Viktor Dammann

Gerichtsreporter über Mörder, das perfekte Verbrechen – und über den genialen «Tresor-Thuri»

Viktor Dammann (69) auf der Arbeit: Der ehemalige «Blick»-Reporter steht auf der Zürcher Langstrasse.

Viktor Dammann (69) auf der Arbeit: Der ehemalige «Blick»-Reporter steht auf der Zürcher Langstrasse.

Mordfälle nehmen ab, das perfekte Verbrechen gelingt zum Glück kaum noch – aber böse Menschen gibt es immer noch. Polizei- und Gerichtsreporter Viktor Dammann lernte einige von ihnen kennen.

Herr Dammann, im Lauf Ihrer Arbeit während vierzig Jahren begegneten Sie einigen bösen Menschen. Bei so viel Erfahrung – erkennen Sie heute Verbrecher am Gesicht?

Viktor Dammann: Ich hatte vor Jahren einen Bekannten, dessen Frau verschwunden war. Mein mit Sicherheit emotionalster Fall im Buch. Gemeinsam suchten wir den Mörder, bis sich herausstellte, er war der Täter! Mein Bekannter, der mir in jenen Tagen so oft gegenübersass. Gemeinsam hatten wir alle möglichen Täter und Motive erörtert. Und nichts deutete je darauf hin, dass er der Mörder war.

Das würde bestätigen, was Strafverteidiger fast durchs Band weg sagen: Man sieht keinem Menschen an, wie böse er ist.

Den wenigsten. Ich kann mich nur an einen Fall erinnern, bei dem ich mir sicher war: Das ist der gesuchte Parkplatz-Killer. Der Kronzeuge wollte nicht im Angesicht des Killers aussagen. Der Angeklagte – und auch die Berichterstatter – mussten sich daher in einen Nebenraum begeben. Ich sass dem Mann gegenüber und hatte dieses unumstössliche Gefühl – jedenfalls wurde er dann auch verurteilt.

Als in München der legendäre Mordkommissar Josef Wilfling pensioniert wurde, schrieb er über seine Erfahrungen ein Buch: «Abgründe». Darüber führte ich damals mit Wilfling ein Gespräch. In dessen Verlauf sagte Wilfling den Satz: «Jeder Mensch hat in sich ein Mörder-Gen.»

Nein, glaube ich nicht. In einem entschuldbaren Affekt – beispielsweise wenn der Mann die Ehefrau mit seinem besten Freund überrascht – kann wohl jeder und kann jede töten. Aber nicht jeder tut das eiskalt und nach Plan. Der Mensch ist über Nacht zu Bestialischem fähig. Ich erinnere an die Hutu gegen die Tutsi (Ruanda 1994). Oder an Wien vor den Weltkriegen, als Juden, Deutsche, Ungarn, Österreicher, alle möglichen Staatsangehörige problemlos nebeneinander lebten. An die Balkankriege nach dem Auseinanderfallen Jugoslawiens … Aber das mörderisch Böse hat nicht jeder in sich. Nicht einmal wenn sich die Gelegenheit böte, einen Menschen umzubringen.

Gibt’s rundweg gute Menschen?

Natürlich nicht. Der Aargauer Psychiater Mario Etzensberger sagte mir einmal: Es gibt kranke Menschen und es gibt böse Menschen. Das ist wohl richtig. Die Regisseure in den James-Bond-Filmen verleihen ihren Bösewichten immer auch sympathische Züge; die streicheln dann etwa ein Büsi, während ein Mensch gefoltert wird. Der Rupperswiler Vierfachmörder Thomas N. war ein beliebter Fussball-Juniorentrainer – und hatte daneben ein Drehbuch für die Hölle. So was hatte ich vor Thomas N. erst einmal erlebt.

Nur zu! In Abgründe blickt alle Welt ebenso gefesselt wie fassungslos.

Ein 17-jähriger, bereits wegen Vergewaltigung vorbestraft, nahm sich vor, eine junge Frau vom Velo zu reissen, zu missbrauchen und danach zu töten. Genau nach Plan hat er das dann auch umgesetzt. Details dieses grauenhaften Verbrechens möchte ich nicht nennen.

Wir erinnern uns – es war in Altstetten, und es war teuflisch.

