Isolation

In der Isolation sind wir auf uns selbst zurückgeworfen – das kann eine Chance sein

© Raffael Schuppisser

Ein Astronaut, ein ehemaliger Häftling, eine Sennin und zwei Forscher erzählen, was es braucht, um die Zeit in der Abgeschiedenheit gut zu überstehen.

Der Mensch ist nicht für die Einsamkeit geschaffen. «Nichts ist so unerträglich für den Menschen, als sich in einer vollkommenen Ruhe zu befinden, ohne Leidenschaft, ohne Geschäfte, ohne Zerstreuung, ohne Beschäftigung», schreibt der französische Philosoph Blaise Pascal im 17. Jahrhundert. Das Abwenden der Langeweile steht am Ursprung des sozialen Lebens und treibt die Wirtschaft an. Theater, Kino, Buchhandlungen, Vergnügungsparks – all das bietet dem Menschen Zerstreuung.

Unser Gehirn braucht einen nie versiegenden Strom von Inputs,  die es filtert, umformt und weiterverarbeitet. Einiges geschieht bewusst, vieles unbewusst. Doch bleiben die Reize längere Zeit aus, drehen wir durch.

Der britische Psychologe Ian Robbins führte 2008 das Experiment der «Totalen Isolation» durch. Begleitet wurde es vom Fernsehsender BBC. Die Ausgangslage ist simpel: Sechs Freiwillige wurden 48 Stunden lang in eine komplett dunkel, schalldichte Zelle eingeschlossen. Von den sechs Probanden begannen während des Experiments drei zu halluzinieren. Wenn die Informationen ausbleiben, erzeugt sich das Gehirn selber welche, um sie verarbeiten zu können. So sehr ist es auf Inputs angewiesen.

Je weniger Reize, desto schlimmer für das Gehirn. In einem anderen Experiment wurden Probanden in einen schalldichten, dunkeln Wassertank gelegt. So wurden auch die taktilen Reize auf ein Minimum reduziert. Der Deckel konnte jederzeit von innen geöffnet werden. Lediglich 5 Prozent der Probanden hielten es die vorgesehene Stunde aus.

Das sind Extremformen von Isolation. Doch, wer sich ein Leben in Freiheit und Selbstbestimmung gewöhnt ist, dem wird auch ein gut ausgestattetes Spitalzimmer oder ein komfortables Homeoffice schnell zu eng. Das Gute allerdings: Der Mensch gewöhnt sich auch an die Isolation. Das zeigten Beispiele von Menschen, die über längere Zeit in Abgeschiedenheit leben müssen. Astronauten zum Beispiel. Über ein halbes Jahr dauert ein gewöhnlicher Aufenthalt in der Internationalen Raumstation ISS – ganze 362 Tage war der Deutsche Alexander Gerst auf der Station, ehe er im Dezember 2018 die Erde wieder betrat.

Dietrich Manzey ist Professor für Psychologie an der Technischen Universität Berlin und betreut europäische Astronauten während ihrer Missionen auf der ISS.

, sagt er. Die Astronauten würden darauf vorbereitet. Während längerer Missionen telefoniert Manzey oder eine Kollegin alle 14 Tage mit ihnen. «Wir wollen damit sicherstellen, dass es ihnen gutgeht», sagt der Psychologe. Dazu gehört auch ein breites Unterhaltungsangebot mit Filmen, Musik und digitalen Büchern. Wenn Astronauten klagen, dann sei es vor allem dann, wenn sich ihre Mission in einer Phase befindet, in der die tägliche Arbeit bloss noch Routine ist.

Sich Ziele setzen: Wie man die Quarantäne positiv nutzt

Solange der Mensch das Gefühl hat, einer sinnvollen Arbeit nachzugehen, geht es ihm gut – auch in der Isolation.

, sagt der Psychologe. Anders gesehen gibt das aber auch wieder Gestaltungsspielraum: Der Mensch kann zur Triebfeder seines eigenen Handelns werden. «Wir müssen umdenken. Sobald es uns gelingt, die Situation anders zu sehen, können wir sie auch positiv nutzen», sagt der Psychologe. Plötzlich ist da Zeit, um Neues zu lernen – eine Fremdsprache beispielsweise – oder sich mit Dingen zu beschäftigen, die man schon immer einmal tun wollte. Sei es auch nur, das Haus Zimmer für Zimmer aufzuräumen. Und sich am Ende des Tages über das getane Werk zu freuen.

