Manche glauben nach schweren Schicksalsschlägen gar nicht mehr daran – andere möchten es festhalten, wenn sie es schon mal haben: Glück. Dabei muss man gar nicht darauf warten, dass es vom Himmel fällt, wie der Psychologe Willibald Ruch im Interview sagt. Der Forscher widmet sich den Charakterstärken und deren Einfluss auf die Lebenszufriedenheit.

Herr Ruch, sind Sie glücklich?

Willibald Ruch: Na ja, Glücklichsein hat ja viele Ebenen. Ich denke, ich habe aus den Dingen, die mir liegen, das Beste gemacht. Ich darf beruflich tun, was mir wirklich Freude bereitet, und ich werde dafür sogar bezahlt.

Das klingt nüchtern und bilanzierend. Weshalb können Sie nicht einfach sagen, ob Sie glücklich sind oder nicht?

Mir liegt nicht so viel daran, das zu sagen. Ich fühle mich sehr wohl in meiner Tätigkeit. Ich liebe die Beschäftigung mit Menschen und Ideen, überlege mir, was man untersuchen kann. Das finde ich im höheren Mass befriedigend. Euphorisierend ist es hingegen eher selten. Aber es gibt schon Momente, in denen ich alles um mich herum vergesse. Etwa beim Gitarrespielen oder auch beim Auswerten von Statistiken. Wir nennen das Flow-Zustand.

Was ausser dem Flow macht noch glücklich?

Die Wissenschaft liefert viele Belege, dass ein guter Charakter und ein tugendhaftes Leben längerfristig glücklich machen. Dabei unterscheiden wir sechs Grundtugenden: Weisheit, Mut, Menschlichkeit, Gerechtigkeit, Mässigung und Transzendenz. Diese Tugenden kann man dann leben, wenn man gewisse Charakterstärken hat. Dazu gehört die Fähigkeit zum Teamwork sowie Fairness, Dankbarkeit und Hoffnung. Wenn man mehrere dieser Stärken im Beruf oder einer Partnerschaft ausleben kann, fühlt man sich glücklicher. Stärken sind teilweise angeboren, aber man kann sie auch trainieren. Das zeigen Untersuchungen. Umgekehrt fühlen wir uns nicht zufrieden, wenn wir unsere Stärken nicht leben können. Der Schlüssel zum Glücklichsein ist also, die eigenen Stärken zu kennen und zu wissen, wo man sie gut einsetzen kann.

Viele Menschen können sich das nicht aussuchen. Wie kann jemand, der im Schlachthof Schweine zerteilt, Weisheit, Mut, Menschlichkeit oder Gerechtigkeit einfliessen lassen?

Natürlich ist es nicht überall gleich einfach. Unsere Forschung zeigt aber, dass jeder selbst zu seinem Glück beitragen kann. Auch für einen Schlachter ist es befriedigender, wenn er mit seinen Arbeitskollegen ein gutes Teamwork pflegt. Keiner arbeitet völlig isoliert. Wenn also die Arbeit selbst nicht besonders glücklich macht, so kann man sich darin üben, anderen zu helfen und das Arbeitsklima angenehm zu machen.

Wie definieren Sie als Wissenschafter Glück?

In der Forschung reden wir eigentlich nicht von Glück, weil es in der deutschen Sprache verschiedene Bedeutungen hat, sondern von Wohlbefinden oder Blühen und Gedeihen. Wir fragen uns, was braucht es für ein gelingendes Leben? In den Sechzigerjahren haben Psychologen ihre Probanden mit einer Skala von 0 bis 10 bewerten lassen, wie gut das eigene Leben ist. Unterdessen sehen wir aber Glücklichsein als die Menge der positiven Gefühle abzüglich der negativen. Sowie auch als die Zufriedenheit mit dem Leben. Es geht aber nicht nur um das Sich-gut-Fühlen, sondern auch um das gute Handeln. Also darum, Sinn zu haben im Leben, in Aufgaben aufzugehen, gute Beziehungen zu pflegen und Leistung zu erbringen. Glück ist nicht einfach ein Wert, sondern hat viele Dimensionen.

Der Volksmund sagt, «Glücklich sind die geistig Armen». Ist umso glücklicher, je dümmer jemand ist?

Das widerlegt die Forschung klar. Glücklichsein hat nichts damit zu tun, wie intelligent jemand ist.

Und mit Geld?

Auch das ist gut untersucht. Es stimmt, dass in armen Ländern die Zufriedenheit steigt, wenn das Einkommen steigt. In den westlichen Ländern gilt das weniger.

Hier ist es umgekehrt: Man sagt, wir in der Wohlstandsgesellschaft nörgelten an allem herum und seien unglücklich.

Das mag sein – es ist aber nicht der Besitz von Geld, der uns unglücklich macht. Im Gegenteil: Wenn man viel hat und es richtig einsetzt, zum Beispiel für wohltätiges Verhalten, macht es zufrieden.

Was macht unglücklich?

Der Vergleich mit anderen. Denn es gibt immer jemanden, der hübscher ist als ich, intelligenter, erfolgreicher oder wohlhabender. Wenn das die Messlatte ist, macht das garantiert unglücklich. Daneben gibt es natürlich auch Schicksalsschläge, Krankheit und anderes, das unglücklich macht. Aber das kann man weniger beeinflussen.

Manche Leute sagen, Bad News machen unglücklich. Gerade heute, wo in elektronischen Medien eine ungebremste Flut von Nachrichten auf uns einprasselt.

Natürlich kann Medienkonsum Sorgen bereiten, sogar Angst wecken. Wenn man davon also weniger konsumiert, hat man weniger Sorgen oder Angst.

Meinen Sie tatsächlich: Don’t worry, be happy?

Nein. Das ist zwar ein schönes Lied, aber die Botschaft ist mir zu einfach. Ich rate nicht zum völligen Abkoppeln vom Weltgeschehen. Denn prinzipiell Probleme zu leugnen, ist keine gute Formel. Wir müssen lernen, schlimme Ereignisse in unser Leben einzuordnen. Wir dürfen nicht die Katastrophen unser Leben dominieren lassen. Man soll die Dinge, die man verändern kann, ernst nehmen und angehen. Dann ist es gut. Es kann aber auch nicht schaden, den Liedtext als Mantra zu nehmen. In schwierigen Situationen kann das sicher helfen, vorauszuschauen.

Dieser Artikel ist entstanden in Zusammenarbeit mit: Gebert Rüf Stiftung