Es ist drei Uhr nachts, als mein Vater mich weckt und sich an mein Bett setzt. Ich bin zunächst noch zu müde, um zu verstehen, was er redet. Neben mir liegt meine beste Freundin, die bei mir übernachtet und nun auch wach ist. Aus dem Schlafzimmer höre ich meine Mutter leise weinen.

Mein Vater spricht über den Streit, den er soeben mit meiner Mutter hatte. Wie schwierig deren Beziehung zueinander gerade ist. Er redet und redet, sucht offensichtlich Bestätigung, dass er richtig gehandelt hat, dass er Recht hat in diesem Streit, den ich nicht so richtig verstehe.

«Papa, es ist nachts. Meine Freundin ist hier. Wir wollen schlafen», sage ich genervt.

Aber er ist zu aufgedreht, er hört einfach nicht auf, zu reden. Schlaf scheint ihm nichts zu bedeuten, weder unserer, noch sein eigener.

In letzter Zeit passieren solche Dinge öfter: Dass mein Vater extrem unruhig ist, übertrieben redselig, kaum zur Ruhe kommt. Irgendetwas stimmt nicht.

Dass mein Vater eine psychische Krankheit hat, habe ich nicht gewusst

Als sich diese Szene ereignete, war ich 13 Jahre alt. Damals wusste ich, dass mein Vater sich ungewöhnlich verhält. Dass sein Verhalten mit einer psychischen Krankheit zusammenhängen könnte, habe ich allerdings nicht verstanden.

Mein Vater ist mittlerweile diagnostiziert mit einer bipolaren Störung mit schizophrenen Tendenzen. Die bipolare Störung macht, dass seine Stimmungen extrem schwanken: Phasenweise ist er aufgedreht, redselig, schläft kaum und gibt extrem viel Geld aus. Dann wieder ist er depressiv, antriebslos, schläft den ganzen Tag und wäscht sich nicht.

Wenn ich mich an meine früheste Kindheit zurückerinnere oder mit meinen Verwandten spreche, ist klar: Mein Vater war schon immer irgendwie anders. Wir alle waren nur lange Zeit nicht in der Lage, seine Andersartigkeit in Worte zu fassen – bis die Ärzte uns das nötige Vokabular lieferten: bipolare Störung. Ich bin also nicht aufgewachsen mit einem komischen Vater, sondern einem geistig kranken.

Ich bin mir nicht sicher, ob meine Mutter, die mittlerweile verstorben ist, jemals tiefgehend verstanden hat, was mit meinem Vater los ist. Sie war Krankenschwester und vor allem verliebt in ihre Arbeit – bis mein Vater auf die Bildfläche trat. Er war um die 40, gutaussehend, frisch geschieden und gerade erst aus Österreich nach Deutschland gekommen, um hier einen Neustart zu wagen.

Meine Mutter, damals schon Ende 30 und mit einem extrem starken Kinderwunsch, hat sich bestimmt allzu gerne von diesem charmanten und ungewöhnlichen Fremden umgarnen lassen.

Ihren Erzählungen und denen alter Freunde meines Vaters nach zu urteilen muss er damals schon unter seiner bipolaren Störung gelitten haben: Alle wussten, der Jupp, der ist der klügste von uns allen – aber auch der wildeste, der stellt immer etwas an. Und nun erobert er eben das Herz dieser Krankenschwester und heiratet sie Hals über Kopf.

In manischen Phasen denkt mein Vater nicht an Konsequenzen

Was nach dem Beginn einer wildromantischen Beziehung klingt, entpuppt sich erst aus heutiger Sicht als Puzzleteil seiner psychischen Störung. Wenn mein Vater in einer seiner manischen Phasen ist, handelt er bedenkenlos. Das tun auch psychisch gesunde Menschen häufig – aber nicht mit so einer Systematik, wie mein Vater es in den letzten Jahren getan hat.

Das Besondere an der bipolaren Störung ist, dass sie zwei Extreme vereint – entweder man ist besonders aktiv, oder eben das genaue Gegenteil. Bei manchen Menschen können diese Extreme wöchentlich schwanken. Bei meinem Vater tun sie das teilweise jährlich.

Deswegen ist uns auch so lange nicht aufgefallen, welchem Muster seine Störung folgt. Seine depressive Phase, die wir als “normal” und unauffällig empfunden haben, dauerte gerne mal ein paar Jahre an. Bis sie dann von einer einjährigen manischen Phase durchbrochen wurde.

