Julia Tuulik hatte einen Wunsch: Sie wollte ihrem Sohn vor dem Einschlafen etwas vorsingen können. Doch singen konnte sie nicht mehr – die Atemwege der 33-jährigen Lehrerin und früheren Ballerina waren nach einem Unfall verletzt. So setzte die Russin ihre Hoffnung in Paolo Macchiarini: Der italienische Chirurg hatte als erster künstliche Luftröhren entwickelt und sie scheinbar erfolgreich Patienten eingesetzt.

Wie gut die Methode tatsächlich funktionierte, zeigt der Autopsiebericht eines Patienten, der 2014 starb: «Die Prothese lag lose in der Kehle, umgeben von eitriger Flüssigkeit und totem Gewebe.» Macchiarini hatte seine Transplantationserfolge stark geschönt und zum Teil klar gefälscht.

Acht der neun Patientinnen und Patienten, die zwischen 2010 und 2014 von Macchiarini eine Luftröhre aus Plastik bekamen, sind inzwischen tot. Auch Julia Tuulik ging es ab 2012 zunehmend schlechter. In einem Brief schrieb sie: «Drei Wochen nach der ersten Operation öffnete sich eine eitrige Fistel und seitdem verwest meine Kehle. Ich wiege 47 Kilo. Ich kann kaum laufen. Ich habe Atemprobleme und kann nicht mehr sprechen. Und ich rieche so schlecht, dass Menschen vor mir zurückweichen.»

Wie konnte es so weit kommen? Dieser Frage sind Organisationstheoretiker der Linköping-Universität in Schweden in einer Studie nachgegangen und dabei zu einem vernichtenden Ergebnis gekommen: Das Karolinska-Institut (KI) in der Nähe von Stockholm, an dem Macchiarini angestellt war, hat nicht nur Warnungen von Wissenschaftern und Whistleblowern ignoriert und den Betrug später zu vertuschen versucht. Nein, es hat auch davon profitiert. So waren die scheinbaren Erfolge und deren Berichterstattung in den Medien ausschlaggebend für eine Spende von 50 Millionen US-Dollar aus China.

Interessenkonflikt der Unis

«Das Karolinska-Institut hatte kein Interesse daran, den Betrug an seiner Institution aufzudecken», fasst Solmaz Filiz Karabag, Mitautorin der Studie, zusammen. «Hochschulen sind heutzutage global operierende Unternehmen. Sie haben einen Markenwert und ein Markenprofil. Um dieses zu erhalten und zu fördern, folgen sie der Logik eines Marktes», sagt Karabag. Dabei ist die wissenschaftliche Erkenntnis die Ware, deren Wert gemessen wird: Wie viele Auszeichnungen? Wie viele Publikationen? Wie häufig sind diese zitiert? An solchen Indikatoren entscheiden sich ganze Lebensläufe.

Dieser Artikel entstand mit Unterstützung durch:

Logo Gebert Rüf Stiftung

«Forschungsinstitute haben in der Tat einen Interessenkonflikt», sagt David Shaw, Bioethiker an der Universität Basel. «Auf der einen Seite wollen sie gute Wissenschaft, auf der anderen Seite müssten Sie ihre Produktivität ausweisen, was mit Indikatoren gemessen wird.» Und um bei dieser Vermessung gut abzuschneiden, nehmen einige Forschende eine Abkürzung und die Uni schaut nicht so genau hin. Eine Win-win-Situation. Die Verlierer dabei sind die ehrlichen Forschenden und diejenigen, die sich auf die Forschung verlassen.

Wie also lässt sich der drohende Vertrauensverlust aufhalten? In vielen Ländern, auch in der Schweiz, sind es die Forschungsinstitute selbst, die Betrug verhindern und ahnden sollen. Aber sind sie angesichts ihres Interessenkonflikts die Richtigen für den Job?

Fehlverhalten auch an der ETH

Diese Frage stellt sich auch in der Schweiz. Hier steht seit 2015 der Biologe Olivier Voinnet von der ETH Zürich in der Kritik. Ihm wurden Fälschungen vorgeworfen, insgesamt musste er acht Veröffentlichungen zurückziehen. Das französische Elite-Institut CNRS, bei dem der Forscher auch eine Professur innehat, untersuchte den Fall und kam zum Schluss, dass Voinnet betrogen hatte. Das Institut suspendierte Voinnet für zwei Jahre.

Auch die ETH Zürich untersuchte die Vorwürfe, kam aber zu einem vergleichsweise milden Urteil: Der Forscher habe zwar Daten manipuliert, allerdings sei das aus Fahrlässigkeit passiert, und es habe nicht die wissenschaftlichen Schlussfolgerungen verändert. Man könne Voinnet kein wissenschaftliches Fehlverhalten vorwerfen. Er kam mit einer Verwarnung und Sanktionen davon.

Ein befremdliches Urteil, sagt Bioethiker Shaw: «Selbst wenn viele seiner Schlussfolgerungen korrekt sind, die manipulierten Veröffentlichungen haben Leuten zu Jobs und Fördergeldern verholfen. So etwas ist ungerecht und unethisch.» Und damit nicht genug. Erst letzte Woche wurde bekannt, dass in weiteren Voinnet-Publikationen Daten bewusst gefälscht worden waren. Da Voinnet diese Manipulationen aber nicht selbst ausgeführt hatte, bleibt er weiterhin Professor an der ETH. Seine Verwarnung und Sanktionen aus dem Jahr 2015 werden verlängert.

Unabhängige Kontrolle gefordert

«Universitäten sind nicht die Richtigen, um Betrug an ihren Institutionen zu verhindern und zu ahnden», schlussfolgert Solmaz Filiz Karabag. Sie fordert eine Art Anti-Doping-Agentur für die Wissenschaft: Ein übernationales, unabhängiges Kontrollorgan, das über das Verhalten von Forschenden wacht.

Anders sieht das der Schweizer Nationalfonds (SNF), der im Auftrag des Bundes Fördergelder vergibt. Für ein Kontrollorgan sehe man zwar derzeit keinen Bedarf, sagt Nadja Capus, Leiterin der Kommission für wissenschaftliche Integrität des SNF. Aber: «Es ist sicher so, dass wissenschaftliches Fehlverhalten auch ein systematisches Problem ist und dass viele Institute falsche Anreize setzen», sagt Capus. Der SNF versuche gegenzusteuern. Zum Beispiel, indem er die 2012 in den USA initiierte DORA-Deklaration unterschrieben hat. Sie besagt, dass Forschung mehr nach Inhalt und weniger nach Indikatoren bewertet werden soll. Diese Deklaration hat auch die ETH 2016 unterzeichnet.

Das sind wichtige Schritte gegen den Betrug. Denn Betrug hat immer einen Preis, und diesen bezahlt die Gesellschaft. Im schlimmsten Fall bezahlen Menschen mit ihrem Leben. So wie Julia Tuulik. Ihr Wunsch, ihrem Sohn ein Wiegenlied vorzusingen, blieb ihr verwehrt. Sie starb 2014 an den Folgen ihrer künstlichen Luftröhre.