Auf der Höhe von Gurtnellen, vielleicht schon in Amsteg, ganz sicher ab Wassen kommt das Überlegenheitsgefühl. Eine Prise Schadenfreude ist auch dabei, wenn man als Passagierin im Zug rüber zur Autobahn schaut, wo sich nichts bewegt: Autokolonnen in der sengenden Hitze.

Das ist natürlich auch in der umgekehrten Richtung so – vor und nach dem Gotthard. Und doch sagte meine Sitznachbarin zu ihrem Mann: «Wir hätten das Auto nehmen sollen.» Das war am vergangenen Sonntagabend in einem dieser italienischen Züge, die von aussen wie ein Flugzeug aussehen und innen auch genauso Sardinen-mässig bestuhlt sind. Nur dass man die Knie nicht in die Rückenlehne des Vordermannes drückt, sondern jene des Gegenübers direkt berührt.

Eigentlich waren wir froh gewesen, einen Sitzplatz ergattert zu haben, aber dann umhüllte uns sofort das aggressive Klima von Lebewesen auf zu engem Raum bei zu hohen Temperaturen. Der Zug war zwar ein bisschen klimatisiert, aber eine Minute nachdem wir uns mit müden Wanderbeinen in die Sitze hatten fallen lassen, beugten wir uns plötzlich mit steifem Rücken vor: Die Sitze waren schweissgetränkt.

Heftiger Streit an den Fensterplätzen

In dem Moment wurde hinter uns ein Wortgefecht in gebrochenem Englisch lauter. Ein Deutschschweizer und mutmasslich ein Tessiner konnten sich nicht einigen, ob die Jalousie nun nach unten gezogen sein sollte oder nicht. Der eine schrie, die Sonne scheine ihm direkt ins Gesicht und riss die Jalousie wieder runter, worauf der andere auf dem Sitz vor ihm zum wiederholten Male brüllte, das stimme doch überhaupt nicht und sowieso wechsle der Zug bald die Richtung, und er versuchte, sie wieder hochzuschieben. Dem Landesfrieden zuliebe sei hier verschwiegen, wer schliesslich nachgab.

Hätten wir also das Auto nehmen sollen, weil die Leute sich da immerhin mit etwas Abstand den Stinkefinger zeigen? Oder das Flugzeug, wo die Sitze länger Zeit zum Abtrocknen haben, bis der nächste Passagier kommt?

Jetzt mal abgesehen von der Flug- und Autoscham ist das Transportmittel ziemlich egal. Dem Dichtestress entkommen auf dem Weg in die Sommerferien und zurück die wenigsten. Das ist okay. Durch ihn erscheint nach der Anreise das Meer noch blauer, die Berge noch idyllischer und durch den Dichtestress sagen wir nach der Rückfahrt: «Wie schön, wieder zu Hause zu sein.» Wir ziehen uns ein frisches T-Shirt an und drehen die Storen exakt auf die Höhe unserer inneren Mitte.