Papa, Papa! Du musst kommen. Schnell. Was ist passiert? Eine riesige Spinne ist in meinem Zimmer. Ich habe sie mit dem Haarspray getötet. Das heisst, ich wollte sie töten. Sie ist von der Wand gefallen und lag dann gekrümmt auf dem Teppichboden. Ich bin aus dem Zimmer gerannt. Und als ich nachsehen wollte, war sie weg!

Vor 15 Jahren bin ich mit pochendem Herzen und schwitzenden Händen aus dem Zimmer gestürmt und habe ein Badetuch in den Türschlitz gesteckt, denn ich war überzeugt, dass das achtbeinige Ungeheuer nach dem Mordversuch auf Rache sinnt. In den vergangenen Jahren hat sich einiges getan, aber meine Spinnenphobie blieb mir treu.

Unter Phobie versteht man irrationale Ängste und die damit verbundene Vermeidung eines Objekts, einer Situation oder einer Aktivität. Der Betroffene ist sich meist bewusst, dass seine Furcht übertrieben ist. Phobien gehören zu den häufigsten psychischen Störungen: 10 bis 30 Prozent der Bevölkerung sind betroffen.

Psychologen sprechen von einer Phobie, wenn die Person im Alltag eingeschränkt ist und leidet. Die Spinnenangst, eine sogenannte spezifische Phobie, ist am weitesten verbreitet. Laut Klaus Bader, Leiter der Verhaltenstherapie-Ambulanz der Universitären Psychiatrischen Kliniken Basel, fürchten sich 35 Prozent vor Spinnen. Aber nicht immer in dem Ausmass, dass man von einer Phobie sprechen könne. Spezifische Phobien beginnen meist in der Kindheit, Frauen sind signifikant stärker betroffen als Männer, und mit ihnen kann im Gegensatz zu anderen Ängsten meist problemlos gelebt werden.

Vorbildfunktion der Eltern

Dass einen während einer Australienreise beim Gedanken an giftige Spinnen ein mulmiges Gefühl befällt, ist verständlich. Aber in unseren Breiten ist eine instinktive Schutzreaktion vor Spinnen nicht angebracht. Oder kennen Sie jemanden, der von einer Hausspinne attackiert und übel zugerichtet wurde? Es ist also nicht die objektive Gefährlichkeit der Tiere, die für unsere Ängste verantwortlich ist. Vielmehr sind es einzelne Aspekte: Spinnen sind schnell, ihre Bewegungen unvorhersehbar. Ihre dünnen, langen Beine ekeln uns. Oder: Wir fürchten uns, weil der Spinnenkörper stark von unserem eigenen abweicht.

Wissenschafter haben unterschiedliche Erklärungen für das Phänomen der besonders in westlichen Zivilisationen weit verbreiteten Spinnenängste. Eine Theorie besagt, dass die Angst vor Spinnen seit Urzeiten genetisch vererbt wird. Angst als Empfindung dient als Gefahrenmelder und war zu Urzeiten zum Überleben notwendig. Am weitesten verbreitet ist die Annahme, dass Spinnenangst anerzogen ist. Eltern spielen als Vorbild eine besondere Rolle bei der Bildung von Ängsten. Kreischt die Mutter beim Anblick einer Spinne, lehrt sie das Kind buchstäblich, sich zu fürchten.

Die bekannteste Behandlung von Phobien ist die kognitive Verhaltenstherapie. «Die Patienten werden dabei schrittweise mit dem angstauslösenden Objekt konfrontiert. Dies beginnt bei Texten, in denen Spinnen lediglich vorkommen, und endet bei der Arbeit mit richtigen Spinnen», erklärt Steffi Weidt, Leiterin der Angstsprechstunde in der Klinik für Psychiatrie und Psychotherapie des Universitätsspital Zürich. Obwohl viele Menschen an Spinnenphobie leiden, kommen etwa drei Patienten im Jahr zu Weidt: «Es braucht einen Leidensdruck, damit Leute eine Therapie machen.»

