Katastrophe

Um 21.13 Uhr, als der Staudamm brach...

Vor 60 Jahren starben nach sintflutartigen Regenfällen in Südfrankreich 423 Menschen. Nun packte die Angst die Bewohner von neuem.

An jenem 2. Dezember 1959 vernahmen die Einwohner von Fréjus abends ein dumpfes Grollen in der Ferne. Es wurde lauter und lauter. Im letzten Moment, bevor das Unheil über die Côte d’Azur hereinbrach, war das Tosen so laut, dass einige Überlebende später berichteten, sie hätten geglaubt, ein ganzes Düsenjet-Geschwader brause im Tiefflug über ihre Köpfe.

Dann war das Wasser da. Fast eine halbe Stunde hatte es gebraucht, um von dem Staudamm Malpasset den Küstenort Fréjus zu erreichen. Die Welle war 40 bis 50 Meter hoch und riss alles mit. Und es blieb nicht dabei – dahinter kam ein ganzer See von 50 Millionen Kubikmetern Wasser, die sich tosend ins Meer ergossen. Die Wasser-, Schlamm- und Geröllmassen zermalmten Häuser, Brücken und Höfe auf einer 1,5 Kilometer breiten Schneise. Mauern kippten wie Kartonschachteln um, Betonblöcke tanzten wie Pingpongbälle durch die Flut. Unterhöhlte Strassen brachen ein, der Eisenbahnzug Marseille–Nizza landete im Meer.

Die Bilanz war furchtbar: 423 Tote, darunter 135 Kinder, zudem Tausende von Verletzten und noch viel mehr Obdachlose. Die Familie Gody verlor zum Beispiel 19 ihrer 26 Mitglieder, das Ehepaar Lakdar starb mit seinen zehn Kindern.

Die Notschleuse wurden zu spät geöffnet

Der Damm war um 21.13 Uhr geborsten. Zuvor waren im Hinterland der Côte d’Azur sintflutartige Regenschauer niedergegangen. Am 2. Dezember füllte sich der Stausee Malpasset erschreckend schnell, doch die Wächter öffneten die Notschleuse erst um 18.05 Uhr. Viel zu spät. Dammwärter André Ferro sagte später aus, er habe sogar nachgeschaut, ob es nirgends Sprünge an der fast sieben Meter dicken Betonbasis gebe. Es sei «alles normal» gewesen. Der Ort heisst Malpasset, weil das Flüsschen durch die Gesteinsverengung auf der Höhe des Staudamms «mal passe», das heisst schlecht durchgeht.

Fünf Jahre waren nötig, bis die künstliche Wanne voll war. Die abschliessenden Kontrollen hatten deshalb im Dezember 1959 noch gar nicht stattgefunden. Ausserdem mangelte es an seriösen geotechnischen Vorstudien. Ein beteiligter Geologe hatte von dem Standort abgeraten; während des Baus brachten einzelne Techniker ebenfalls Zweifel an. Die gewölbte, 222 Meter lange Staumauer war zwar solid – sie verlief aber nicht quer zu den Gesteinsschichten, wie das üblich ist, sondern nahezu parallel dazu. Damit konnte der Druck des gestauten Wassers das Mauerfundament verschieben.

Die ersten Retter taten das Menschenmögliche, zogen die Nacht hindurch unentwegt Verletzte aus den Schlammmassen und Häuserruinen. Zwei Jugendliche fuhren mit einem Strandpedalo und Taschenlampen in das Katastrophengebiet und brachten sieben Personen und eine Leiche zurück. Am Morgen eilten von überall Zivilschützer, Feuerwehrleute und Soldaten herbei.

Schwangere Frauen durften post mortem heiraten

Die Regierung in Paris rief eine nationale Staatstrauer aus und erlaubte es mehreren schwangeren Frauen, ihre verstorbenen Verlobten «post mortem» zu heiraten. Zum Schutz der unehelichen Kinder, die damals in Frankreich einen schlechten Leumund hatten.

Chefingenieur André Coyne verstarb ein paar Monate nach dem Unglück – an Krebs, wie es hiess. Für die anderen wurden jahrelange Prozesse organisiert. Sie endeten, heute undenkbar, alle mit Freisprüchen. Bis 1967 prangerten die Urteile die «unvorhersehbare Natur» an, die den Erdenbewohnern «eine Falle gestellt» habe.

Der Kassationshof kam immerhin zum Schluss, dass die geologische Bodenschwäche «nicht genügend berücksichtigt» worden sei. Das war aber kein Grund, die Ingenieure zu verurteilen. Ihre Versicherungen mussten auch keinen Franc Entschädigung leisten. Der Staat kam für die öffentlichen Schäden auf. Die Opfer erhielten nur private Spenden, allerdings sehr grosszügige aus allen Herren Ländern. Sogar der Schah von Persien nahm drei Unglückswaisen auf.

Staudämme brechen nicht häufig, aber wenn, dann mit verheerenden Folgen. South Fork (USA), Iruhaike (Japan), Machu (Indien), Puentes (Spanien), Sheffield (Grossbritannien), Vajont und Gleno (Italien) sind nur einige der furchtbaren Ortsnamen. Sie sind heute vergessen, genauso wie Malpasset. Und dies, obwohl diese Tragödien etwas Archetypisches haben – wie eine Revanche der Natur oder eine Strafe Gottes für die frevelnde Hybris menschlicher Baukunst. Diese Dammbrüche forderten Hunderte, bisweilen mehr als tausend Menschen­leben.

Nach jeder dieser zivilen Katastrophen fragen sich die Betroffenen: Wie sicher ist der Staudamm, unter dem ich lebe? Sicher ist: Wenn er bricht, bricht die Apokalypse über Mensch und Tier herein, dann wird das Wasser, dieser geschmeidige, fröhlich sprudelnde Lebensquell, zum steinharten Schrecken aller Lebewesen, zum wild gewordenen, nichts verschonenden Massenmörder.

Wer unter dem Staudamm lebt, denkt nicht ständig daran. Selbst in Fréjus wissen sicherlich einige nicht mehr, was damals passierte. Heute ist der Staudamm von Malpasset eine überwucherte Betonruine, die im besten Fall einige Wanderer noch erschauern lässt.

Mit dem Regen kam die Erinnerung zurück

Am vergangenen Wochenende kehrte die Erinnerung für einmal nach Fréjus zurück, als das Departement Var Opfer eines dreitägigen Unwetters wurde. Strassen verwandelten sich in reissende Bäche, der Zug Toulon–Nizza wurde ausgesetzt. In den Häusern stieg das Wasser auf mehr als einen Meter; fünf Menschen kamen ums Leben. Verschlammt und versehrt wurden auch Nachbarorte von Fréjus.

Wie damals eilten von überall Anwohner herbei, um den Opfern zu helfen. Die sonst so individualistischen Franzosen legten eine exemplarische Solidarität an den Tag. Ein italienisches Restaurant in Fréjus verteilte Gratis-Pizzas. Unbekannte kamen, um Wasser abzupumpen, Nachbarn, um Häuser zu reinigen. Irgendwo in den Genen der Leute und den Gassen der Orte waren vielleicht doch noch Spuren von Malpasset.

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