Wissenschaft

Niemand schreibt so gut über die schwierigsten Dinge wie Jim Holt

Ein Band voller Essays über die grossen Fragen, die an den Grenzen des Denkens aufs Tapet kommen. Mathematik, Philosophie, Physik - und die Frauen und Männer, die sich diesen Fragen gestellt haben.

Einen der tiefsinnigsten literarischen Tricks bietet Lars Gustafsson, der schwedische Philosoph und Romancier, in seiner Erzählung «Die Tennisspieler». Da spielt der Protagonist, bei dem man immer ein bisschen an Lars himself denken muss, mit drei Unbekannten Tennis auf einem öffentlichen Platz. Er muss mit dem Aufschlag anfangen beim Doppel. Ein entlarvender Moment, sinniert er, als er den Ball zum Aufschlag hochwirft. Ein Aufschlag beim Tennis ist wie ein Händedruck oder der erste Witz, den jemand erzählt, einfach sehr sehr vielsagend.

Der Trick ist, dass er den Ball ein ganzes Kapitel lang dort oben hängen lässt. «Der Ball! Ich wusste doch, dass ich etwas vergessen hatte!» Dann werden nochmals anderthalb Seiten über die Peinlichkeit verloren, welche in diesem Mpoment liegen könnten. Bevor der Schläger kommt, sagt der Ball: «In Wirklichkeit bist du niemand.»

Das ist ein bemerkenswerter Satz, für den es sich lohnt, Tennis zu spielen. Er gleicht in seiner existenzialistischen Anmut(ung) dem sogenannten «Kopernikanischen Prinzip». Das hat nur noch sehr vermittelt mit dem Weltmodell zu tun, sagt aber ähnlich klar: «Du bist nichts Besonderes.»

Heute sind die meisten Menschen froh, dass sie nicht mehr auf einem Staubkorn im Zentrum des Universums hocken müssen. Sie können so die Sache etwas lockerer angehen.

Die ganz normalen 95 Prozent, die nicht zählen

Mathematisch lässt sich das Kopernikanische Prinzip so formulieren, dass man, wenn man nichts Besonderes ist, nicht zu den ersten 2,5 Prozent, aber auch nicht zu den letzten 2,5 Prozent gehört der Leute, die an irgendetwas teilhaben. Jim Holt erläutert das an einem Theaterpublikum. Wenn das Musical schon n-mal aufgeführt worden ist, kann man zu 95 Prozent sicher sein, dass noch mindestens n/39 und höchstens n x 39 Aufführungen folgen werden. (Der Neununddreissigstel hält uns aus den untersten letzten 2,5 Prozent heraus, das Neununddreissig­fache aus den oberen ersten 2,5 Prozent). Wenn man annimmt, dass es unsere Spezies, den Homo sapiens, schon 200 000 Jahre gibt, dann kann man ausrechnen, dass er noch mindestens 5100 Jahre, maximal aber 7,8 Mio. Jahre existieren wird. (Das Nachrechnen überlasse ich Ihnen.) Aber denken Sie daran, bevor Sie sich zurücklehnen: Das gilt nur für ein Konfidenz­intervall von 95 Prozent.

Diese Geschichte handelt von Primzahlen und dem Lachen. Einstein, Gödel und all die anderen sind da noch nicht mal dabei. Das heisst: Mehr als 95 Prozent beste Unterhaltung.

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