Einen anderen Ansatz hat Ivo Rütsche. Er behandelt Spinnenängste mit Hypnose. Bis zu zwei Patienten – fast ausschliessliche Frauen – besuchen ihn pro Woche. Kostenpunkt: 150 Franken.

Helle Holzwände, helle Möbel und helle Kleidung verraten, hier wird therapiert. Hypnotiseur Rütsche erfragt meine Angst bis ins Detail. «Du musst lernen, der Chef zu sein. Du kontrollierst die Situation, nicht die Spinne», erklärt er. Ich stelle mir vor, wie ich mit erhobenem Zeigefinger vor einer Spinne stehe und den Refrain von Rapper Sido runterrattere: «Meine Stadt, mein Bezirk, mein Viertel, meine Gegend, meine Strasse, mein Zuhause, mein Block.» Auf einer Liege werde ich in Trance geredet. Mein Körper fühlt sich schwer an. 1, 2, 3, 4, 5 – du bist wach. Ich öffne meine Augen, fühle mich müde, aber entspannt.

Kreative Phobiker

Menschen mit Phobien verhalten sich oft absurd: Eine Patientin von Rütsche wollte mit ihrem Haartrockner eine Spinne auf den Balkon föhnen. Immer wieder steckte sie das Gerät in eine andere Steckdose, um sich vorzuarbeiten. Im letzten Zimmer reichte das Kabel des Föhns nicht aus und sie musste einen Freund rufen. Für eine andere Frau war die Hypnose der achte Therapieversuch. Rütsche konnte helfen. Und: Ein Jahr später kaufte sie sich gar eine Spinne. Dies nennt man dann wohl Überkompensation.

Es folgt der praktische Teil – die Konfrontation. Für Therapiezwecke dienen eine Vogelspinne der Art Grammostola rosea und eine Winkelspinne, eine «grosse» braune Hausspinne. Rütsche sitzt am anderen Ende des Raumes auf dem Boden und nimmt langsam die Vogelspinne aus der Box. Meine Herz- und Schweissreaktion bleibt normal. Es beruhigt, dass ich bei jedem Schritt gefragt werde, ob es okay für mich ist. Ich habe Angst vor unseren heimischen Spinnen, die in mein Zimmer eindringen und mich im Keller überraschen – und nun soll ich eine Vogelspinne streicheln? Geschweige denn auf die Hand nehmen? Ich sehe den Sinn nicht. «Mit der Vogelspinne ist es einfach, sie ist ruhig, bewegt sich nur, wenn du sie anschubst», meint Rütsche.

Manchmal möchte man denken, dass insbesondere junge Frauen eine Spinnenphobie haben, weil es eben alle haben, weil es zum hilflosen, süssen Mädchen dazugehört. Für die hohe Frauenquote gibt es nur Spekulationen. «Frauen reden offener über Ängste, verstecken sie weniger. Männer imponieren erfolgreich damit, keine Angst zu haben oder zu zeigen, zwingen sich von daher eher, sich selbst zu konfrontieren», meint Klaus Bader.

Eine aktuelle Studie der Uni Mannheim beweist, dass Phobiker nicht übertreiben, wenn sie berichten, wie furchterregend eigentlich harmlose Dinge auf sie wirken. Ängste verändern die Wahrnehmung – so nehmen Spinnenphobiker die Krabbelviecher früher, länger und bedrohlicher wahr als ihre Mitmenschen. In der Tat: Vor 15 Jahren waren Spinnen riesig und gefährlich. Heute, nach einer Hypnose und einer direkten Auseinandersetzung, sind sie klein und unscheinbar geworden.

Papa, Papa! Schau, die riesige Spinne auf meiner Hand (kommentiere ich das Bild, das ich ihm via Whatsapp schicke). Es ist eine Vogelspinne. Sie heisst Cassandra. Ich will sie nicht töten. Ehrlich gesagt finde ich sie ziemlich schön.