Bern, Bellevue-Terrasse. Der Herbst leuchtet in allen Farben: goldgelb, kastanienbraun, bordeauxrot. Die Aussicht auf die Berner Alpen ist von keiner Wolke getrübt. Am Himmel kreist eine Möwe. Zwei Rentner spielen am grossen Gartenschach um die Bundeshausmeisterschaft. Noël Studer muss lächeln. Die Szene erinnert ihn an eine Episode aus seiner frühen Jugend: Auf dem Heimweg von der Primarschule schaute er zwei Männern beim Schachspielen zu, erkannte Steigerungspotenzial und liess sich auf eine Wette um 50 Franken ein.

«Obwohl ich diesen Betrag gar nicht im Portemonnaie dabei hatte», erinnert er sich. Die Herren freuten sich königlich und hatten den Gewinn innerlich schon abgebucht, als sie konsterniert zur Kenntnis nehmen mussten, dass ihnen der vermeintliche Anfänger keine Chance liess. «Schachmatt», hiess das Verdikt nach wenigen Minuten. «Sie bezahlten die Wettschulden – aber machten mir klar, dass sie mich hier nie wieder sehen wollen», erzählt Studer.

Die stärkste Liga der Welt

Die heitere Anekdote passt zu seiner Gemütslage. Der Schachprofi ist bester Laune: «Mit dem Wechsel zu Bayern München geht ein Bubentraum in Erfüllung», lacht er – und präsentiert stolz das Trikot seines Lieblingsklubs.

Bayern München? Schach? War nicht Xherdan Shaqiri der letzte Schweizer, der die Bayern-Farben trug? Doch Studers Aussage ist keine Angeberei. Sie spiegelt eine wenig bekannte Dimension des Fussball-Rekordmeisters. Seit 1980 und der Integration des SC Anderssen Bavaria wird unter dem Bayern-Logo auch Schach gespielt. Neunmal wurde der Klub Deutscher Meister, 1992 gewann er den Europacup.

Zuletzt waren die Tendenzen indes rückläufig: «Wir gelten als Abstiegskandidat», sagt Studer und sieht sein Deutschland-Abenteuer trotzdem als Chance zum persönlichen Fortschritt: «Die Bundesliga ist die stärkste Mannschaftsmeisterschaft der Welt. Hier kann ich mich mit den besten Gegnern messen.»

Wenn Studer den Menschen erzählt, was sein wichtigster Lebensinhalt ist, kommt meistens die gleiche Frage: «Und was machst du von Beruf?» Ebenso sicher ist ein sozusagen natürlicher Minderwertigkeitskomplex der Fragesteller. Denn das Spiel der Könige wird hierzulande automatisch einem elitären und hochbegabten Kreis zugeordnet. Ein normales Kind spielt Fussball oder geht zum Turnverein. Nur Wunderkinder und Genies werden von ihren Eltern im Schachverein angemeldet. Dieser Kategorie ordnete sich Studer selber nicht zu: «Ich war in der Mathematik gut – aber nicht extrem gut», sagt der Sohn einer Pharmazeutin und eines Staatsanwalts.

Im Alter von acht Jahren trat er dem Schachklub Bern bei. Mit einem Trainer zu arbeiten, begann er drei Jahre später – «zu spät», wie er betont. Deshalb seien ihm die internationalen Stars immer ein paar Züge voraus. Dies werde sich kaum mehr ändern: «Der Weltmeistertitel ist eine Utopie. Dieser Zug ist abgefahren.» Die kontinentale Krone dagegen liegt eher im Bereich seiner Möglichkeiten: «Die EM wird jährlich an einem Turnier über elf Runden ausgespielt. Da ist ein Coup möglich.»

