Solidarität

In der Schweiz gab es schon oft Katastrophen – doch sie machten unser Land produktiver

© Rolf App

Bergstürze, Brände, Überschwemmungen, Seuchen: Sie waren schlimm für die Bevölkerung, doch durch sie hat die Schweiz Solidarität gelernt.

Es ist eine Katastrophe besonderer Art, die gerade über die Schweiz hereinbricht. Das öffentliche Leben steht still, die Krankenhäuser bereiten sich auf eine wachsende Zahl von Corona-Kranken vor. Und während insbesondere die besonders Gefährdeten aufgefordert werden, zu Hause zu bleiben, kümmert sich die Nachbarschaft um sie. Solidarität heisst das Wort der Stunde, sie entfaltet sich an vielen Orten unseres Landes. Doch Solidarität, das muss man lernen – als Einzelner, aber auch als Nation. Man lernt sie im rauen Leben, im Moment der Krise.

Im Falle der Schweiz sind es eine grosse Zahl an Katastrophen, aus denen heraus das Land jenen Zusammenhalt entwickelt hat, auf den es heute zählen kann. Da grassieren über Jahrhunderte Seuchen wie die Pest, die Pocken, die Tuberkulose oder die Cholera. Da treten immer wieder Flüsse und Seen über die Ufer. Da begraben Bergstürze ganze Dörfer unter sich. Da brennen Städte nieder. Und immer stellt sich nicht nur die Frage: Was können wir tun, damit sich so etwas nicht wiederholt? Sondern zuallererst: Wie geht es jetzt weiter?

Auf dem Rhein tanzen die Särge

Greifen wir ein besonders prägendes Ereignis heraus. Es ist lange her, aber es hat viel bewirkt – auch politisch. Am 27. und 28. September 1868 gehen sintflutartige Regenfälle über die Kantone Tessin, Wallis, Graubünden, Uri und St. Gallen nieder. Nicht nur der Regen füllt Bäche, Flüsse und Seen. Auch Föhnwinde lösen in höheren Lagen zur Unzeit eine Schneeschmelze aus. Nie mehr erreicht der Lago Maggiore danach ein solches Niveau.

Das hat Folgen bis in die Täler: Im Kanton St. Gallen stehen weite Teile der Rheinebene unter Wasser. Die Versorgung mit Nahrungsmitteln und Trinkwasser bricht zeitweise zusammen, an einigen Orten werden vom Rhein Friedhöfe aufgewühlt und Särge mitgerissen. Halbverweste Leichen tanzen auf seinen Fluten.

Überschwemmungen von 1868. Es gibt davon ein Aquarell aus dem  St. Galler Rheintal.

Überschwemmungen von 1868. Es gibt davon ein Aquarell aus dem St. Galler Rheintal.

Der Bundesrat nutzt die Stunde

Die Eidgenossenschaft ist ein junges Staatswesen. Hervorgegangen aus einem kurzen Bürgerkrieg, dem Sonderbundskrieg von 1847, hat es noch wenig Gelegenheit gehabt, zu zeigen, dass es für alle da ist – auch für die Verlierer von damals. Doch «der Bund nutzt die Gelegenheit», sagt Christian Pfister, emeritierter Professor für Wirtschafts-, Sozial- und Umweltpolitik an der Universität Bern, der noch immer aktiv ist in der Klimaforschung. «Er hat sich in dieser Zeit zum ersten Mal richtiggehend inszeniert und die Initiative ergriffen, indem er ins am meisten betroffene Tessin gereist ist, um dort seine Solidarität zu bekunden.»

Christian Pfister , Historiker

Christian Pfister , Historiker

Dann startet er eine nationale Sammelkampagne, die unter der – in der Bundeskuppel verewigten – Devise steht: «Einer für alle, alle für einen». 3,6 Millionen Franken und mehrere Tonnen Lebensmittel kommen zusammen, es ist der grösste Sammelerfolg in der Schweizer Geschichte. Doch damit nicht genug: Diese Katastrophe legt auch den Grundstein für eine wirksame Katastrophenvorsorge. «Überregionale Flusskorrektionen werden an die Hand genommen, die der Bund koordiniert.»

Auch wenn das 19. Jahrhundert zu einer besonders prägenden Zeit wird: Einander zu unterstützen, das haben schon die alten Eidgenossen gelernt.

, sagt Christian Pfister. «Oft hat man da gespendet, wenn andere in Not geraten sind, und dafür eine Quittung verlangt – für den Fall, dass man selber einmal in eine ähnliche Lage geraten würde.» Die Hilfe der Eidgenossen untereinander sei zwar nicht immer sehr wirksam gewesen, aber «auf der symbolischen Ebene wichtig». Den Einzelnen unterstützt hat man dabei auch mit Bettellizenzen: Normalerweise war Betteln verboten, in der Krise aber ist es erlaubt.

Freilich kennt diese Solidarität auch Grenzen. Sie funktioniert vor allem dort gut, wo Katastrophen regional begrenzt bleiben. Und: wo die Bedrohung fassbar ist. Ein Brand, eine Überschwemmung: Da wissen die Menschen, was sie zu tun haben.

