Über Nacht werden die Schmerzen schlimmer. Dieses Ziehen im Unterleib, das Stechen. Vermutlich wieder so eine Zyste. Blöd, dass ihre Gynäkologin an diesem Tag keinen Termin frei hat. Na, dann eben nicht. Zähne zusammenbeissen. Esther Meier (Name der Mutter und des Kindes geändert) räumt an diesem letzten Ferientag zu Hause ein bisschen auf und saugt Staub. Das lenkt ja auch ab. Gut, dass sie heute noch nicht arbeiten muss.

Normalerweise hebt sie um diese Zeit alte Menschen aus Rollstühlen, misst den Blutdruck, verteilt Medikamente, macht das, was Krankenschwestern in Reha-Kliniken so tun. Ab morgen dann wieder, sie freut sich schon. Wären da nicht diese Schmerzen, die immer schneidender werden … Die 27-Jährige fährt in die Notaufnahme eines Basler Spitals. Da ist es 14 Uhr. 19.37 Uhr, als sie Isabella im Arm hält: ihr Baby. Doch keine Zyste.

Wie kann so etwas passieren? Wehen mit Unterleibsschmerzen verwechseln? Freitag Guggenmusik machen, Samstag auf einer Hochzeit durchfesten, Montag gebären? Wie kommt eine kluge Frau zu 2900 Gramm Mensch wie die Jungfrau zum Kinde?

Gehört, ja, das hat man vielleicht schon von solchen Fällen. Aber sind die, denen so etwas geschieht, nicht bizarre Reality-TV-Frauen, mindestens aber Frauen vom äusseren Rand des normalen Lebens? Irgendwie dumpfe. Dicke. Und dumme? Nein, sind sie nicht.

Auch Esther Meier passt in keine der weit offen stehenden Schubladen. Sie ist kurvig, aber nicht dick. Sie ist nicht leichtfertig, sondern gewissenhafte Krankenschwester, mit ihren 27 Jahren kein naives Teenie-Girl mehr und blöd sowieso nicht. Kein Klischee greift.

Nach der Geburt die Depression

«Unbemerkte Schwangerschaften sind überhaupt nicht so selten», sagt Peter Rott, Berliner Gynäkologe, Psychotherapeut und Mit-Studienleiter einer Untersuchung zu unbemerkten Schwangerschaften, «Gravitas suppressalis», wie Ärzte die nennen. Allein in Deutschland, so Rott, tauchten etwa 270 Kinder pro Jahr erst zusammen mit den Wehen im Leben der Mutter auf. Für die Schweiz dürften die Zahlen proportional ähnlich aussehen.

Esther Meier streicht sich die glatt zurückgebundenen braunen Haare noch glatter, räuspert sich den Hals frei und sagt leise: «Isabellas Geburt war ein Schock.» Und weiter erzählt sie – noch leiser – dass sie deshalb seit einigen Monaten in der Psychiatrie sei: Depressionen, Schuldgefühle, schwere Angstzustände, Überforderung. Der Gefühlscocktail durch die Geburt habe sie völlig aus der Kurve getragen. Dieses, holterdipolter, Von-jetzt-auf-gleich-Mutter-Sein. Die Angst, dem eigenen Körper, der eigenen Wahrnehmung nicht trauen zu können. Wenn plötzlich Dinge passieren, die man nie für möglich gehalten hat, kann dann nicht absolut alles passieren? Gibt es dann überhaupt irgendeine Sicherheit?

Esther Meier schaut ihr Gegenüber aus forschenden braunen Augen an. Weiterreden lohnt ja nur, wenn man ihr glaubt. Und dann erzählt sie, dass sie mit dem Nuvaring verhütet und weiterhin Blutungen bekommen habe. «Zugenommen habe ich nur drei Kilo, das hab ich darauf zurückgeführt, dass ich aufgehört hatte zu rauchen.» Niemand habe ihr ihre Schwangerschaft angesehen. Nicht die Freunde, nicht die Ärztinnen in der Reha-Klinik, in der sie arbeitet, «noch nicht mal meine Oma!»

«Hier», Esther Meier zückt ihr Handy und zeigt Fotos von den Ferien mit Oma. 14 Tage vor der Geburt: Zwei lachende Frauen im Bade-Outfit, keine davon mit auffallendem Bauch. Im Hintergrund der Lago Maggiore. Eifrig scrollt die 27-Jährige weiter durch die Fotos: «Da! Sieht das etwa schwanger aus?» – «Und hier: Das bin ich im engen Sommerkleid! Sehe ich aus, als bekäme ich ein Baby?» Esther ist es wichtig, dass ihr geglaubt wird. Zu oft hat sie in der letzten Zeit dieses heruntergezogene untere Augenlid gesehen, dieses «Höhö, Zyste. Jaja.» – «Zum Glück haben mir wenigstens die Leute im Spital geglaubt und gesagt, das käme häufiger vor, als man dächte.»

