Gastkommentar

«Die Krise ist ein Prozess des ständigen Lernens» – Gastkommentar zum 1. August von Epidemiologe Marcel Salathé

Marcel Salathé, Epidemiologe an der EPFL Lausanne und Mitglied der Corona-Taskforce

Marcel Salathé, Epidemiologe an der EPFL Lausanne und Mitglied der Corona-Taskforce

Zum 1. August wünscht sich Epidemiologe Marcel Salathé, dass wir lernen, wie wir Krisen wie die Coronakrise noch besser überstehen können.

«Eine Krise ist ein produktiver Zustand. Man muss ihr nur den Beigeschmack der Katastrophe nehmen.» So sagte es einst der Schweizer Schriftsteller Max Frisch, und an diesem 1. August, dem Schweizerischen Nationaltag, an dem sich nicht nur unser Land, sondern die ganze Welt in einer Krise befindet, können wir etwas von ihm lernen.

Das Wort «Krise» hat seinen Ursprung im Altgriechischen «krísis» und bedeutet unter anderem «Entscheidung, Beurteilung». Es überrascht deshalb nicht, dass das Wort «Kritik» denselben Ursprung hat. In einer Krise stimmt etwas nicht; es gibt Kritik, eine Beurteilung; man trifft Entscheidungen, wie man die Situation verbessern kann; man macht sich produktiv an die Arbeit, um aus der Krise zu kommen. Meistens nicht auf einem geraden Pfad. Laufend muss man neu beurteilen, neue Entscheidungen treffen, sich anpassen. Es ist ein Prozess des ständigen Lernens.

Ständiges Lernen ist essenziell – nicht nur für Menschen, sondern auch für Organisationen und Systeme. In meiner Rolle als Lehrperson, und auch als Lernender an der EPFL Lausanne, sehe ich täglich, dass Lernen nicht immer Spass macht. In jedem Lernprozess gibt es schwierige Phasen, gekennzeichnet von Verwirrung und Unklarheit.

Lernende interpretieren diese Phasen – natürliche Krisen im Lernprozess – oft falsch. Sie denken, es läge daran, dass sie nicht intelligent genug seien, oder kein Talent hätten. Aber das stimmt nicht. Solche Phasen sind nicht nur völlig normal, sondern auch produktiv. Es gibt Studien, die zeigen, dass das Verständnis eines Problems am Grössten ist, wenn man durch solche schwierigen Lernphasen hindurch gegangen ist.

Man kennt dieses Konzept nicht nur im mentalen Training, sondern auch im körperlichen. Kraftsportler wissen, dass sie dann Fortschritte machen, wenn sie an die Limite gehen. Muskel wird auch gerade dann aufgebaut, wenn man ihn zur Erschöpfung bringt. Natürlich muss man seine Limiten kennen. Weit darüber zu gehen ist gefährlich und kontraproduktiv.

Sehr krisenresistente Schweiz

In meiner Zeit in den USA hatte ich eine russische Klavierlehrerin. Als sie eines Tages realisierte, dass ich wieder einmal zu wenig Fortschritte gemacht hatte, fragte sie mich: «Kennst Du den grössten Unterschied zwischen einem mittelmässigen und einem virtuosen Pianisten? Der mittelmässige Pianist übt immer nur das, was er schon kann. Das ist einfach und fühlt sich gut an, aber man macht keine Fortschritte. Der virtuose Pianist übt vor allem diejenigen Stellen, die er noch nicht gut spielen kann. Das ist anstrengend, aber so wird man kontinuierlich besser.»

Die Coronakrise hat gezeigt, dass die Schweiz sehr krisenresistent ist. Wie alle anderen Länder wurde sie zu Beginn zwar von der Krise überrascht. Aber schnell hat sie ihren Weg gefunden – hat die Lage beurteilt, Entscheidungen getroffen, diese laufend an die Situation angepasst. Und ist dabei nie zu weit gegangen, hat nie den Bogen überspannt. Verbesserungsmöglichkeiten gibt es natürlich immer, zum Beispiel in der Vorbereitung, in der Reaktionsgeschwindigkeit, und in der Digitalisierung. Das sind die Passagen in unserer Symphonie, die wir noch mehr üben sollten, bei denen wir noch mehr Potenzial haben.

Zu diesem Nationalfeiertag wünsche ich uns deshalb nicht nur, dass wir diese historische Krise so schnell und so glimpflich wie möglich überwinden. Ich wünsche mir auch, dass wir lernen, wie wir solche Krisen noch besser überstehen können; dass wir die Krise zum Anlass nehmen, etwas über unseren Umgang mit Krisen zu lernen. Denn die Frage ist nicht, ob die nächste Krise kommen wird, sondern wie gut wir sie meistern werden. Aufgrund der Erfahrung im vergangenen halben Jahr können wir zuversichtlich sein – vor allem mit Max Frisch an unserer Seite.

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