Klarstellung

Können die Coronaviren als Aerosole durch die Luft fliegen?

Chorproben bergen ein Anstreckungsrisiko: Vermutlich werden beim Singen besonders viele Aerosole produziert.

Chorproben bergen ein Anstreckungsrisiko: Vermutlich werden beim Singen besonders viele Aerosole produziert.

Ein Bericht im Science-Magazin geht davon aus, dass ein «erheblicher Anteil» der Verbreitung des Coronavirus in kleinsten Aerosolen passiere. Doch der Schweizer Infektiologe Hansjakob Furrer kontert, wenn dies die Hauptübertragungsart wäre, hätte das Social Distancing nicht gewirkt.

Wer spricht, ruft, singt, hustet oder niest, stösst unzählige kleine und grössere Tröpfchen in die Luft. Wenn die Person mit dem Coronavirus infiziert ist, haften an diesen Tröpfchen Viren. Durch die Feuchtigkeit der Wasserdampfwölkchen geht ihre Virushülle nicht kaputt. Doch können die Viren auch als Aerosole durch die Luft schweben? Und sind sie dann noch ansteckend? Diese Diskussion läuft seit Beginn der Epidemie, nun mehren sich Erkenntnisse aus der Praxis.

Aerosole sind kleiner als fünf Mikrometer und so könnten die Viren viel weiter als zwei Meter fliegen. Sie fallen auch nicht gleich zu Boden, sondern können zumindest unter Laborbedingungen bis zu drei Stunden in einem Raum nachweisbar sein, wie eine Studie des Amerikanischen National Institutes of Health Mitte April zeigte. Und Aerosole entstehen schon nur beim Atmen.

Es gibt Beispiele, die nahelegen, dass dies möglich ist: So haben sich in einem Restaurant in der chinesischen Stadt Guangzhou Ende Januar zehn Gäste angesteckt, die verteilt an drei benachbarten Tischen sassen, der Erkrankte sass am mittleren der Tische. Und in einem Bürogebäude eines Callcenters in Süd Korea hatten sich 94 Personen an einer einzigen Person angesteckt, die meisten davon sassen auf derselben Seite wie der Infizierte, obwohl dieser auch mit Personen von anderen Geschossen und Ecken des Büros Kontakt hatte.

Die verflixten Ansteckungen während Chorproben

In Washington wiederum erkrankten 53 von 60 Personen nach einer Chorprobe am 10. März über einen Sänger ohne Symptome. Sie sassen zwar teilweise dicht nebeneinander, manche teilten Kekse und Orangen und sie stapelten am Schluss gemeinsam die Stühle aufeinander. Doch die massive Verbreitung ist damit nicht komplett erklärt. In der Berliner Domkantorei infizierten sich am 9. März 30 von 80 Sängern, obwohl die Abstandsregeln eingehalten wurden. Es zeigten sogar 60 die typischen Symptome, aber nicht alle wurden getestet.

Die steigende Zahl der Beispiele legt nahe, dass eine Infektion mit virenhaltigen Aerosolen zumindest möglich ist. Das Wissenschaftsmagazin Science schrieb am 27. Mai sogar: Ein grosser Anteil der Verbreitung des Coronavirus SARS-CoV-2 scheine via Luftübertragung von Aerosolen zu geschehen von Personen, die atmen und sprechen aber keine typischen Krankheitssymptome hätten.

Doch was ist «ein grosser Anteil»? Hansjakob Furrer, Direktor der Universitätsklinik für Infektiologie am Inselspital in Bern sagt:

Andere Viren sind extrem viel ansteckender

Furrer verweist auf die Spitzen Blattern (Windpocken) und Masern, die eine Reproduktionsrate von 10 bis 18 haben. «Bei Spitzen Blattern können sich Leute in einem Raum anstecken, selbst wenn die kranke Person den Raum schon verlassen hat. Die Reproduktionsrate bei Covid-19 von 2 bis 4 hingegen spricht stark gegen eine Aerosol-Übertragung.» Das heisse nicht, dass sie nicht ab und zu vorkomme, aber die Wahrscheinlichkeit sei klein.

Bei Infektionen geht es immer um Wahrscheinlichkeiten: Es braucht beispielsweise eine gewisse Menge an Viren, damit man überhaupt krank wird. «Viele der einzelnen Viren haben nicht die Fähigkeit, die Krankheit zu übertragen, weil sie Schäden haben», erklärt Furrer. Doch wenn viele Faktoren zusammen kommen, kann es zu sogenannten Superspreader-Events kommen, von denen bezüglich SARS-CoV-2 nun die Rede ist (siehe Kasten). In der Regel verbreitet sich das Virus zögerlich, aber wenn eine Person gerade an jenem Tag Chorprobe hat, an dem ihre Virenlast sehr hoch ist, wenn sie laut singt und im Raum zudem eine für Viren angenehme Feuchtigkeit herrscht, könnte es doch zu einer Ansteckung mit Aerosolen kommen.

Je kleiner die Luftpartikel, desto fieser

Eine solche Verkettung unglücklicher Zufälle, die zur Entstehung vieler viraler Aerosole führt, kann einen weiteren Nachteil mit sich ziehen: Studien über andere Viruserkrankungen wie die Grippe haben gezeigt, dass die Grösse der Aerosole den Schweregrad der Erkrankung beeinflusst. Aerosole, die kleiner sind als ein Mikrometer, führen zu schwereren Infektionen. Dies, weil die Viren tief in der Lunge besser andocken können und dort die lokale Immunabwehr schwächer ist. Tröpfchen bleiben in der Schleimhaut oder an den Flimmerhärchen hängen.

Man weiss noch nicht genug darüber, wie leicht das Coronavirus in einen neuen Wirt gelangt, wie viele Viren es dazu braucht und wie robust es gegenüber Umwelteinflüssen ist. Die Praxis zeigt nur: Social Distancing und Händewaschen hilft in den allermeisten Fällen.

© CH Media

Faktoren die einer Übertragung des Virus durch die Luft zudem entgegen spielen, sind: frische Luft, gut gelüftete Räume, Sonnenlicht, trockene und warme Luft, nicht schreien, Abstand halten und das Tragen einer Maske an belebten Orten in geschlossenen Räumen.

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