die Lösung war eine sehr genaue und seetüchtige Uhr. (Der Engländer John Harrison baute sie 1759 und bewies, dass auch hier, was wir für unsere Spezialqualifikation halten, andere früher besser waren als wir.)

Das Problem, das sich den Admirälen der Supermächte stellte, wenn sie ihre U-Boote kommandieren wollten, war noch schwieriger. Auftauchen war gefährlich. Funkpeilung war weit ab von den eigenen Küsten nicht möglich. Also kam man – schon bevor der Sputnik wirklich aus dem All piepste – auf die Idee, die U-Boote mit Signalen aus Satelliten zu steuern. Dieses System hiess dann «Transit».

1969 flogen die USA zum Mond. Sie fanden ihn noch ohne Satelliten. Aber 1967 war «Transit» prinzipiell für zivile Nutzung frei und in Gegenden, wo Karten nicht viel nützen, sehr willkommen. Seine Grenzen zeigten sich im Vietnam-Krieg. Auch mit Hilfe aus dem All liess sich der Ho-Chi-Minh-Pfad nicht präzise genug bombardieren. Im Falkland-Krieg 1982 bekriegten sich Grossbritannien und Argentinien noch gegenseitig mit Hilfe von «Transit». Aber die US-Army und die Air Force wollten etwas Besseres.

Der Anfang war schwer: Wer soll bezahlen?

1973 war grundsätzlich klar, wie das GPS aussehen sollte. Mindestens sechs Satelliten auf Umlaufbahnen, dass immer mindestens vier sichtbar sein, sollten die Infrastruktur bilden. Heute sind es 31. Mangelnde Präzision der Zeitmesser war bisher ein grosses Hindernis gewesen. Jetzt gingen die Atom­uhren genügend genau. Zu Beginn hiess das System Navstar, Global Position System (zur Abwechslung einmal kein Akronym. «Navstar» fiel bald weg.)

Die Umsetzung in die Praxis war nicht leicht. Satelliten ins All zu schiessen, war nicht billig. Die Wirtschaft sollte dem Militär beim Bezahlen helfen. In einem Test auf dem Boden erwies sich das System über­raschenderweise als viel genauer als gedacht (Abweichungen im 10-Meter- statt im 100-Meter-Bereich). Das war den Militärs dann doch etwas zu heiss. Man behalf sich mit einem Trick: SA (selective availability). Das genauere Signal sollte nur militärischen Nutzern zugänglich sein.

Eine solche Katastrophe darf sich nicht wiederholen

Am 1. September 1983 schossen die Sowjets eine zivile koreanische Boeing 747 ab. Die Maschine hatte sich in den so­wjetischen Luftraum verirrt, offenbar hatte die Navigation versagt. Die Welt war schockiert. Präsident Reagan liess seinen Sprecher verkündigen, das GPS-System stehe allen offen, wenn es 1988 operabel sei. Das half. 1988 war der NAV-1000, der erste zivile GPS-Receiver, für rund 3000 Dollar zu haben. Benutzt von Seglern, Abenteurern, aber auch von den Soldaten im Golfkrieg 1991, die sich von zu Hause zivile Geräte aufs Gefechtsfeld liefern liessen. Da wurde die SA zum ersten Mal gelockert, 2000 verkündete Präsident Clinton, sie werde jetzt dauerhaft auf null gestellt.

Der Geburtstag des GPS? Im ersten Smartphone 2007 hatte es noch kein GPS. Aber der Siegeszug war nicht aufzuhalten. Man gab sogar auf, was den Militärs wichtig war: Die Empfänger sollten nicht senden – und ihren Standort verraten –, nur rechnen. Smartphones geben ihre Position jederzeit preis und lassen sich leicht tracken. Die Nutzer kümmert’s nicht. Zivilisten halt.

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