, sagt Pfister. «Da hat man die Bettler verscheucht, denn man wusste: Sie können ansteckende Krankheiten übertragen.»

Auch die mittelalterlichen Ärzte versuchten sich gegen Ansteckungen zu schützen: Sie visitierten Kranke in solchen Schutzmonturen.

Auch die mittelalterlichen Ärzte versuchten sich gegen Ansteckungen zu schützen: Sie visitierten Kranke in solchen Schutzmonturen.

Auch in Hungersnöten ist sich jeder selbst der Nächste, und Verträge werden manchmal nahezu wertlos. Christian Pfister erläutert es an einem Beispiel. «Im Bundesvertrag von 1815 gab es einen Passus, dass kein Kanton dem andern die Getreidedurchfuhr sperren darf», erklärt er. Schon 1816 löst der Ausbruch des Vulkans Tambora in Indonesien globale Klimaveränderungen aus, die auch in der Schweiz zu Missernten und einer Hungersnot führen. «Prompt sperrt der Kanton Bern die Getreideausfuhr, und alle andern Kantone folgen ihm. Und zwar deshalb, weil die Bevölkerung das verlangt.» In der Ostschweiz führt das zu einer tiefen Krise, weil sie auf die Getreidezufuhr aus Süddeutschland angewiesen ist.

Wir stehen hier freilich schon an der Schwelle zu einer neuen Zeit. Aus den eigenständigen Territorien der Alten Eidgenossenschaft entsteht unter dem Einfluss der Französischen Revolution Schritt für Schritt eine Nation. Gerade in Katastrophen treten in zunehmendem Mass private Hilfsorganisationen in Aktion, «und zwar, das muss hervorgehoben werden, in erster Linie getragen von Frauen», streicht Christian Pfister hervor. «Es gab Suppenküchen und Sammelaktionen. In der Westschweiz trägt dies wesentlich dazu bei, dass die Krise von 1816 nicht so gravierend ausfällt wie in anderen Landesteilen.»

Sogar die Auswanderer greifen in den Geldbeutel

Wie reich gerade das 19. Jahrhundert an Bewährungsproben ist, hat 2006 das Forum Schweizer Geschichte in Schwyz in der Ausstellung «Der Berg kommt. Risikokultur in den Alpen» eindrücklich gezeigt. Ein paar der da geschilderten Ereignisse nur: 1806 begräbt der Goldauer Felssturz einen ganzen Landstrich unter sich, der amtierende Schweizer Landammann ruft mit Erfolg zu Spenden auf. 1834 verwüsten Überschwemmungen den ganzen Alpenraum. Weil der eidgenössische Staatenbund praktisch handlungsunfähig ist, tritt bei der Organisation der Hilfe zum ersten Mal ein privater Akteur in Erscheinung: die Schweizerische Gemeinnützige Gesellschaft. Und als sich 1881 oberhalb von Elm etwa zehn Millionen Kubikmeter Gestein lösen, berichten Medien auf der ganzen Welt. Sogar Schweizer Auswanderer in den USA greifen jetzt in den Geldbeutel.

Der Bergsturz von Elm löste in der ganzen Schweiz eine Solidaritätswelle aus.

Der Bergsturz von Elm löste in der ganzen Schweiz eine Solidaritätswelle aus.

So entstehen miteinander Solidarität und nationale Identität. Das betont der Historiker Joseph Jung, der kürzlich im Verlag NZZ Libro in seinem Buch «Das Laboratorium des Fortschritts» eine Geschichte der Schweiz im 19. Jahrhundert vorgelegt hat. Als ein besonders eindrucksvolles Beispiel greift er den Brand von Glarus im Jahr 1861 heraus, bei dem zwei Drittel der Stadt in Schutt und Asche gelegt und 2200 Menschen auf einen Schlag obdachlos werden. «Das löst eine unglaubliche Solidaritätswelle aus, es ist eine Art Glückskette-Aktion.» Die schulpflichtigen Kinder werden evakuiert, in Zürich und anderswo über längere Zeit in Familien einquartiert und unterrichtet – auch von namhaften Professoren von Universität und ETH.

Als er erfährt, dass bei dem Brand ein enger Freund seine ganzen Bücher verloren hat, da geht der Zürcher Politiker und Unternehmer Alfred Escher hin und plündert seine eigene Bibliothek. Die von ihm mitgegründete Schweizerische Kreditanstalt spricht 10 000 Franken für den Wiederaufbau, andere ziehen nach.

Auffällige Parallelen zur heutigen Lage mit dem Corona-Virus zeigen sich schliesslich 1867, als es in Zürich zur letzten grossen Cholera-Epidemie kommt, eingeschleppt von einer Familie aus Italien. Vom Sommer bis in den Oktober sterben fast 5000 Menschen, und um die Epidemie einzudämmen, wird nicht nur eine Meldepflicht eingeführt. Sondern, erklärt Joseph Jung, «man hat die Kranken auch isoliert, hat Häuser und Gassen desinfiziert und teilweise auch abgesperrt. Und schliesslich wurde diskutiert, ob man nicht auf all die Tanzvergnügen und das Zusammensitzen in den Restaurants verzichten sollte.» Ganz wie heute.

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