Auch Peter Rott kennt zahlreiche dieser Fälle. Viele der Frauen mit verdrängten Schwangerschaften nähmen nur wenig zu. Manche machten Diät und Sport gegen die unerklärlichen zusätzlichen Pfunde. Studien aus Frankreich zeigen, dass der Muskeltonus der Gravitas-suppressalis-Mütter ein anderer ist. Bei ihnen sind die Bauchmuskeln übermässig angespannt, der Fötus wird so zurückgedrängt.

Und Blutungen, ein vermeintlich sicheres Indiz dafür, dass sich da nirgendwo ein Ei eingenistet hat, die hätte jede vierte Frau irgendwann im Laufe der Schwangerschaft, erklärt Rott. Manche einmal, manche häufiger. Umgekehrt werden viele Schwangerschaftszeichen zunächst anders gedeutet. Da ist die Frau, die ihre Schwangerschaftsübelkeit für eine Fischvergiftung hält, weil die Nidationsblutung als Periode interpretiert wird. Da ist die junge Bankerin, der in den Ferien von Fremden zur Schwangerschaft gratuliert wird, obwohl sie selbst noch denkt, das Bäuchlein sei auf Ferienbequemlichkeit zurückzuführen, die Mittvierzigerin, die das Ausbleiben der Mens als Wechseljahre deutet …

Allgemein wird ein sicheres Verhütungsmittel gern für unfehlbar gehalten. Esther Meiers Nuvaring gilt als ähnlich zuverlässig wie die Pille. Nur dass auch die in einem von 500 Fällen trotz korrekter Anwendung nicht richtig wirkt. Dazu kommen alle Fälle von Kuddelmuddel. Beim Ring etwa, dass er falsch eingesetzt wird oder verrutscht. War er bei Esther Meier nicht. «Den Ring mussten sie erst während der Geburt herausnehmen.»

Die junge Frau scrollt weiter durch die Handyfotos. Gibt es denn keines, das zweifelsfrei beweist, dass sie einfach keine Ahnung haben konnte? Plötzlich hört sie mit dem Suchen auf: «Wollen Sie Isabella mal sehen?» Aus dem Display guckt ein kleines Mädchen mit verschmitzten dunklen Augen in die Kamera. Schwarze Strubbelhaare stehen ihr vom Kopf, als seien sie elektrisch. Den Namen Isabella habe sie per Zufallsauswahl gefunden, sagt Esther Meier lachend. «Ich musste innerhalb von drei Tagen einen Namen für die Kleine haben, sonst wird einer vom Amt zugeteilt.» Also habe sie im Handy Babynamen gegoogelt, die Buchstaben durchsausen lassen, und bei I habe es gestoppt. «Isabella klang schön.»

Und doch fühlt es sich falsch an, einem Kind einen Namen zu geben, das sich nicht wie ein eigenes anfühlt. Esther Meier guckt jetzt auf ihren Eistee. «Ich wollte die Kleine nicht. Ich wollte nicht Mutter sein. Ich wollte sie zur Pflege freigeben. Aber – sehen, zu wem sie kommt.» Zwei Tage hat sie zum Nachdenken; am Dienstag bekommt sie die Formulare. Donnerstags stehen die vielleicht angehenden Pflegeeltern im Spital, heben Isabella aus dem Bettchen und flöten: «Wir lieben dich jetzt schon wie unser eigenes Kind.»

Dieser Satz ändert alles. Bullshit, das Gesäusel, denkt sie. Und dass es falsch und unsympathisch ist, gleich auf Liebe zu machen. Und sie denkt auch: Es ist nicht deren Baby. Es ist meins! Meine Tochter. Sie und ich. Wir zwei. Die verdatterten Pflegeeltern werden verscheucht, Formulare zerrissen. Von jetzt an heisst es: Esther und Isabella.

74 Prozent aller unbemerkt Schwangeren, belegen die Studien von Peter Rott, Jens Wessel und Ulrich Büscher, entscheiden sich, ihr Baby zu behalten. «Wollen Sie eigentlich die Kleine kennen lernen?», fragt Esther Meier. Und ob!

