Leben

Schweizer Energiepreis: Mit Salz Energie speichern

Meyers Orchideenhaus als Forschungsprojekt für thermochemische Netze.

Meyers Orchideenhaus als Forschungsprojekt für thermochemische Netze.

Das grösste Orchideenhaus der Schweiz und Forscher der ZHAW in Winterthur erhalten heute in Bern den Schweizer Energiepreis Watt d’Or 2020. Für eine Technik mit hohem Potenzial .

Orchideen wohin man schaut in den Gewächshäusern der Meyer Orchideen AG in Wangen bei Dübendorf. Gewächshäuser haben nicht den besten Ruf, was die Energie betrifft. Doch das grösste Orchideenhaus der Schweiz funktioniert schon seit zehn Jahren vollkommen CO2-neutral, wie Besitzer Hanspeter Meyer erklärt. Keine fossilen Treibstoffe werden genutzt, sondern Fotovoltaik, das Grundwasser und Holzschnitzel liefern Wärme und Energie für die Orchideenproduktion.

Ein Gewächshaus als Forschungsobjekt

Doch nicht genug. Vor gut zwei Jahren hat die Forscherin Serena Danesi vom Institut für Energiesysteme und Fluid-Engineering der Zürcher Hochschule für Angewandte Wissenschaften (ZHAW) angefragt, ob Meyer eine neue Energiespeicher-und Versorgungs-Technologie testen wolle. Meyer stellte dafür eines seiner Gewächshäuser zur Verfügung. In diesem funktioniert dieses thermochemische Netzwerk nun bestens. Deshalb werden die ZHAW-Forscher, Meyer und die Installationsfirma Schmid Hutter AG in Winterthur heute in Bern mit dem Schweizer Energiepreis Watt d’Or 2020 des Bundesamtes für Energie ausgezeichnet.

© CH Media

Das im Orchideenhaus getestete europäische Horizon2020-Forschungsprojekt speichert erneuerbare Energie ohne Verluste und endlos. Macht also das, was für die Energiewende entscheidend ist, nämlich das Festhalten der flatternden Solar- und Windenergie. Genutzt wird ein chemischer Prozess, der uns allen bekannt ist. Werfen wir im Winter vor der Garage Salz in den Schnee, entsteht daraus eine Salzlösung, die Wärme abgibt und das Eis schmelzen lässt. In konzentrierten Salzlösungen steckt somit gespeicherte Energie. Das haben sich Serena Danesi und ihre Forscherkollegen zu Nutze gemacht.

Eine halbe Million Franken für die Forschung verbaut

Im von den Forschern eroberten 600 Quadratmeter grossen Gewächshaus stehen Tausende von Orchideen auf Tischen. Ein oranges Röhrensystem spannt sich über die Halle und unter den Tischen durch. Alle zehn Meter steht ein sogenannter «Wäscher», in dem die Luft aus dem Gebäude durch eine Salzlösung läuft. Die warme oder im Sommer gekühlte Luft wandert dann zielgerichtet zu den Orchideen und bringt die richtige Temperatur zu den schönen Pflanzen.

Der Clou der Technik ist, dass keine Wärmeenergie transportiert wird. Bei normalen Fernwärmenetzen läuft warmes Wasser in den Leitungen. In thermochemischen Netzwerken dagegen nur gespeichertes thermisches, beziehungsweise chemisches Potenzial in Form von konzentrierten Salzlösungen transportiert. Damit wird dann am gewünschten Ort Nutzwärme oder Kälte produziert. Somit können keine Wärmeverluste auf dem Transport entstehen, wie Serena Danesi erklärt. Die Salzlösung absorbiert die Feuchtigkeit aus der Luft. Und bei diesen Absorbtionsprozessen wird Wärme, also Energie freigesetzt. Solche thermochemische Netze eignen sich gemäss Serena Danesi vor allem für die Speicherung und Energieversorgung von Quartieren. Die Solarenergie sitzt in der konzentrierten Salzlösung und wartet auf ihre Befreiung.

50 Prozent Energie einsparen

In Meyers Orchideenhaus geht es in diesem Pilotprojekt fürs erste Mal nicht um die Speicherung, sondern um die Wärmeversorgung. So kann gemäss Danesi 50 Prozent der Energie eingespart werden. Im nächsten Schritt soll die Anlage nun automatisiert werden. Die Technik könnte auch dazu dienen, in Minergie-Häusern oder Museen die Feuchtigkeit zu regeln. Oder diese für industrielle Trocknungsprozesse, zum Beispiel von Kräutern, zu nutzen.

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Im Kursaal in Bern werden heute weitere vier Preise vergeben: An die Regio Energie Solothurn für die biologische Methanisierung mit Archaen im Hybridwerk, an die Viktor Meili AG für ihre Elektro-Kommunalfahzeuge, an die Designwerk Products AG für ihre 26-Tonnen-Elektrolastwagen und schliesslich an die ETH Zürich für das Anergienetz auf dem Campus Hönggerberg.

Autor

Bruno Knellwolf

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