Kolumne

«Glamour, mon amour»-Kolumne: Beobachtungen aus St. Moritz, dem Disneyland für Superreiche

Am White Turf in St. Moritz trifft man viel Pelz an.

Am White Turf in St. Moritz trifft man viel Pelz an.

In ihrer Kolumne «Glamour, mon amour» schreibt unsere Autorin Simone Meier diese Woche über ihren letzten Besuch im Luxusort St. Moritz.

Ich war in St. Moritz und begegnete Menschen und Hunden. Beide trugen Pelz. Der Hund von Natur aus, der Mensch von sich aus, und ich befürchte, dass der Grossteil der pelzigen Menschenverkleidung bis vor kurzem andern Tieren gehört hatte. Der kleinere Teil war künstlich. Jedenfalls hoffte ich dies beim Anblick einer Dame im Schneeleopard. Dazu trug sie Moonboots, und ich glaube, es lässt sich sagen, dass Moonboots auch nicht schöner werden, wenn Dior draufsteht. Nur teurer. Das ist St. Moritz. Wo Menschen masslos reich sind. Im Schönen wie im Hässlichen.

Ich widmete mich lieber der Natur und spazierte einmal um den See. «Er trägt noch nicht!», warnten die Einheimischen, was prompt dazu führte, dass die Nichteinheimischen an ein und derselben Stelle die Tragfähigkeit des Eises überprüfen mussten. Dass sehr viele Menschen über sehr wenige Quadratmeter schlitterten. Ich lauschte lieber dem Eis. Es ächzte. Knisterte und krachte. Gab einzelne, klare, klagende Klänge von sich wie ein liebeskranker Walfisch. Es war ein lebendiges Wesen, das hörbar unter seinem Auftrag, sich über einen ganzen See ausdehnen zu müssen, litt. Als wäre seine Seele auf ein Streckbett gespannt. Die Flanken der Berge, die den See säumten, warfen sein Echo doppelt so schmerzlich zurück.

Am Abend setzte ich mich mit meiner Gastgeberin, einer jener Bündnerinnen, die ein Leben lang einer frisch erblühten Rose gleichen, ins Hotel Palace und studierte wieder den Menschen und seine Ausdrucksformen. Nach einem Glas Champagner fiel ich in Trance. Es herrschte ein konstantes Defilee der Kuriositäten. Eine Familie hatte das Thema Pelz ganz an ihre Töchter delegiert, dem einen Mädchen reichten die offenen Haare bis zum Hintern, dem andern gar bis zu den Kniekehlen, sie wallten und glänzten, als würden sie mit den gleichen Bürsten gestriegelt wie die Pferde, die in St. Moritz beim White Turf im Einsatz sind.

Viele Damen hatten Beine so schlank und gerade wie Grashalme, und unten endeten sie in den klingenfeinen Stelzen ihrer High Heels. Sie trugen weniger als an einem Sommerabend, während ihre Begleiter rundum ausgestopft und bereit für den Überlebenskampf bei minus 50 Grad neben ihnen her stapften. Das Umgekehrte – gepolsterte Frauen und zweidrittelnackte Männer auf Absätzen – gab es natürlich nicht zu sehen. Am Ende ist bekanntlich nichts so fantasielos wie das richtig grosse Geld.

In Vitrinen glitzerte ganzheitlich geschmackloser Schmuck, Austern räkelten sich auf Eis, ein Schokoladenbrunnen spie Süsses, der Saal entschwand in schillernden Wolken aus Dekor. Als ob sich Einhörner, die jahraus, jahrein Regenbögen und Glitzer fressen, übergeben hätten. Ein Disneyland für Superreiche. Augenbetäubend mondän. Ein Zirkus und ein Zauber.

Und ich schwöre: Wenn ich diese Kolumne nicht hätte schreiben müssen, ich wäre staunend sitzen geblieben, bis am Morgen die rote Sonne dem Eis auf dem See ein neues schauriges Sehnsuchtsseufzen abgerungen hätte.

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