Und wegen des ungenügenden Jugendstrafrechtes musste man ihn zwingend mit 25 rauslassen. Lange arbeitete er tadellos als Automechaniker. Gleichzeitig kursierten im Drogenmilieu Warnungen vor einem besonders gewalttätigen Freier. Eine missbrauchte Drogenprostituierte erstattete zum Glück Anzeige. Heute ist er verwahrt. Ich bin froh drum. Erinnern Sie sich an der «Sadist von Romont»? Der vergewaltigte fünf Burschen und steckte ihnen einen brennenden Schwamm in den Mund. Das sind Killer, die sind böse.

Wer immer Böses in die Tat umsetzt, wird sich kaum fragen: Kriege ich dafür sechs, neun, zwanzig Jahre? Sondern er wird sich nur eins überlegen: Kommen die mir auf die Schliche oder nicht? Gelingt mir das perfekte Verbrechen? Das überlegen sich sogar Leute, die im Leben keiner Fliege was zuleide tun.

Jeder Täter, jede Täterin denkt: Mich erwischen die mit Sicherheit nicht. Sonst beginge ja kein Mensch mehr ein Verbrechen.

Lesen Verbrecher keine Zeitung? Da müssten sie doch erkennen, dass sie bei den heutigen Polizeimethoden kaum mehr eine Chance haben: Gesichter- und Stimmenerkennung, Handy-Überwachung, tausend Kameras in jeder Strasse, zehntausend digitale Spuren …

DNA-Bestimmung selbst bei geringsten Proben – früher gelang das nur bei einem Haar mit Wurzel, heute auch ohne Wurzel – an all das denkt der Killer nicht. Viele sind nur in einem Fach Meister, bei der Selbstüberschätzung. Ein klassisches Beispiel war Gabor Bilkei, der Tierarzt, der seine Frau umbrachte und hundert falsche Fährten legte. Er hätte bloss schweigen müssen; dann wäre er womöglich nie verurteilt worden.

Also leiten wir ab als erste Regel fürs kleine Einmaleins des perfekten Verbrechens: Was einem auch vorgehalten wird – Maul halten!

Viele versuchen hinterher, ihre anfänglichen Lügen glaubhafter zu kitten – und ersinnen dann Details, die sie gerade überführen.

Je kaltblütiger, perfid und intelligent, desto höher liegen die Chancen, ungeschoren davonzukommen?

Gabor Bilkei war intelligent genug. Trotzdem verleumdete er seine Frau – unbeherrscht, mannstoll, alkohol- und drogensüchtig – und verhedderte sich damit rettungslos. Auch Eiseskälte genügt nicht, wie sich im Rupperswiler Vierfachmord zeigte. Feststeht, Tötungsdelikte haben in den letzten Jahrzehnten drastisch abgenommen. Ob aus Einsicht der bösen Männer und Frauen, schneller erwischt zu werden, ist fraglich. Verschwunden sind nämlich auch einstige Motivlagen oder Brutstätten von Verbrechen. Die Prostitution ist zwar nicht verschwunden, doch die Scham, sich Liebe auf der Strasse zu kaufen.

Heute mit Roger-Staub-Mütze, Uzi-Pistole und Räuberbraut romantisch eine Bank zu überfallen, ist völlig zwecklos. Wären Entführungen zielführender, des Direktors beispielsweise morgens um sechs?

Nach Muster Deubelbeiss/Schürmann, 1951 in Zürich? Eine Geiselnahme zieht stets die grosse Hatz nach sich – und saftige Strafen. Tankstellen, Kioske oder Pizzakuriere werden heute eher überfallen; die Beute ist meist lächerlich. Enormen Zuwachs haben falsche Polizisten, Enkeltricks, Romance-Betrug, Reap-Deals und so weiter. Arglistig und perfid, besonders wenn alte Mütterchen und Grossättis ruiniert werden.

Wären Hacker zu Hause in der braven Blockwohnung die modernen Teufel?

Kommt drauf an, wofür sie ihre kriminelle Energie einsetzen. Zum reinen Zerstören, statt irgendwo einen Brand zu legen? Beim Hacker ist alles möglich. Jeden Fall muss man für sich allein anschauen, ich hasse – auch hier – Allgemeinplätze.

Trotzdem müssen wir sofort pauschalisieren, wenn wir dem Volkshobby frönen, sich das perfekte Verbrechen auszumalen.