Wichtig bleiben auch in der Isolation soziale Kontakte. Hier tun technische Möglichkeiten wie Videotelefonie oder soziale Netzwerke ihre Dienste. Auch Astronauten können täglich mit ihrer Familie telefonieren. «Das ist wichtig und wird rege genutzt», sagt Manzey. Der Mensch ist zwar nicht für die Einsamkeit geschaffen. Isolation kann er aber – mit genügend Sinneseindrücken – ganz gut aushalten.

Christiane Heinicke: Ein Jahr lang auf dem Mars

© Bilder: Keystone, NASA, Peter Fankhauer, Marcel Nicolaus, zvg

Nach Monaten fehlten Christiane Heinicke die Gespräche mit anderen Menschen. Sie war zwar nicht alleine eingesperrt, doch manchmal half das nur wenig. «Irgendwann hat man sich nämlich alles erzählt und kennt die Einstellungen der anderen», erzählt sie. Zusammen mit fünf anderen Menschen lebte die Deutsche ein Jahr lang in einer Marsstation. Aufgebaut wurde sie natürlich nicht auf unserem Nachbarplaneten, sondern auf einem Vulkan auf Hawaii. Mit diesem Experiment wollten von der Nasa unterstützte Wissenschafter die psychologischen Folgen einer Marsmission untersuchen und waren deshalb um möglichst realistische Bedingungen bemüht.

Zwar hatten die sechs Teilnehmer übers Internet Kontakt zur Aussenwelt, aber nur mit 40-minütiger Verzögerung. So lange dauert es, bis eine Nachricht vom Mars auf die Erde und wieder zurück geschickt wird. Schnell mal auf Websites surfen geht so nicht, telefonieren auch nicht. Sprachnachrichten und Videobotschaften sind immer nur Monologe. Es fehlt die Diskussion.

Die Marswohnung hatte eine Fläche von 100 Quadratmetern. «Da kann man sich nicht so leicht aus dem Weg gehen», sagt die heute 34-Jährige. Zu Beginn des Experiments haben sich die sechs Teilnehmer zusammengesetzt und besprochen, wie sie mit Konflikten umgehen wollen. «Wir haben uns darauf geeinigt, dass wir alles, was uns am Zusammenleben zu stören beginnt, möglichst früh und sachlich ansprechen», erzählt Heinicke. Daran hätten sie sich gehalten, was erstaunlich gut geklappt habe.

Das sei wichtig gewesen. Denn einfach rausgehen ging nicht. Nur nach langen Vorbereitungen und mit Marsanzug. Und auch dann konnten sich die Teilnehmer nicht frei bewegen, sondern mussten ihrer Arbeit nachgehen. Die Geophysikerin untersuchte, wie aus Vulkanstein Wasser gewonnen werden kann. «Dass ich einer sinnvollen Arbeit nachgehen konnte, hat mir sehr geholfen», sagt sie.

Am schwierigsten hat Heinicke die Zeit nach einem halben Jahr empfunden. Der Anfang war schon weit, das Ziel noch fern. «Man gerät in einen Trott, der ermüdet», sagt sie. Irgendwann haben die Marsbewohner ihre Wohnung umgestellt, um eine neue Perspektive zu gewinnen. Eine möglichst wohnliche Atmosphäre dürfe für eine Marsmission nicht unterschätzt werden, bilanziert Heinicke.

Eine Reise zu unserem Nachbarplaneten wird Astronauten wohl noch ganz anders strapazieren. Denn diese dauert – je nach Plan – rund 2,5 Jahre. Sechs Monate Hinflug, 1,5 Jahre dort leben, bis der Abstand zur Erde wieder günstig für den Rückflug ist. Dann wieder sechs Monate im Raumschiff. Eingesperrt in einem engen Raumschiff. Irgendwo in der Ferne ein kleiner roter Punkt, der Mars. Und auf der anderen Seite ein kleiner blauer Punkt, die Erde. Sonst ist da nur Dunkelheit.

Hugo Portmann: Im Gefängnis zu sich selber gefunden

© Bilder: Keystone, NASA, Peter Fankhauer, Marcel Nicolaus, zvg

Hugo Portmann sass 35 Jahre lang im Gefängnis. Der Isolation entfloh der berühmte Bankräuber mehrmals: Einmal schippte er einen hohen Schneehaufen, um über die Gefängnismauer zu springen; ein anderes Mal rannte er bei einem Gebirgslauf davon, bei dem er als Häftling teilnehmen durfte. Heute sagt Portmann: «Die Haft hat mich als Mensch verändert, sie hat mich stärker gemacht und nicht gebrochen.»

