Nadia Kummer

Im Einsatz zwischen Viren und Milizen: Diese Schweizerin kämpft im Kongo gegen das Ebola-Virus

Nadia Kummer arbeitet für Médecins sans Frontieres und hat im Kongo gegen Ebola gekämpft. © Annette Boutellier

Nadia Kummer arbeitet für Médecins sans Frontieres und hat im Kongo gegen Ebola gekämpft. © Annette Boutellier

Die Berner Pflegefachfrau Nadia Kummer kämpft in konfliktreichen Gegenden Kongos gegen das Ebola-Virus. Der letzte Einsatz war die strengste Zeit ihres Lebens.

Nach jedem Einsatz wird Nadia Kummer von ihrem Vater gefragt: Hörst du nun auf damit? Und jedes Mal antwortet sie: Nein. So war es auch diesmal, als sie im Juni aus der Demokratischen Republik Kongo zurückkehrte – einem Land, das gleichzeitig unter einer Ebola-Epidemie und unter gewaltsamen Konflikten leidet.

Innert eines Jahres sind rund 1800 Menschen an Ebola gestorben, es ist die zweitgrösste Epidemie, seit das Virus in den Siebzigern entdeckt wurde. Zwei Ebola-Behandlungszentren mussten im März nach bewaffneten Angriffen geschlossen werden. Während sechs Wochen leitete Nadia Kummer für die Hilfsorganisation Ärzte ohne Grenzen ein Pflegeteam in der Stadt Bunia im Osten Kongos. Für die 28-jährige Neuenburgerin war es die strengste Zeit ihres Lebens. Dabei hatte der Einsatz ruhig begonnen. Als sie dort ankam, hatte es in diesem Gebiet seit über zwei Monaten keinen Fall von Ebola gegeben. Bei allen Patienten, die mit verdächtigen Symptomen wie Fieber, Kopfschmerzen, Übelkeit in ihrem medizinischen Zentrum eingeliefert wurden, konnte nach Labortests Entwarnung gegeben werden. Oft waren es Masern, welche die Symptome hervorgerufen hatten, und so nutzte das Pflegeteam um Nadia Kummer die Zeit, um eine Masern-Impfkampagne vorzubereiten.

Doch zwei Tage vor dem geplanten Start der Kampagne traf eine Ambulanz bei ihnen ein. An Bord eine 32-jährige Frau, die unterwegs gestorben war. An Ebola. Das änderte alles, an eine Impfkampagne gegen Masern war nicht mehr zu denken.

Das Ebola-Virus ist längst nicht so ansteckend wie Masern

Eine Infektion mit dem Ebola-Virus verläuft in ungefähr der Hälfte der Fälle tödlich. Doch es ist längst nicht so ansteckend wie Masern, im Prinzip kann man sich gut schützen. «Ich musste mir abgewöhnen, mich mit den Händen im Gesicht zu berühren», erzählt Nadia Kummer. Während den gesamten sechs Wochen im Kongo durfte sie keinen Menschen berühren, «keine Umarmung nach einem heftigen Tag». Um verdächtige Patienten zu untersuchen, stieg sie in einen Ganzkörperanzug, zog Gesichtsmaske und Schutzbrille, Gummihandschuhe und -stiefel an.

Die Aufgabe ihres Zentrums wäre es gewesen, kranke Menschen zu untersuchen und die tatsächlich vom Ebola-Virus Befallenen zur Behandlung an ein anderes Zentrum weiterzuleiten. Doch es kam anders. Kaum war der erste Fall aufgetreten, flammten die Konflikte zwischen verschiedenen Ethnien auf. Es kam zu Schiessereien mit Toten, bewaffnete Gruppen blockierten die Strassen, die Ambulanzen konnten nicht mehr frei verkehren.

Die Medikationen, die sie dabei einsetzten, sind noch im experimentellen Stadium. Doch das war noch nicht mal die grösste Schwierigkeit. Da wäre zuallererst das fehlende Wissen in der Bevölkerung. Die oben erwähnte erste Patientin hatte wegen ihrer Symptome zuvor zwei Kliniken und einen traditionellen Heiler aufgesucht, niemand dachte an Ebola und schützte sich. Das Misstrauen gegenüber den Behörden ist riesig – und damit auch gegenüber den ausländischen Hilfswerken, die mit dem Gesundheitsministerium zusammenarbeiten.

Ein Gerücht besagt, die Ebola-Epidemie sei erfunden worden, um heimlich Organhandel zu betreiben. «Einer unserer Patienten wurde nach dem Begräbnis von der lokalen Bevölkerung ausgegraben», erzählt Kummer. «Die Leute wollten kontrollieren, ob in der Leiche alle Organe vorhanden waren.» Doch selbst wenn Menschen die Ansteckungsgefahr und die Hygienemassnahmen kennen würden – wie sollen sie in einem Dorf ohne Wasserversorgung regelmässig die Hände waschen?

Einen einzigen freien Tag habe sie in den sechs Wochen gehabt, sagt Nadia Kummer. Und oft von morgens um sieben bis abends um neun oder halb zehn gearbeitet.

Danach sei sie vollkommen erschöpft gewesen. Und wenn sie dann wieder temporär in einem Schweizer Spital jobbt, muss sie sich erst mal umgewöhnen. Da beklagen sich Patienten, dass sie den Fernseher mit jemandem teilen müssen oder der Kaffee zu kalt sei.

Auch in Kummers privatem Umfeld schlagen sich Menschen mit Problemen herum, die im Kongo Banalitäten wären. Doch in den dreieinhalb Jahren, die sie nun für «Ärzte ohne Grenzen» arbeitet, habe sie gelernt, zu akzeptieren, dass solche Sorgen für die Leute hier tatsächlich grosse Sorgen sind.

«Es war teilweise wie in einem Horrorfilm»

Demgegenüber sah sie im Kongo, wie Menschen an inneren Blutungen starben, weil das Virus die Blutgerinnung störte. «Manchen Kranken fliesst Blut aus dem Mund, es war wie in einem Horrorfilm.» Um die Bilder zu verarbeiten, helfe es ihr, den Eltern, den Schwestern, Freunden davon zu erzählen. Allerdings erst im Nachhinein, die Schreckensmomente während der Einsätze könnte sie zumindest den Eltern nicht zumuten. Etwa jene angstvollen Stunden, als sie Magen-Darm-Probleme hatte – die in ihrem Fall aber nicht auf das Ebola-Virus, sondern aufs Essen zurückging.

Es gibt aber auch die andere Seite. Da war zum Beispiel jene 14-Jährige, die sie am letzten Wochenende ihres Einsatzes zu behandeln begann und die überlebte.

Schon in der Ausbildung sei ihr klar geworden, dass sie später in der humanitären Hilfe tätig sein wollte. Inzwischen ist sie für «Ärzte ohne Grenzen» in sechs Ländern im Einsatz gewesen, darunter Jemen, Südsudan und im Irak. Während in ihrem Freundeskreis geheiratet wird und Kinder zur Welt kommen, ist sie wieder am Kofferpacken. Kommende Woche geht es erneut in den Kongo. Diesmal für sechs Monate, um die Bevölkerung in einem Umfeld von HIV, Prostitution und Vergewaltigungen in ihrer sexuellen Gesundheit zu unterstützen. Ebola-Behandlungen sind keine vorgesehen. Doch Nadia Kummer weiss: In diesem Land kann alles anders kommen als erwartet.

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