Sobald diese dann vorbei war, dachten wir allerdings immer: Es wird jetzt wieder besser. Das war jetzt nur eine schlechte Zeit.

Zu viel Geld kann bei meinem Vater manische Schübe auslösen

Ich verbrachte als kleines Mädchen viel Zeit mit meinem Vater, der zu Hause war, während meine Mutter arbeiten ging. Ich sage immer, ich war ein «Papa-Kind»: Wir haben viel zusammen unternommen, sind nach Österreich gefahren, haben Fahrradtouren gemacht, sind schwimmen gegangen – die gemeinsame Zeit hat uns zusammengeschweisst.

Das erste Mal, dass mein Vertrauen zu ihm Kratzer erlitt, war nach unserem Umzug in eine grössere Wohnung. Damals war ich zwölf. Wir haben von meiner Oma etwas Geld für den Umzug selbst und neue Möbel geschenkt bekommen – und das löste eine schwere manische Phase bei meinem Vater aus. Die erste, die ich bewusst wahrnahm, ohne jedoch seine Krankheit zu erkennen.

Er stritt zu diesem Zeitpunkt viel mit meiner Mutter, war gleichzeitig sehr viel unterwegs – wo genau, wusste ich nicht. Wenn meine Mutter wieder einmal Nachtschicht hatte, sass ich manchmal abendelang allein zu Hause, ohne Nachricht von meinem Vater, wo er war und ob es ihm gut gehe. Das Papa-Kind konnte sich nicht mehr auf seinen Papa verlassen.

Erst Jahre später, als sich solche Vorfälle häuften, habe ich verstanden: Wenn mein Vater grosse Summen Geld zur Verfügung hat, dreht er einfach durch. Er gibt das Geld mit beiden Händen aus. Wird hyperaktiv. Erfindet Geschichten, zum Beispiel, dass er eine eigene Firma habe oder Diplomat sei.

Aber nach wenigen Monaten war der Spuk wieder vorbei. Mein Vater beruhigte sich und nahm seinen gewohnten Platz in seinem Sessel vor dem Fernseher ein, wo er, tagein, tagaus, vor sich her grummelte.

Erst mit 18 wurde mir bewusst, wie krank mein Vater war

Der Ernst seines Zustands wurde mir erst bewusst, als ich etwa 18 war: Damals haben wir das Haus meiner Oma verkauft, weil sie in ein Heim umzog. Den Erlös sollte ich erhalten, mein Vater hatte allerdings auch Zugriff auf das Geld. Gedacht war die Summe eigentlich als finanzielles Polster für die Zeit nach dem Abi und mein Studium.

Mein Vater allerdings verprasste einen Grossteil davon innerhalb kürzester Zeit, kaufte zwei Autos, übernachtete in Hotels, lud Freunde und Fremde zum Trinken ein. Nur ein Drittel der Summe konnte ich retten, indem meine Mutter und ich meinem Vater den Zugriff zu unseren Finanzen verweigern liessen. Das ging nur mithilfe eines Notars.

Das löste Aggressionen bei ihm aus: Wenn man meinem Vater in seiner manischen Phase Geld verweigert, ist mit ihm nicht zu spassen. Sein Zorn traf schliesslich meine Mutter, die alleinige Verdienerin und Geldgeberin der Familie. Immer verärgerter wurde er, immer schlimmer ging er sie an – bis er schliesslich handgreiflich wurde und meine Mutter ins Gesicht schlug.

Ich ging dazwischen, versuchte, meine Mutter zu verteidigen. Rief schliesslich die Polizei. Nach diesem Vorfall erhielt mein Vater Hausverbot und durfte sich unserer Wohnung nicht mehr nähern.

Später erst, als er sich wieder beruhigt hatte (was er meistens tut, wenn er über längere Zeit kein Geld zur Verfügung hat), liess meine Mutter ihn wieder bei uns einziehen. Teils tat sie das aus Mitleid – teils aber auch, weil sie rechtlich dazu verpflichtet war, ihn zu finanzieren. Die günstigere Alternative war es, sich wieder eine Wohnung zu teilen.

Endlich die Diagnose: bipolare Störung

Unter einem Vorwand schafften wir es, meinen Vater zu einem Neurologen zu schicken: Seine Hausärztin, der wir von den Ausfällen meines Vaters erzählt haben, gab ihm eine Überweisung zum «Spezialisten», angeblich wegen seiner Venen.

Der Neurologe erkannte recht schnell, woran mein Vater wahrscheinlich litt: bipolare Störung. Endlich hatten wir es schwarz auf weiss.