Nach seiner letzten Festnahme setzte er sich ein Ziel: Legal die Freiheit zurückzubekommen. Und ohne Therapie. Im Sommer 2018 wurde er entlassen. «Für die meisten Menschen ist Freiheit ein selbstverständliches Gut. Wer aber einmal isoliert war, lebt danach bewusster», sagt Portmann. Eine zeitlich begrenzte Isolation sei deshalb nichts Schlechtes. «Sie hilft, sich zu besinnen und sich selber zu finden. Heute fehlt den meisten Menschen ja die Zeit, um nachzudenken.»

Doch es brauche zwei Dinge, damit man nicht kapituliere: Disziplin und Tagesstruktur. Im Gefängnis hat Portmann sich aufgetragen, jeden Tag Sport zu machen. Fitnessgeräte gab es in seinen frühen Haftjahren nicht. Er machte deshalb Liegestützen und Rumpfbeugen; statt Hanteln stemmte er gefüllte Wasserflaschen. Heute sei es einfach, Fitnessübungen online zu finden: «Yoga kann ich jedem empfehlen. Man muss jetzt nicht Gugus-Geräte kaufen, die in zwei Monaten dann im Müll landen», sagt er. Ausreden für eine lasche Disziplin lässt Portmann nicht gelten: «Jeder hat einen Schweinehund in sich, aber jeder ist auch ein Hundeführer.»

Neben dem Sport hat Portmann in der Haft viel gelesen. Querbeet, was ihm unterkam. «Isolation beginnt im Kopf. Beim Lesen ist man aber selbst im Gefängnis frei.» Heute arbeitet er als Müllmann. Er gehe jeden Tag gerne zur Arbeit, das Leben im Knast habe seine Prioritäten verschoben: «Heute lebe ich bescheiden, Konsum und Statussymbole sagen mir nichts mehr.» Treu ist er dem Sport geblieben: Strecken unter 100 Kilometer legt er mit dem Velo zurück. Portmann ist überzeugt: «Eine Isolation auf Zeit ist eine Chance.»

Sarah Müri: Mit 250 Schafen alleine auf der Alp

© Bilder: Keystone, NASA, Peter Fankhauer, Marcel Nicolaus, zvg

Wenn die Alpsaison beginnt, empfindet es Sarah Müri als Erleichterung, endlich mal ihre Ruhe zu haben. Im Turtmanntal im Oberwallis hat sie in den letzten drei Sommern mit ihren beiden Hunden 250 Schafe gehütet. Oft sieht sie eine Woche lang keinen Menschen, und in der Alphütte hat nicht mal das Telefon Empfang.

Es ist eine Lebensform, die sie selber gewählt hat. Doch wenn sie auf der Alp tagelang mit niemandem redet, kommt irgendwann die Einsamkeit. «Tagsüber ist es einfacher, weil ich aktiver bin, aber die Abende sind manchmal schon recht lang», sagt sie. Sie hört dann Radio, zeichnet und liest vor allem sehr viel. Keine Sachbücher und schon gar keine Krimis. «Man kann sich leicht in etwas reinsteigern und sieht komische Sachen. Deshalb lese ich unbeschwerte Bücher, die mich in eine andere, leichte Welt mitnehmen.» Romane wie «Der Himmel über dem Kilimandscharo» von Anne Jacobs, der ihr im letzten Sommer angenehme Stunden bereitet hat.

«Die Herausforderung ist, mit sich selber zu sein, ohne sich ablenken zu können», erzählt die 37-Jährige. Besonders gegen Ende der hunderttägigen Saison komme das Bedürfnis, sich auszutauschen, jemandem zu erzählen, ob sie einen guten oder schlechten Tag hatte. Langweilig wird es ihr mit den Hunden und Schafen nie, die Tiere lindern die Einsamkeit, sie redet auch mit ihnen, aber Gesprächspartner sind es nicht. Wenn der Drang stark wird, sucht sie dann mal tagsüber jenen Standort auf, an dem ihr Telefon Empfang hat, und ruft die Eltern oder Freunde an.

Ihrer Erfahrung nach ist es aber durchaus lernbar, mit der Einsamkeit umzugehen. Im dritten Alpsommer sei das Verlangen, sich mitzuteilen, nicht mehr so stark gewesen wie im ersten. «Wenn du dich nicht ablenken kannst, beginnst du dich von dem zu nähren, was zu hast», sagt sie. Die Wahrnehmung verändere sich extrem, kleine Erlebnisse werden wertvoller, sie geniesse dann zum Beispiel schönes Wetter viel intensiver. Alles in allem gefällt ihr das Dasein als Alphirtin so gut, dass sie auch diesen Sommer wieder mit den Schafen in die Berge geht.

