Gesundheit

Neue Heilmittel vor unserer Nase: Im Spray entfalten manche Substanzen ungeahnte Wirkungen

Die neuen Heilmittel vor unserer Nase: Mithilfe eines Tricks versuchen Forscher aus altbekannten Medikamenten neue herzustellen. (Illustration Getty Images/iStockphoto)

Die neuen Heilmittel vor unserer Nase: Mithilfe eines Tricks versuchen Forscher aus altbekannten Medikamenten neue herzustellen. (Illustration Getty Images/iStockphoto)

Mithilfe eines Tricks versuchen Forscher aus altbekannten Medikamenten neue herzustellen. Die Hoffnung ist, dass sich so unheilbare Nervenkrankheiten wie Alzheimer bekämpfen lassen.

1,3 Milliarden Franken und 16 Jahre Forschungszeit – das sind die Ressourcen, die eine Firma laut dem Verband der Schweizer Medikamentenhersteller Interpharma braucht, um ein neues Medikament auf den Markt zu bringen. Bei solch hohen Kosten und einer so langen Entwicklungsdauer erstaunt es nicht, dass die Konzerne versuchen, auf schnellerem Weg neue Medikamente zu finden.

Etwa indem sie testen, ob das für die eine Krankheit entwickelte Medikament nicht auch gegen ein anderes Leiden hilft. Solche Zufallsentdeckungen sind zwar selten, können aber extrem erfolgreich sein. Das berühmteste Beispiel ist Viagra: Der Wirkstoff aus der Potenzpille wurde ursprünglich als Blutdrucksenker entwickelt. Kurz vor der Zulassung der Substanz entdeckte man, dass sie sich eigentlich viel besser eignet, um Potenzprobleme zu beheben.

Jetzt könnten Forscherinnen und Forscher eine neue Methode gefunden haben, mit der sie schneller und gezielter neue Wirkstoffe gegen unheilbare Krankheiten entwickeln können. Immer mehr Studien weisen nämlich darauf hin, dass gewisse Präparate anders wirken, wenn sie über die Nase als Duft aufgenommen werden.

Über die Nase direkt zum Gehirn

Das Phänomen wird mit zwei Mechanismen erklärt: Zum einen gibt es Moleküle, die in der Nase an andere Rezeptoren binden als im Blutkreislauf und damit einen unterschiedlichen Effekt (eine unterschiedliche Signalkaskade) auslösen.

So etwa Linalool, eine Substanz aus Lavendel, die als potenzielles Beruhigungsmittel erforscht wird. Bei Experimenten mit Mäusen zeigte sich: Wird Linalool als Duft verabreicht, wirkt es angstlösend. Wird es hingegen als Tablette gegeben, so tritt hauptsächlich ein gefässerweiternder Effekt auf.

Der andere Grund für die unterschiedliche Wirkung von nasal verabreichten Medikamenten ist die direkte Verbindung der Nase zum Nervensystem. Studien an Tieren haben gezeigt, dass gewisse Substanzen von den Zellfasern des olfaktorischen Nervs aufgenommen und direkt ins Hirn transportiert werden.

Via Nasennerven kann so die Blut-Hirn-Schranke umgangen werden. Dies ist ein entscheidender Vorteil, denn viele Medikamente, die als Tabletten geschluckt werden, erreichen das Gehirn nicht. Sie werden von der Blut-Hirn-Schranke weg­gefiltert.

«Die grosse Herausforderung bei dieser speziellen Verabreichungsmethode ist, die Medikamente in die Nerven hinein zu bekommen», erklärt Stephan Krähenbühl, Professor für klinische Pharmakologie an der Universität Basel. Bisher sei es noch nicht möglich, eine Substanz auf diesem Weg effizient ins Gehirn zu bringen, denn der grösste Teil lande immer noch in den Blutgefässen.

Wenn es – zum Beispiel dank besseren Verpackungsmolekülen – aber möglich würde, Medikamente gezielt über den Nasennerv ins Gehirn zu schleusen, könnten viele neurologische Krankheiten deutlich wirksamer bekämpft werden.

Im Kampf gegen neurodegenerative Krankheiten wie Alzheimer oder Multiple Sklerose ist die Nase deshalb Trumpf. Momentan laufen mehrere grosse Studien, die untersuchen, ob die bislang unheilbaren Nervenkrankheiten mit bekannten Substanzen über die Nase bekämpft werden können.

So wird etwa versucht, Alzheimer mit Insulin aus Nasensprays zu bekämpfen. Erste Zwischenresultate zeigen bei den behandelten Patienten eine deutliche Steigerung der Merkfähigkeit und Alltagskognition.

Amerikanische Forscher versuchen derweil sogar Depression und bipolare Störung mithilfe von Nasensprays zu bekämpfen. Ketamin, eigentlich ein starkes Schmerzmittel, darf seit diesem Frühling in den USA als Spray gegen Depression verwendet werden.

Obwohl diese Entscheidung der Zulassungsbehörde von den einen als Meilenstein der Depressionsforschung gefeiert wurde, ist sie nicht unumstritten, denn Ketamin hat ein grosses Sucht­potenzial.

Die Verabreichung von Medikamenten über die Nase hat aber mindestens einen weiteren unbestrittenen Vorteil: Weil die Gefässe der Nase im Gegensatz zu jenen des Magens nicht direkt zur Leber führen, werden sich darin befindende Substanzen viel weniger schnell abgebaut. Die Dosis von Medikamenten, die über die Nase verabreicht werden, kann deshalb bis zu fünfzig Mal tiefer sein, und trotzdem denselben Effekt erzielen wie herkömmliche Tabletten.

Allerdings eignen sich nicht alle Medikamente, um als Nasenspray verabreicht zu werden. Die Nasenschleimhaut ist empfindlich; wenn sie über einen längeren Zeitraum mit Fremdstoffen belastet wird, trocknet sie aus. Nasenbluten kann die unangenehme Folge sein.

Potenzial für Hormontherapien

Ausserdem ist die Nasenhöhle und damit die Fläche, auf der Arzneimittel aufgenommen werden können, verhältnismässig klein. Deshalb kommen nur potente Substanzen, die nicht in riesiger Menge verabreicht werden müssen, für die nasale Anwendung in Frage.

Auch zum Hindernis werden kann bei Nasensprays ein zu schlechter Grundzustand von Patienten. Wenn diese nämlich an Grippe leiden oder gereizte Schleimhäute haben, kann die Nasenspraymethode nicht zum Einsatz kommen.

Trotz diesen Hindernissen nimmt die Anzahl der als Nasenspray erhältlichen Medikamente laufend zu (siehe Box). «In Zukunft dürfte die nasale Applikation von Medikamenten eine immer wichtigere Rolle spielen», ist denn auch Professor Stephan Krähenbühl von der Universität Basel überzeugt.

Er erwartet, dass die Nasenspray-Methode vor allem bei Hormontherapien und Behandlungen mit kleinen fettlöslichen Medikamenten vermehrt zum Einsatz kommen wird.

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