Nachdem mein Vater wieder bei uns eingezogen war, schien alles wie früher zu sein – und doch war alles anders. Mein Vertrauen zu meinem Vater war verschwunden.

Ich weiss, dass mein Vater keine Schuld an seiner Krankheit trägt. Und trotzdem ist so viel passiert, was ich nicht vergessen kann. Das ausgegebene Geld, die erfundenen Geschichten, die Gewalt – in den manischen Phasen fühlt es sich an, als sein mein Vater fremdgesteuert. Das ist nicht mein Papa. Das ist ein fremder Mann, der sich so verhält, als hätte er starke Drogen genommen.

Ich hatte allerdings Glück, dass ich in meiner Kindheit verhältnismässig wenig mitbekommen habe von der Krankheit meines Vaters – vor allem, weil es immer starke Frauen um uns herum gab, die ihn aufgefangen und mich vor allem Übel bewahrt haben: Das war einerseits meine Oma, die immer wieder versucht hat, meinen Vater zu beschwichtigen.

Vor allem aber hat meine Mutter für Stabilität in unserem Leben gesorgt: Obwohl sie so viel gearbeitet hat, hat sie die Familie zusammengehalten und mich unterstützt, wo es nur ging. Auch und vor allem dann, wenn mein Vater mich aufgrund seiner Krankheit nicht unterstützen konnte.

Heute passe ich auf meinen Vater auf

Heute übernehme ich diese Rolle und passe auf meinen Vater auf – trotz allem, was geschehen ist. Das gefällt ihm manchmal mehr und manchmal weniger: Da ich seit dem Tod meiner Mutter vor fünf Jahren auch unsere Finanzen verwalte, liess er es eine Zeit lang gerne mal an mir aus, wenn ich ihm in seinen manischen Phasen «zu wenig» Geld gab.

Vor zwei Jahren war eine Episode sogar so schlimm, dass ich meinen Vater in die psychiatrische Klinik einweisen lassen musste – mit 70 Jahren also war er zum ersten Mal in so einer Einrichtung. Er war wütend, fühlte sich unverstanden – aber ich habe mir nicht mehr zugetraut, mich allein um ihn zu kümmern.

Mittlerweile wohnt mein Vater in einer eigenen kleinen Wohnung unter mir und hat einen gesetzlichen Betreuer, der sich um seine Finanzen und Behördengänge kümmert. Ausserdem nimmt er Psychopharmaka, die seine Stimmungsschwankungen in der Waage halten. Unser Verhältnis ist relativ entspannt.

Ich glaube, dass psychische Krankheiten in unserer Gesellschaft nach wie vor ein grosses Tabu sind. Zwar sehe ich eine positive Entwicklung: Mein Vater wurde immerhin als bipolar diagnostiziert und bekommt nun die notwendige Unterstützung. Vor 20, 30 Jahren noch galt er einfach nur als «komisch», ohne, dass jemand einen schwerwiegenden gesundheitlichen Grund erahnt hätte.

Über die Angehörigen von psychisch Kranken wird kaum gesprochen

Ausserdem wird viel zu wenig darüber gesprochen, was psychische Krankheiten mit den Angehörigen der Betroffenen machen. Sie können aufgrund des mangelnden emotionalen Abstands die Geschehnisse oftmals schlecht einordnen, fühlen sich belastet und wissen nicht, wo sie Hilfe holen können.

Und dann fällt es vielleicht einfach schwer, zuzugeben, wenn die Familienmitglieder oder der Partner unter einer psychischen Krankheit leiden. Man will den Betroffenen in kein schlechtes Licht rücken. Ich habe damals mit meinen Freunden und Bekannten glücklicherweise recht viel darüber gesprochen, was mit meinem Vater los ist.

Dadurch habe ich nicht nur viel Anerkennung und Unterstützung erfahren – sondern im Endeffekt auch wertvolle Tipps bekommen, an wen ich mich wenden kann, wenn ich Hilfe benötige. Dass es zum Beispiel eine Krisenhotline des psychiatrischen Notdienstes gibt, habe ich erst durch eine Freundin erfahren.

Wir müssen wachsamer sein und lernen, die Zeichen psychischer Krankheit in unserem Umfeld richtig zu deuten – nicht nur, um den Betroffenen zu helfen, sondern auch deren Angehörigen. Nur auf diese Weise schaffen wir es auch, das gesellschaftliche Stigma psychischer Krankheiten aufzuheben und psychisch Kranken sowie ihren Familien zu helfen.

Protokoll: Agatha Kremplewski