Claude Nicollier: Isolation mit Aussich

© Bilder: Keystone, NASA, Peter Fankhauer, Marcel Nicolaus, zvg

Viermal ist Claude Nicollier in den 90er-Jahren in den Weltraum geflogen, damit ist er noch immer der einzige Schweizer, der es in den Orbit geschafft hat. In einem Spaceshuttle hat er insgesamt 43 Tage mit anderen Astronauten auf engstem Raum verbracht. «Viel Platz hat man da tatsächlich nicht», sagt Nicollier, «doch der Blick durch die grossen Fenster auf die Erde und den Himmel entschädigte alles.» Es sei ein sehr privilegierter Ort für eine Isolation gewesen, sagt der heute 76-Jährige, der noch immer als Professor an der ETH Lausanne arbeitet.

Rund zwölf Stunden verbrachte Nicollier mit der täglichen Arbeit im All. Bei zwei Missionen ging es darum, am Hubble-Teleskop neue Instrumente anzubringen. Dafür unternahm der Schweizer auch einen Aussenbordeinsatz. Sogenannte Space Walks gelten unter Astronauten als das Grösste. «Nein», sagt Nicollier, «langweilig war mir da wirklich nie.»

David Wagner: In permanenter Dunkelheit im arktischen Eis festgefroren

© Bilder: Keystone, NASA, Peter Fankhauer, Marcel Nicolaus, zvg

Im vergangenen Herbst reiste Schneeforscher David Wagner in Dunkelheit, Schnee und Eis. Statt im Institut für Schnee- und Lawinenforschung SLF in Davos arbeitete er an Bord der bislang grössten Arktisexpedition namens Mosaic. Rund ein Jahr lang ist dafür ein Schiff im arktischen Eis eingefroren. Es ist das temporäre Zuhause von hundert Wissenschaftern und Crewmitgliedern. Zwei Monate lang leben sie in der Isolation, danach löst ein neues Team sie ab.

Zu Beginn der Expedition war es Wagner manchmal mulmig zumute: «Ich war noch nie so weit weg von der Zivilisation. Das verunsichert», sagt der 31-Jährige. Nach zwei Wochen hatten sich die Bedenken aufgelöst und nach zig Stunden auf stürmischer See hatte er Vertrauen ins Schiff gewonnen. «Der Faktor Zeit hat mir geholfen, mich mit der neuen Situation zu arrangieren. Aber auch das Besinnen auf die Sicherheitsvorkehrungen: Ich habe mir immer wieder vor Augen geführt, wie viele Essensvorräte und wie viel Öl sich an Bord befinden, um auch eine Notsituation zu überstehen.» Auf dem Schiff waren Wissenschafter, die schon mehrere Expeditionen in die Arktis oder in die Antarktis unternommen hatten. «Sie strahlten eine Ruhe aus, die auf die ganze Gruppe abfärbte», sagt Wagner.

Als das Festland am Horizont verschwand, empfand er das Zusammenleben mit 100 Menschen auf kleinstem Raum als anstrengend. Doch er gewöhnte sich daran. «Wir befanden uns in einem Mikrokosmos. Je länger wir unterwegs waren, umso stärker wuchsen wir zu einer Gruppe zusammen. Was ausserhalb passierte, wurde unbedeutender. Es war zunehmend wichtig, sich innerhalb dieser Gemeinschaft zurechtzufinden.»

Eine Gemeinschaft, die in permanenter Dunkelheit auf dem Polarmeer lebte. Licht gab es nur künstlich, die Sonne schafft es im arktischen Winter nicht über den Horizont. Fixe Essenszeiten bestimmten die Tagesstruktur. Daneben fanden regelmässige Meetings statt. Ansonsten arbeitete Wagner vor allem auf der Eisscholle, an der das Schiff festgemacht war. Dort untersuchte er Eis und Schnee. «Die Zeit verging rasch, weil wir viel zu tun hatten.» Abends sass er mit Forschern und Crew zusammen, ging in die schiffeigene Sauna oder schrieb E-Mails. Einmal pro Monat rief er über das Satellitentelefon seine Freundin an.

Die Rückkehr in den Schweizer Alltag empfand Wagner nicht nur als Befreiung. Er sei zwar froh um Annehmlichkeiten auf dem Festland gewesen, aber die Gruppe fehlte ihm. «Die Isolation hat das Leben einfacher gemacht. Es fand auf kleinstem Raum statt und die Abläufe waren geregelt.» Wenn Wagner nochmals für eine solche Expedition angefragt würde: Er wäre mit an Bord.

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