Interview

«Der Bundesrat sollte auf eine Ausgangssperre verzichten»

Ausgangssperren würden viele Menschen schwerwiegende psychische Probleme bereiten.

Ausgangssperren würden viele Menschen schwerwiegende psychische Probleme bereiten.

Die Isolation führt zu Angst und psychischen Störungen. Der Ostschweizer Psychiater Gunter Grein rät, den Notstand so schnell wie möglich aufzuheben.

In der Schweiz ist eine Ausgangssperre angedroht. Was macht die Isolation mit unserer Psyche?

Wenn es zu einer Ausgangssperre und der dazugehörenden Isolation kommt, kann das zu mehreren psychischen Störungen in der Bevölkerung führen. Es besteht das Risiko, dass Menschen eine komplexe posttraumatische Belastungsstörung entwickeln. Das kennzeichnet sich durch Gefühlsstörungen und Bewusstseinsveränderungen. Auch die Selbstwahrnehmung und jene der Umwelt kann beeinträchtigt werden. Dann kommen auch noch innerfamiliäre Konflikte dazu. Zudem erhöht sich das Risiko, dass bei Ausgangssperre depressive Symptome bis hin zur Suizidalität ansteigen können. Die Krankheitslast der Bevölkerung wird möglicherweise in erheblichen Masse im psychiatrischen Bereich zu verzeichnen sein, nicht nur im infektiologischen. Der Bundesrat tut aus psychiatrischer Sicht gut daran, keine Ausgangssperre auszusprechen.

Sind alle Menschen von solchen Ängsten und den daraus folgenden psychischen Problemen betroffen?

Die Posttraumatische Belastungsstörung wird ein Grossteil der Menschen ohne gravierende, langfristige Folgen wahrscheinlich bewältigen können. Das hängt von der sogenannten Resilienz ab, der psychischen Widerstandsfähigkeit eines Einzelnen. Dennoch wird es einen gewissen Prozentsatz an Menschen geben, die mit erheblichen psychischen Problemen zurückbleiben. Es wird auch Fälle geben, bei denen eine posttraumatische Störung erst verzögert auftreten wird.

Gibt es eine Gewöhnung an den Notstand?

Gewisse Anpassungen an die Isolation werden bei den meisten Leuten stattfinden. Das gilt aber nicht für alle. Aus psychiatrischer Sicht halte ich es für extrem wichtig, dass solche Massnahmen so schnell wie möglich wieder aufgelöst werden. Im Moment erkenne ich ein deutliches Ungleichgewicht in der Gesundheitsversorgung. Epidemiologen und Virologen dominieren. Ich habe Menschen in meiner Praxis, denen wurden wichtige Untersuchungen im Spital untersagt. Man müsste das gesundheits-ökonomisch ausrechnen, wie viele neue Krankheitsfälle durch diese einseitige Fixierung auf das Coronavirus generiert werden, gerade auch im psychischen Bereich.

Wovor haben die Menschen eigentlich mehr Angst. Vor einer Ansteckung oder vor den staatlichen Massnahmen dagegen?

Bei meinen Patienten habe ich in den letzten Wochen festgestellt, dass bei vielen die Ansteckungsgefahr Angst ausgelöst hat. Die vom Bund eingeleiteten Massnahmen halten die einen für richtig, die anderen für übertrieben. Die erste Gruppe überwiegt. Geplagt werden sie zusätzlich aber von existenziellen Ängsten. Zum Beispiel den Arbeitsplatz zu verlieren, keine neue Stelle zu finden. Bei einigen aber auch keine Nahrung zu erhalten. Bei diesen Patienten schwindet der Glaube daran, dass genug Lebensmittel vorhanden sind, wenn die Massnahmen weiter gehen.

Wie verbreitet sind denn Angststörungen?

Rund 15 Prozent der Normal-Bevölkerung leiden an einer behandlungsbedürftigen Angsterkrankung. Es ist zu befürchten, dass dieser Anteil zumindest kurz- oder mittelfristig je nach Entwicklung der Einschränkungen ansteigt. Der Angst voraus gehen in der Regel Wahrnehmungen, die uns zu Gedanken verleiten, dass etwas gefährlich sein kann. In der Folge kommt das Gefühl von Angst auf, welches sich dann mit körperlichen Krankheits-Symptomen zeigt: Atembeschwerden, Zittern, Missempfindungen im Brustkorb, innere Unruhe und Schwindel. Klinisch muss dann teils auch auf Herzerkrankungen, wie ein Herzinfarkt abgeklärt werden. In einer solchen Krisensituation mit Isolation neigen Leute dazu, sich weiter sozial zurückzuziehen. Sie können dann wegen der psychischen Probleme der Arbeit nicht mehr geregelt nachgehen, haben auch Ängste zurück zum Arbeitsplatz zu gehen. Ich halte es für sehr wahrscheinlich, dass Menschen mit einer Veranlagung für eine Angststörung jetzt über die Schwelle geschoben werden und deutliche Angstsymptome entwickeln können.

Erhalten diese im Moment psychiatrische Betreuung?

Die Psychiater sind inzwischen angehalten, telemedizinische Massnahmen zu ermöglichen. Da gibt es allerdings noch Unklarheiten wegen des Datenschutzes. Ich stelle fest, dass zuletzt 10 bis 30 Prozent der Patienten trotz Hygienemassnahmen in der Praxis Behandlungstermine absagen und teilweise auch auf das Telefon verzichten möchten. Das zeigt einerseits die Verunsicherung und andererseits, dass der persönliche Kontakt in der Psychiatrie sehr wichtig ist.

Was kann man tun, um die Angst zu bekämpfen?

Das kann man aus den Grundprinzipien der psychiatrischen Behandlung ableiten. Auch im Selbstmanagement ist es wesentlich, dass man sein Denkmuster verändert. Der Gedanke, dass die Situation sehr gefährlich ist, muss abgeschwächt und relativiert werden. Das kann man dadurch machen, indem man in seinem Umfeld Dinge anschaut, die funktionieren: Dass man zum Beispiel noch zum Spazieren darf, Lebensmittel einkaufen, ein Buch lesen. Am besten erstellt man eine Positivliste. Wichtig ist auch, die soziale Isolation zu vermeiden, den Kontakt zu anderen Menschen aufrecht erhält, zumindest telefonisch. Wir Menschen sind keine Einzelgänger.

Soll man Medikamente einsetzen?

Psychopharmaka können bei Ängsten helfen, sollten aber nur unter psychiatrischer Begleitung angewendet werden. Viel wichtiger ist es, die Stressfaktoren gar nicht zustande kommen zu lassen. Es ist zu hoffen, dass es nicht zu einer von oben verursachten Isolation kommt.

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