Leben

Egal ob Mann oder Frau – Es ist Januhaar: Also lassen Sie es jetzt mal spriessen!

Mit dem «Januhaar» verabschieden sich Frauen vorübergehend vom Schönheitsideal der haarlosen Beine, Achseln, Intimzone.

Mit dem «Januhaar» verabschieden sich Frauen vorübergehend vom Schönheitsideal der haarlosen Beine, Achseln, Intimzone.

Während Frauen jetzt ihre Körperhaare spriessen lassen, gehen Männer immer öfter zur Maniküre. Dabei gibt’s unpoliert den besseren Sex.

Ach, verrückte Welt. Die Zeichen drehen sich überall, was mal war, ist nicht mehr, stürmisches Durcheinander. Alte Werte? Hören Sie mir auf. Wir wissen nicht mehr wohin mit dem, was wir mal kannten. Die Frauen werden plötzlich befördert, gehen auf die Strasse, fordern sogar Vaterzeit. Und nach ­Metoo und Quotendiskussionen nun das: der Januhairy, zu Deutsch: Januhaar. Das Motto: Frauen, lasst eure Körperhaare spriessen!

Die Idee dahinter stammt von der 22-jährigen Britin Laura Jackson, sie hatte vergangenes Jahr zu einem rasierfreien Januar aufgerufen, ganz im Zeichen des Feminismus. Die Frau soll sich nicht mehr ständig irgendwelchen geltenden Schönheitsidealen unterwerfen, sondern kann mal loslassen, jenseits von Perfektion und glatter Oberfläche, back to the roots. Für mehr Selbstvertrauen und um zu realisieren: Ich bin auch schön, wenn ich bin, wie ich bin.

Lange waren Haare am Frauenkörper akzeptiert

Ein logischer Schritt, wenn man bedenkt, dass auch Frauen – wir haben das kurz vergessen – mit Haaren zur Welt kommen. Männer und Frauen teilen sich die Haarzonen abgesehen von Brust und Gesicht ziemlich gleichberechtigt auf, wir spriessen an den gleichen Orten, Beine, Intimbereich, Arme, Achseln, und lange Zeit war das ziemlich okay.

Dann kam die glatte, neue Zeit, das Haar musste weg, wegen Oralverkehr und jugendlich-kindlichen Barbie- und Ken-Ästhetismen, und bald war klar: Wir müssen uns alles glatt rasieren, um zu gefallen, sonst fällt der Typ uns aus dem Bett oder wir werden nicht gemocht, wie wir sind.

Natürlich ist das nicht meine wirkliche Meinung. Ich finde, ein nicht rasiertes Bein sollte nicht über Liebe und Begehrlichkeiten entscheiden. Das habe ich so auch auf einem Sofa in der Wohnung eines Freundes gesagt, aber der hatte dafür wenig Verständnis. Er gab unumwunden zu, dass behaarte Beine ihn anwidern, dass das wirklich nicht geht, und ja, okay, vielleicht sei das dann was Anderes, wenn man sich liebe, aber zumindest in der Kennenlernphase sollten die Haare nach Möglichkeit weg. Er hatte übrigens einen sehr ungepflegten Bart.

Der «Keine richtige Frau!»-Blick

Es ist schwer zu sagen, wo der Anfang der Konvention begraben liegt. Ob es daran liegt, dass Frauen andere Frauen unter Druck setzen, mit fiesen, passiv-agressiven «iih, schau mal, eine dicke, behaarte Emanze, keine richtige Frau!»-Blicken. Oder ob es der Mann ist, der uns dazu erzieht, für ihn glatt dazuliegen. Gemäss 20-Minuten-Umfrage vom vergangenen Oktober, an der über 22'000 Befragte teilnahmen, erwarten 73 Prozent der Schweizer, dass der Sexpartner mindestens teilweise im Intimbereich rasiert ist.

Die Umfrage zeigt auch: Vor allem Männer erwarten das von der Frau, umgekehrt weniger. Und eher solche, die SVP wählen, als solche, die SP oder Grün wählen. Vielleicht liegt es auch an der Schönheitsindustrie, die uns Dinge in den Kopf pflanzt, als seien sie schon immer da gewesen, und daran ihr schönes Geld verdient.

Indikatoren dafür gibt es, wenn man sich die Entwicklung der Männer-Beautyindustrie der letzten Jahre anschaut. Körperrasur beim Mann war nie ein Thema, ausser bei ein paar Radlern und Schwimmern und Fetisch-Gestalten, und nun, ein paar Jahre ins neue Jahrtausend hinein, ist Bodygrooming, Körperrasur, beim Mann zum grossen Geschäft avanciert. Schätzungen der Branche zufolge soll der männliche Rasurmarkt bis 2024 fast 30 Milliarden US-Dollar wert sein.

Ständige Perfektion macht müde

Doch der Trend bleibt nicht bei den Haaren stecken: Maniküre und Pediküre sind schon lange keine reinen Frauenangelegenheiten mehr, das 5-in-1-Duschgel ist zwar noch auf dem Markt, wird aber zunehmend von spezifischeren, teureren Produkten verdrängt.

Die «Man’s World»-Messe in Zürich lockt die Besucher seit ein paar Jahren mit teurem Bartöl, Whiskey und Botox-Behandlungen, Zara baut die Herrenmode auf mehrere Stockwerke aus, Haartransplantation und Penisverlängerung boomen. Diese Entwicklung hat auch ihr Positives, können Männer ihrer Kreativität nun sichtbarer Ausdruck verleihen. Zu grossen Teilen ist die Entwicklung aber einfach nur Geldmacherei mit unserem angeknacksten Selbstwert und unserem Drang, perfekt auszusehen.

Derweil sind immer mehr Frauen müde ob der ständigen Perfektion. Und beginnen zumindest ansatzweise, sich gegen die obligaten High-Heels in Wirtschaftsunternehmen zu wehren und aufzubegehren, wenn sie auf ihr Äusseres reduziert werden. Während wir einen Januhairy lancieren, fallen die Männer mit Haartransplantation, Bleaching und Facelifting in das Kaninchenloch des Schönheits-Kapitalismus.

Perfekte Bilder stören die Lust

Wie schade. Nachdem wir Jahrzehnte lang dafür kämpfen, dass die Welt die Frauen einfach als natürlich schön, als gut genug ansieht und mit «Body Positivity»-Kampagnen versuchen, ein Bewusstsein dafür zu schaffen, dass wir chirurgische Eingriffe und Bauch-Einzieh-Hosen doch gar nicht nötig haben, stressen sich die Herren der Schöpfung immer öfter mit ihrem Aussehen herum.

Schon klar, wir wollen alle begehrt werden. Dabei sagt die Wissenschaft: Die Allgegenwärtigkeit der glatt rasierten Körper, die zunehmende Perfektion und Kontrolle, führt zu einer zunehmenden Lustlosigkeit. «Je mehr ideale Bilder uns umgeben, desto eher wird uns bewusst, dass wir diese perfekte Darstellung nie erreichen können – und desto weniger Lust haben wir, unsere eigene Sexualität auszuleben», sagt etwa die Leiterin des Deutschen Instituts für Sexualmedizin und Forensische Psychiatrie und Psychotherapie, Aglaja Stirn.

Es wäre uns allen gedient, wenn wir uns nach Belieben ein bisschen stutzen, pflegen und dann aus dem Haus gehen und alles ist anständig natürlich und auch ein bisschen unperfekt – und dafür echt. Nicht nur im Januar, sondern das ganze Jahr über.

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