Eine Woche später treffen wir uns mit Baby im Park der Fondation Beyeler. Prächtige Bäume, Skulpturen – ein guter Ort für Wunder. Isabellas Oma, bei der das Mädchen erst mal bleibt, bis die Mutter seelisch stabiler ist, hat die Kleine gebracht, Esthers Klinik den Spaziergang befürwortet. Mutter, Kind, Park und Sonne – das kann nur guttun. Isabella findet jedes abgefallene Blatt hochinteressant. Bekommt sie eins zu fassen, schenkt sie es der Mama. Etwas steif nimmt Esther dann das Blatt, streichelt ihrer Tochter die Wange.

Freundlich, sanft – und doch wirkt die Berührung ein bisschen, als streichle die Mutter einen Sessel statt ihr Kind. «Zu meiner Therapie gehört ein Training, in dem ich lerne, wie ich mit dem Baby umgehen soll, die Bindung muss langsam aufgebaut werden.» Noch sind da zwischen den beiden lose Fäden statt Bindung. Deshalb hat Esther nach den ersten drei Monaten Mutter-Kind-Alltag, Überforderung, Panikschüben und Heulkrämpfen psychiatrische Hilfe gesucht und für die Kleine einen ruhigen Ort bei der Oma. Jene neun Monate fehlen, in denen andere Mütter Zeit haben, sich an das Wesen in sich und das Leben, das da jetzt kommt, zu gewöhnen. Diese Zeit zum Bauchstreicheln, In-sich-Hineinhören, Babysachen-Auswählen – das alles fiel weg. Stattdessen: Ein einziger Tag, um Strampler zu kaufen, Windeln, Kinderwagen, Püppchen, Schoppen, Babybettchen. Alles viel zu schnell.

Der Vater weiss von nichts

Esther Meier zieht Isabella wortlos Mamas Haare aus der Hand, entwindet sachlich den neugierigen Babyfingern die baumelnden Ohrringe. Lachen und Leichtigkeit fallen schwer. Ohne Therapie geht es noch nicht. Auch das Gespräch über den Vater geht noch nicht. Auch mit ihm nicht, bislang hat er keine Ahnung von seiner Tochter.

Peter Rott hält den Hang zum Wegschieben für typisch. «Frauen, die ihre Schwangerschaft nicht bemerken, sind zwar alle unterschiedlich, aber neigen generell bei Problemen dazu, Sachen, die sie nicht sehen wollen, nicht zu sehen.» Die Gewichtszunahme ist ein bisschen viel Kuchen, die Kindsbewegung ein verklemmter Pups und die ausbleibende Mens – mein Gott, die war nie pünktlich. «Absichtlich ist das nicht», erklärt der Therapeut, «die Frauen können die Symptome wirklich nicht sehen und richtig deuten. Womit man nicht rechnet, das sieht man nicht.»

Um unbemerkt schwanger zu sein, muss keine Frau irgendwie besonders sein. Die Betroffenen kommen aus allen Schichten. Jeder Bildungsstand, jedes Einkommen, jedes Alter ist vertreten. 50 Prozent der betroffenen Mütter haben sogar schon mindestens ein Kind, 83 Prozent leben mit einem festen Partner zusammen. Es ist kompliziert, das Leben.

Isabella findet das offenbar nicht. Unermüdlich übt sie Aufstehen mithilfe des Kinderwagens, isst das ein oder andere Büschel Gras, lacht, wenn man ihr winkt, und zieht sich die Socken genauso schnell wieder aus, wie Esther sie anzieht. Ein fröhliches Baby, ein süsses. Nach und nach beginnt auch ihre Mutter das zu sehen. Ab und an kauft sie jetzt schon von sich aus Kleider für die Kleine. Hübsches, mit Tierchen drauf oder Rüschen dran.

Langsam, ganz langsam legt sich diese alles überdeckende Panik. An guten Tagen drückt ihr sogar die plötzliche Verantwortung nicht mehr die Kehle zu. Oder die Angst, dass jemand über sie lachen könnte, über Esther, die Doofe, die nicht gemerkt hat, dass sie schwanger war. Ja, manchmal wird der Schock brüchig und durch die Ritzen ist tatsächlich so was wie Glück zu sehen: die Oma, die hilft. Der Opa, der gleich beim ersten Foto seine Enkelin so stolz hält, als habe er den Pokal der Champions League in den Händen. Manchmal lacht Esther auch einfach so, wenn Isabellas Haare sie an der Nase kitzeln oder sie das hundertste welke Blatt geschenkt bekommt. Langsam kommt das. Aber Zeit gibt es ja jetzt. Endlich.