Sicher eine Grundregel müsste sein: Nie ein Natel an den Tatort mitnehmen. Ich hatte den Fall eines Mannes, vor rund 15 Jahren schon, der seine Eltern umgebracht hatte. Das Handyprofil zeigte auf, dass er sich während der Tatzeit in der Nähe des Wohnortes der Eltern aufgehalten hatte. Er selbst wollte an einem anderen Ort gewesen sein. Die DNA hätte nichts gebracht, weil er sogenannt tatortberechtigt war.

Es scheint, als seien Fahnder heute erfolgreicher, aber sie müssen einen enormen Aufwand betreiben. Bei Mordermittlungen früher sah man Polizischt Wäckerli mit Lupe und Pinsel am Tatort, während heute Teams in weisser Vollmontur wie Chemiewehren oder Seuchen-Bekämpfer jeden Hauch von Spur sichern.

Wer heute jemanden umbringen will, müsste das wohl aus der Distanz erledigen – wie ein Sniper. Versucht er es über einen Auftrag, müsste er die angeheuerten Killer sehr gut kennen und hätte immer Mitwisser. Also besser allein. Die Waffe anschliessend zerlegen und in verschiedenen Müllsäcken entsorgen. Bei gegen 1500 Grad bleibt nicht mehr viel übrig. Ein Chinese brachte in Zürich seine Frau um. In der Küche zerstückelte er sie und schmuggelte die Teile in Kehrichtsäcken raus. Irgendwie schaffte er es danach, die ganze Küche von allen Spuren vollkommen zu reinigen …

Eine Meisterleistung heutzutage …

… ging nach Hongkong, hatte plötzlich einen schwachen Moment und legte ein Geständnis ab, schriftlich.

Halten wir fest: Scharfschütze auf einsamer Tour, Puls wie ein Astronaut bei einer Havarie, grosser Schweiger, kein Handy, keine Kreditkarten, keine E-Tickets und so weiter … Also gibt es doch noch Hoffnung?

(Denkt nach) Aus Sicht des Verbrechers würde es ihm die Lage begünstigen, wenn er die Leiche verschwinden lassen kann. Oder wenn sich das Opfer im Ausland befindet. Aus meiner Sicht ist das ganz anders: Da geht die Hoffnung dahin, dass auch der Cleverste irgendwann einen Fehler macht.

Im Ausland ungeschoren morden, bei all den Scannern an Flughäfen und Bahnhöfen?

Man müsste schon per Frachter ins fremde Land gelangen, nachts über grüne Grenzen pirschen …

Wie heute allgemein im Berufsleben sind auch die Ansprüche an den Verbrecher erheblich gestiegen. Gibt es so etwas wie Naturbegabungen auf dem Gebiet?

Einer der genialsten Verbrecher der Schweiz war für mich Turi N., der nie jemandem ein Haar krümmte, genannt «Tresor-Thuri». Thuri konnte jeden Tresor knacken und nannte sie «meine Öfeli». Als er hörte, man könne DNA auch an einem Schraubenzieher nachweisen, den er mit Handschuhen anfasse, hatte er eine Art Schaffenskrise. Nur mit einem Blick auf einen Schlüssel – zum Beispiel in der Hand eines Aufsehers – konnte er aus Essbesteck den Schlüssel nachformen. Im Baselland entwich er mehrmals über Nacht aus dem Knast in ein nahe gelegenes Motel, wo er eine Frau traf. Vor Morgengrauen kehrte er zurück in die Zelle. Eines Tages sitzt dort der Direktor auf Thuris Schragen: Herr N., wir müssen reden. Wenn Sie mir sagen, wie Sie das geschafft haben, passiert nichts; ich ziehe Sie sogar zurate, um die Schlösser zu ändern.» Warum, sagt Thuri, ich habe nichts gemacht. «Dann erklären Sie mir einfach», sagt der Direktor, «wie eine Motel-Quittung von gestern Abend in Ihrer Zelle landen kann.»

(Beide lachen Tränen, der Befragte und der Interviewer. Das Nachdenken über menschliche Abgründe kann mitunter also auch in fast menschenfreundlichen Gaunergeschichten enden).

Viktor Dammann: «Das Böse im Blick – Mein Leben als Polizei- und Gerichtsreporter.» 256 Seiten. Verlag Orell Füssli, Zürich, 2019.

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