Renzo Blumenthal hat es getan. Er hat öffentlich bekannt gegeben, dass er sich nicht mehr fortpflanzen wird. Nach vier Kindern, alle angeblich ungeplant, ist Schluss mit dem Kindersegen auf seinem Bauernhof im bündnerischen Vella. Dafür hat er sich unters Messer gelegt. Seine beiden Samenleiter wurden durchtrennt, die Enden verödet. Rund 1000 Franken hat Renzo beim Urologen für den Eingriff bezahlt. «Nach einer Stunde konnte ich wieder nach Hause. Ich bereue den Eingriff kein bisschen», wird Blumenthal im «Blick» zitiert.

Vasektomie sagt der Urologe dazu, Sterilisation des Mannes trifft es auch, Kastration nennen es Spötter, die keine Ahnung haben. Die Unterbrechung der Samenleiter gilt als sicherste Methode zur Erzielung einer dauerhaften Unfruchtbarkeit. Ein kleiner Eingriff für den Arzt, ein grosser Schritt für den Mann. Er übernimmt Verantwortung für die Verhütung in der Partnerschaft. Etwas, was sonst zu mehr als 90 Prozent in die Hände der Partnerin gelegt wird. Für die Frauen bedeutet das Pille, Spirale, Hormonstäbchen, Thermometer und Rumrechnerei – jahrelang.

Renzo Blumenthal und mit ihm immerhin laut Aidshilfe Schweiz zehn Prozent aller Schweizer Männer finden nach abgeschlossener Familienplanung, dass nun sie dran seien. Sie wollen ihren Frauen die Hormonkeulen oder die Unterbindung ersparen. Zumal der Eingriff für die Sterilisation beim Mann wesentlich kleiner und unproblematischer ist als bei der Frau. In den letzten Jahren verzeichnen Kliniken und urologische Praxen wie etwa die Uromed in Bern eine verstärkte Nachfrage nach dem Eingriff. Genaue Zahlen werden nicht erhoben.
Eigentlich bleibt alles gleich

Der Sex verändert sich nach einer Vasektomie kein bisschen, der Erguss enthält nur keine Samen mehr, Lust, Empfinden bleiben gleich. Im Alltag aber liefern die Diskussionen rund um den kleinen Schnitt am männlichen Heiligtum Stoff für ganz Bibliotheken. Es genügt, an einer Party das Thema einmal anzuschneiden, um den Rest des Abends Diskussionsstoff zu haben – unter Männern wie unter Frauen.

Denn eine Vasektomie ist nicht irgendein Eingriff, sondern eine Operation am «überragenden Symbol des männlichen Selbstverständnisses», sagt etwa Yves, und muss selbst lachen ob seiner Formulierung. Der 45-jährige Vater zweier Töchter hat den Schnitt trotzdem gewagt und sich vor zwölf Jahren sterilisieren lassen. Seinen Entscheid hat er nie bereut. «Als ich mich damals zur Vasektomie entschlossen habe, war ich 100 Prozent sicher, dass ich keine Kinder mehr wollte. Auch mit einer neuen Liebe nicht.»

Es fällt auf, dass jene Männer, welche unterbunden sind, meist keine Mühe haben, das Gott und der Welt zu erzählen. Gerne auch allzu detailliert. Weil der Eingriff für ein modernes, partnerschaftliches Verständnis von Sexualität steht. Die Vasektomie ist auch zu einem Symbol für emanzipierte Männer geworden. Männer, die die Familienplanung selber kontrollieren und deren Männlichkeit nicht an einem intakten Samenleiter hängt. «Seit bei mir Sex nichts mehr mit Fruchtbarkeit zu tun hat, kann ich ihn viel mehr geniessen», sagt Yves.
Derweil wird es für Männer, die sich kategorisch weigern, sich unterbinden zu lassen, trotz langjähriger Ehe und nach abgeschlossener Familienplanung, argumentatorisch etwas schwierig.

Sie wissen, dass ihre Argumente im Jahr 2019 schnell antiquiert und machohaft daherkommen. Etwa Jürg, der «einfach gerne weiter scharf schiessen möchte». Oder Erik, 45 Jahre alt, geschieden. Er will sicher keine Kinder mehr, sich zu unterbinden kommt für ihn trotzdem nicht infrage. «Ich bin mir sehr sicher, dass ich es psychisch nicht vertragen würde. Ich weiss, dass sich physisch nichts verändert, aber in meinem Kopf wäre es nicht mehr dasselbe.» Zudem habe er im Internet über üble Nebenwirkungen gelesen. «Männer, die jahrelang Schmerzen hatten, deren Hoden anschwollen, sich blau verfärbten, grässliche Dinge.» Schon nur die Vorstellung der kleinsten Komplikation an ihrem besten Stück treibt vielen Männern den kalten Schweiss auf die Stirn.

Alle Optionen offen halten

Und dann gibt es noch Männer wie Thomas, 52, verheiratet, eine Tochter, der erst nach hartnäckigem Nachfragen erzählt, dass ihm die Vasektomie zu endgültig ist. «Ich lasse mir nichts durchschneiden oder veröden. Nicht weil ich Angst um meine Sexualität habe, sondern weil ich erst am Ende meiner Tage sicher weiss, dass ich keine Kinder mehr will.»

Thomas spricht aus, was viele Männer vor dem Eingriff zurückschrecken lässt. Eine Vasektomie kann zwar theoretisch rückgängig gemacht werden. Praktisch ist das nicht nur teuer und aufwendig, sondern auch nicht in jedem Fall möglich. Kein Schnitt zurück also. Was aber, wenn da plötzlich eine neue, jüngere Frau auftaucht? Eine neue grosse Liebe mit neuem Kinderwunsch?

Mit diesem Argument manövriert Mann sich bei der langjährigen treuen Ehefrau und Mutter der gemeinsamen Kinder natürlich ins Abseits. Offen aussprechen können das die wenigsten. Christoph, der Mann von Anne, beide 41 Jahre alt, ist so eine Ausnahme. Als seine Frau nach dem dritten Kinde nicht mehr hormonell verhüten will, schlägt er eine Vasektomie für sich kategorisch aus. Der Grund: Sie könne sowieso bald keine Kinder mehr bekommen, er hingegen sei noch mindestens 30 Jahre lang zeugungsfähig. Bei einer allfälligen Scheidung wäre er unterbunden bei der Partnersuche im Nachteil. Klare Worte, die so nicht jede Partnerschaft verträgt.

Ein romantischer Entscheid

Martin, 39, zwei Kinder, antwortete auf die Frage, ob er die Vasektomie bedauere: «Kann ich noch nicht definitiv sagen, bis jetzt nicht… aber wenn ich dann mit 60 eine heisse, 25 Jahre alte Frau habe und die ein Kind von mir will, eventuell schon.» Genau deshalb habe er es gemacht, quasi als Schutz vor sich selbst.

Die Vasektomie, sie ist eben sehr viel mehr als nur ein kleiner Schnitt. Sie ist auch ein Versprechen an die Frau und die Kinder, dass es da keinen Plan B gibt. Keinen zweiten Frühling, keine Stiefgeschwister, keine zweite Familie. Und dafür muss man Renzo Blumenthal dann vielleicht doch ein bisschen loben. Das hat nichts mit Männlichkeit und Sex zu tun, sondern mit Liebe.