Vorbild Russland

Studer überlässt nichts dem Zufall. Er studiert und analysiert Partien aller Epochen, seit Beginn des 20. Jahrhunderts. «Es ist hochinteressant zu beobachten und zu verstehen, wie die Leute damals dachten.» Sein Massstab sind die Grössten des Spiels: Spassky, Fischer, Karpow, Kasparow. Die gesellschaftliche Bedeutung und das Sozialprestige des Schachs in Russland faszinieren ihn: «Dort hat Schach eine politische Dimension. Die grossen Duelle wurden oft auch zu propagandistischen Zwecken ausgeschlachtet.» Studer bezieht sich auf den «Match des Jahrhunderts» zwischen dem Amerikaner Bobby Fischer und dem Sowjetrussen Boris Spassky 1972 oder auf die epischen innersowjetischen WM-Kämpfe zwischen dem regimetreuen Anatoli Karpow und dem heutigen Oppositionspolitiker Garri Kasparow in den 1980er-Jahren. «Schach ist wie das Leben», sagt Studer und fügt lachend an: «Schach ist aber auch wie Fussball. Man muss kompakt stehen, die Figuren gut aufeinander abstimmen, die gegnerischen Angriffe antizipieren und schnell von Defensive auf Offensive umschalten.»

Mit dem Transfer zu Bayern München kehrt Studer quasi zu seinen sportlichen Wurzeln zurück. Im FC Muri Gümligen war er einst ein ambitionierter Fussball-Junior: «Ich spielte alle Positionen – abgesehen von Mittelstürmer. Als Torhüter hätte ich mir am ehesten eine erfolgreiche Karriere vorstellen können.» Doch sein Talent als Schachspieler durchkreuzte diesen Plan: «Als ich an den Wochenenden fast immer mit Schachturnieren besetzt war, gab ich das Fussballspielen auf.»

Der Entscheid lohnte sich – zumindest sportlich. Studer erreichte im vergangenen April die Grossmeister-Norm, als jüngster Schweizer der Geschichte: «Seither werde ich öfters auf das Schachspielen angesprochen.»

Finanziell befindet er sich dagegen im Zugzwang. Sein Trainer, der frühere Kasparow-Sekundant, der Ukrainer Josif Dorman, kostet den Schweizer «eine fünfstellige Summe». Es ist Geld, das sich nur schwer wieder einspielen lässt. Aber Studer kämpft um jeden Franken. Als erster Schachspieler wird er von der «Fritz Gerber Stiftung», die begabte junge Menschen fördert, unterstützt. Weiteren Support erhält er von der «Stiftung Fritz Bösch». Und seit Kurzem vertraut er auf die Dienste eines Managers.

Schwierige Sponsorensuche

Auf seiner Homepage präsentiert er, wo potenzielle Sponsoren ihre Label positionieren könnten: auf der Trinkflasche, auf dem Shirt oder auf der Facebook-Seite. Studer findet es schade, dass viele Weisheiten aus dem Schach («Denken Sie einen Zug voraus», «Zug um Zug nach vorne») in den allgemeinen Sprachgebrauch eingegangen sind, die meisten Firmen aber nicht auf die Idee kommen, mit einem Schachspieler zu werben.

Das Engagement bei Bayern ist wirtschaftlich eher eine Verlustrechnung. «Es werden mir lediglich die Spesen bezahlt.» Bei einem andern Klub hätte Studer ein paar tausend Euro (pro Jahr) verdienen können. Doch auf die verzichtet er gerne: «Ich war schon immer ein flammender Bayern-Fan. Für diesen Klub zu spielen, ist eine grosse Ehre.» Studer weiss aber auch um die kommerzielle Chance seines Ausflugs in die Bundesliga: «Der Name Bayern München könnte das mediale Interesse durchaus steigern.»

Der junge Berner analysiert seine persönliche Situation nüchtern und präzis. Wie am Schachbrett verliert er das Gefühl für die logischen Zusammenhänge kaum. Er entspricht nicht dem Klischee des introvertierten Genies, das sich in einem staubigen Kämmerchen verschanzt und tagein, tagaus über Denkaufgaben brütet. Seine Augen sind wach, sein Blick scharf. Er spricht auch die Sprache des normalen Sportkonsumenten: «Derzeit ist mein Spiel so, wie wenn eine Fussballmannschaft immer mit den gleichen elf Spielern antritt und stets über dieselbe Seite angreift. Ich muss vielseitiger und variabler werden.»