«Unterschlagenes Wissen schadet», titelte die Sendung «Puls» im Schweizer Fernsehen SRF diese Woche. Die Recherche des Magazins hatte ergeben, dass jede fünfte klinische Studie, die an Schweizer Universitätsspitälern durchgeführt wird, unveröffentlicht in der Schublade landet. Warum schaffen es Forschungsergebnisse – und damit wertvolles Wissen über Wirkungen und Nebenwirkungen von Medikamenten und Therapien – nicht auf die Bildfläche der Medizin?

Ein Hauptgrund liegt in einem der grössten Probleme des gesamten Wissenschaftssystems: die Scheu vor negativen Ergebnissen. Sobald ein Medikament keine Wirkung zeigt, ein Versuch nicht klappt oder eine Entwicklung scheitert, sinkt das Interesse der Wissenschafter am Projekt rapide. «Alle haben lieber positive Resultate», sagt Martin Schwab, Hirnforscher an der ETH und Universität Zürich. «Denn auf positive Resultate kann man aufbauen, auf negative nicht.»

So wenden sich die Forschenden lieber dem nächsten vielversprechenden Projekt zu. Die Herausgeber und Gutachter von Fachzeitschriften wollen wissen, warum genau etwas nicht funktioniert hat, bevor sie es überhaupt für die Publikation in Betracht ziehen. Doch zur Klärung dieser Frage müssten Forschungsförderer und Industriepartner weiteres Geld einschiessen. Wollen sie das bei einem Projekt, das negativ zu enden scheint? Viel lieber investieren sie in erfolgversprechendere Projekte.

Nur Positives in Fachzeitschriften

Das Problem, dass negative Forschungsergebnisse nicht publiziert werden, ist der Wissenschaft längst bekannt und hat einen Namen: Publication Bias, zu Deutsch etwa Publikationsverzerrung. Und die Wissenschaft wäre nicht die Wissenschaft, wenn sie den Effekt nicht auch wissenschaftlich untersucht hätte und ihn präzise beziffern könnte. Jeden Tag werden weltweit 5000 Studien publiziert. Die meisten davon sind Erfolgsmeldungen – und die Flut dieser Erfolgsmeldungen wird immer mächtiger. So waren im Jahr 1990 knapp 70 Prozent aller wissenschaftlichen Publikationen Berichte über positive Ergebnisse. Im Jahr 2007 waren es bereits über 85 Prozent. Dies nicht, weil die Forschung immer besser würde, sondern weil immer weniger Negatives den Weg in die Fachzeitschriften schafft.

Einige der Publikationsorgane versuchen zwar, ihren Teil zur Lösung des Problems beizutragen. So gibt es mehrere Zeitschriften, die negative Resultate explizit erlauben oder die sich sogar exklusiv den wissenschaftlichen Misserfolgen widmen. Die Online-Fachzeitschrift «Plos One» verzeichnet in ihrer 2015 gestarteten Sammlung «Missing Pieces» – also «fehlende Teile» – aber gerade mal 36 Publikationen mit negativen Ergebnissen. Im selben Zeitraum veröffentlichte das Magazin über hunderttausend Papers mit positiven Resultaten.

Dieser Artikel entstand mit Unterstützung durch:

Logo Gebert Rüf Stiftung

«Wissenschaftliche Zeitschriften werden das Problem des Publication Bias nicht lösen können», sagt Christiane Pauli-Magnus, Leiterin des Departements für klinische Forschung des Universitätsspitals Basel und Präsidentin der Swiss Clinical Trial Organization SCTO. Im Wissenschaftsbetrieb herrsche eine klare Kultur vor: «Für die Forschenden ist die Publikation in einem Journal of Negative Results ein Eingeständnis des eigenen Versagens», sagt sie.

«Um zu überprüfen, ob Daten aus klinischen Versuchen veröffentlicht werden, müssen wir zuerst wissen, welche Studien überhaupt laufen», sagt Pauli-Magnus. Dazu müssten die Versuche bei Beginn in speziellen Registern erfasst und anschliessend nachverfolgt werden. Um die Forschenden dabei zu unterstützen, finanziert das Universitätsspital Basel seit Anfang 2018 zwei Mitarbeitende am Departement für klinische Forschung. Diese helfen den Forschenden des Spitals bei der Planung, Registrierung und späteren Publikation der Versuche. Die Massnahme zeigte Wirkung: Die Registrierungsrate des Unispitals Basel hat sich seither verdoppelt. «Das hat uns selbst erstaunt», sagt Pauli-Magnus. Ihre Motivation ist klar: «Wir spüren eine Verantwortung unseren Patienten gegenüber und wollen ihnen die beste Behandlung ermöglichen», sagt die Ärztin. «Dafür sind negative Daten genauso wertvoll wie positive.»

Pharma und Biotech mustergütig

In der Schweiz ist die Erfassung von klinischen Versuchen seit mehreren Jahren durch das Humanforschungsgesetz HFG vorgeschrieben. Die Europäische Union EU geht bereits einen Schritt weiter. Sie hat im Jahr 2016 ein Gesetz verabschiedet, das alle Forscher dazu verpflichtet, die Ergebnisse klinischer Versuche nach Abschluss innert Jahresfrist in ein Register einzutragen.

Alle grossen Pharmafirmen halten sich daran: Roche hat die Resultate von 88 Prozent aller Projekte innert der vorgeschriebenen Frist veröffentlicht, Novartis von 96 Prozent. Bayer, Sanofi Pasteur MFD und CSL Behring schaffen sogar 100 Prozent. Weit abgeschlagen hingegen liegen die Universitäten und Universitätsspitäler. Die meisten haben ihre Ergebnisse in dieser EU-Datenbank gar nicht eingetragen.

Wie können Forschende dazu gebracht werden, die Ergebnisse ihrer Arbeit zu publizieren? Die Präsidentin der Swiss Clinical Trial Organization Pauli-Magnus sieht die Verantwortung auch bei den Geldgebern. «Der Schweizerische Nationalfonds SNF und grosse Stiftungen könnten bei der Vergabe von Forschungsgeldern mitberücksichtigen, ob Forschende die Ergebnisse ihrer früheren Versuche publiziert oder in ein Register eingetragen haben.» Bestrafungen funktionieren hingegen schlecht, sagt Pauli-Magnus. «Die Forschenden müssen einen Vorteil haben, wenn sie all ihre Ergebnisse veröffentlichen.»