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Kampf gegen Antibiotika-Resistenzen: Studie zeigt, dass gegen Blutvergiftungen weniger Antibiotika nötig sind

Antibiotika sind entscheidend bei der Behandlung einer schweren Blutvergiftung.

Antibiotika sind entscheidend bei der Behandlung einer schweren Blutvergiftung.

Forschungserfolg von Schweizer Infektiologen im Kampf gegen die globale Gefahr von Antibiotika-Resistenzen.

Die Resistenzen gegen Antibiotika sind ein globales und immer grösser werdendes Problem. Wirkt dieses Medikament nicht mehr, sind Patienten den Bakterien ausgeliefert. In Europa sterben jährlich 25000 Menschen wegen Antibiotika-resistenter Bakterien. Gemäss einer Studie aus dem Jahr 2016 wird die Zahl dieser Todesfälle bis ins Jahr 2050 auf 10 Millionen ansteigen. Der Kampf gegen die Antibiotika-Unempfindlichkeit ist somit dringlich.

In renommierter Fachzeitschrift publiziert

Einen Schritt in diese Richtung haben Forscher aus dem Kantonsspital St.Gallen und den Universitätsspitälern Genf und Lausanne mit einer vom Schweizerischen Nationalfonds finanzierten Studie gemacht, die heute in der Fachzeitschrift JAMA (Journal of the American Medical Association) publiziert wird.

Antibiotika sind entscheidend bei der Behandlung von schweren bakteriellen Infektionen wie zum Beispiel bei einer Blutvergiftung. Fäkal- oder Umweltbakterien machen etwa die Hälfte aller Blutvergiftungen aus und so ist Escherichia coli der am häufigsten dafür verantwortliche Erreger. Solche Blutstrominfektionen kommen in der Schweiz etwa 10000 Mal pro Jahr vor. Bislang war die optimale Antibiotika-Therapiedauer bei diesen Patienten nicht bekannt. Standardmässig ist eine Dauer von 14 Tagen. Die forschenden Ärzte Angela Huttner, Werner Albrich und Pierre-Yves Bochud haben nun untersucht, wie lange die Behandlungsdauer wirklich sein muss.

Drei unterschiedlich lange Therapiedauern

Sie teilten 504 Patienten mit solchen Blutvergiftungen in drei Gruppen ein, welche eine unterschiedliche Behandlungsdauer erhielten: 14 Tage, sieben Tage oder eine individualisierte Dauer zwischen fünf und 14 Tagen, je nach Verlauf des Entzündungsmarkers CRP im Blut. Dieser CRP-Wert fällt, wenn die Infektion erfolgreich mit Antibiotika behandelt wird.

Die Untersuchungen der Schweizer Forscher zeigten, dass die siebentägige wie auch die individuelle gesteuerte Therapie gleich gut sind wie die 14-tägige. In der klinischen Praxis bedeutet das, dass für den gleichen Erfolg deutlich weniger Antibiotika bei der Behandlung dieser Blutvergiftungen eingesetzt werden kann. «Hochgerechnet könnte man sagen, dass bei einer Reduktion von 14 auf sieben Tage in der Schweiz rund 55000 bis 70000 Antibiotikatage eingespart werden», sagt der Infektiologe Werner Albrich vom Kantonsspital St.Gallen.

Wichtigster Risikofaktor

Der Antibiotikaverbrauch ist der wichtigste Risikofaktor für die Entstehung und Verbreitung von Resistenzen. Mit der Verkürzung der Therapien kann der Druck auf Bakterien gemindert werden, gegen Antibiotika unempfindlich zu werden. «Der zweitwichtige Aspekt ist, dass Antibiotika unsere körpereigene Bakterienflora, das Mikrobiom, negativ beeinträchtigen und so Allergien, Stoffwechselerkrankungen und sogar weitere Infektionserkrankungen begünstigen können», sagt Albrich von der Klinik für Infektiologie. Indem weniger Antibiotika verschrieben werden, besteht die begründete Hoffnung, dass diese Erkrankungen verhindert oder zumindest weniger wahrscheinlich werden, was Studien bestätigen.

Ihre Erkenntnisse gäben den Ärzten das Vertrauen, dass sie zum einen kürzer behandeln dürfen und auch sollen, ohne den Patienten zu gefährden. Zum anderen zeigten sie auch, dass bei gewissen Patienten sogar schon eine fünftägige Behandlung ausreiche, sagt Werner Albrich.

Autor

Bruno Knellwolf

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