Lockdown

Lange nichts von dir gehört: Wenn sich längst verschollene Bekanntschaften wieder melden

Viele nutzen die Langeweile der Isolation um alte Bekanntschaften aufleben zu lassen.

Viele nutzen die Langeweile der Isolation um alte Bekanntschaften aufleben zu lassen.

Aus Langeweile die Kontaktliste durchgescrollt und geschaut, wem man schreiben könnte? Geht gerade vielen so.

Das Handy summt. Eine unbekannte Nummer schreibt: «Hey! Wie geht’s?» Es stellt sich heraus, dass es jemand ist, mit dem man schon länger nicht gesprochen hat. Eine Situation, die in Zeiten der Isolation vielen bekannt vorkommen dürfte. Plötzlich kriegt man Nachrichten und Anrufe von längst verschollen geglaubten Bekannten. Sie kommen aus allen Ecken und wollen wissen, wie es einem geht. Und wie es so läuft.

Wie soll es schon laufen? Jeder sitzt zu Hause in Quarantäne und den meisten fällt die Decke auf den Kopf. Genau das ist höchstwahrscheinlich auch der Grund für die neu aufgelebten Bekanntschaften. Aus Langeweile scrollt man die Kontaktliste durch und überlegt, mit wem man mal wieder sprechen könnte. «Oh, lange nichts mehr von dir gehört», heisst es dann, wenn ein neues Opfer gefunden wird. Ein bisschen Small Talk folgt. Meist geht es nicht darüber hinaus. Denn in vielen Fällen hat es einen Grund, dass diese Leute nicht mehr zur Gegenwart gehören. Daran ändert auch die Langeweile meist nichts.

Hallo Ex-Freund, wie geht es dir so?

Andere nutzen aber genau diese Langeweile, um Dinge aus der Vergangenheit aufzuarbeiten. So auch die 19-jährige Rebecca Lockwood aus England, die all ihre Ex-Freunde angerufen hat. Sie wollte herausfinden, wieso die Beziehungen gescheitert sind und was sie ändern müsse, damit es sich nicht wiederholt. «Ich möchte die beste Version sein, die ich sein kann – ausserdem hatte ich gerade wirklich nichts Besseres zu tun», sagt die Studentin gegenüber britischen Medien. Alle drei Ex-Freunde haben das Telefon abgenommen und bei ihrem Experiment mitgemacht. «Es hat mir viel gebracht. Ich weiss jetzt, was ich falsch gemacht habe», sagt sie und rät allen, die etwas über sich lernen wollen, dasselbe zu tun.

Ob es gleich der Ex-Freund oder die Ex-Freundin sein muss, bleibt fraglich. Doch alte Bekanntschaften wieder aufleben zu lassen, hat schon auch Vorteile. Wenn Leute erneut ins Leben treten, zeigen sie einem eine ganz andere Sichtweise auf die Dinge. Sie kennen einen von früher und sehen jetzt einen neuen Menschen vor sich. Man könnte also ein gutes Feedback über einen selbst einholen. Und: Jetzt hat man Zeit, nicht nur seine Wohnung, sondern auch seine Bekanntschaften abzustauben und in die Beziehung zu investieren.

Weisst du noch damals, als...

Ausserdem können Erinnerungen geweckt werden. «Weisst du noch damals, als wir in den Pausen immer auf dem Rasen lagen und uns gesonnt haben», fragte mich kürzlich eine alte Unikollegin. So etwas lässt einen kurz aus der Quarantäne fliehen – zumindest gedanklich. Sich an gewisse Zeiten zu erinnern, weckt Glücksgefühle, die gerade jetzt guttun. Diese ganze Ruhe und die übermässig viele Zeit, die wir momentan haben, kann uns den Menschen wieder näherbringen. Man kann den anderen zeigen, dass man an sie denkt. Dass die gemeinsame Zeit nicht vergessen gegangen ist.

Auch wenn es befremdlich scheint, dass man sich nach vielen Jahren wieder bei jemandem meldet. Vielleicht kann so ein Missverständnis aus dem Weg geräumt werden. Vielleicht kann die Freundschaft wieder neu aufgebaut werden. Oder vielleicht kann man auch einfach nur seine Zeit etwas vertreiben. Die anderen werden es schon verstehen – momentan geht es schliesslich allen gleich.

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