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Als Sans-Papier in der Coronakrise: «Ins Spital zu gehen, ist zu gefährlich»

Die Verdienste von vielen Sans-Papiers wie Valeria, die als Babysitterin arbeitet, sind in der Coronakrise weggebrochen.

Die Verdienste von vielen Sans-Papiers wie Valeria, die als Babysitterin arbeitet, sind in der Coronakrise weggebrochen.

Ohne Einkünfte, ohne Bewegungsfreiheit und mit ungewisser Zukunft –zwei Sans-Papiers erzählen, wie sie die vergangenen Monate meisterten.

«Jedes Husten jagt mir einen Schrecken ein», sagt Valeria (alle Namen geändert). Nicht wegen Covid-19 allein dreht es ihr dann wild im Kopf: «Soll ich zu Hause bleiben, soll ich ins Spital?» Valeria lebt illegal in der Schweiz. «Als papierloser Mensch musst du grosses Glück haben, dass der behandelnde Arzt deine Situation versteht. Ich habe Angst, dass der Arzt oder eine Pflegerin die Polizei verständigt. Es braucht nur eine einzige Person den Hörer in die Hand zu nehmen, dann bin ich so gut wie abgeschoben», erzählt die 30-Jährige.

Auch könnten Sans-Papiers wie Valeria, die aus Venezuela kommt und im Raum Zürich lebt, niemals die Behandlungskosten aufbringen. 700 Franken verdient sie in guten Monaten mit all ihren Jobs. Einen Teil davon schickt sie ihren Eltern in Venezuela. Als die Schweiz Mitte März die Pandemieregeln verhängte, brachen Valeria alle Einkünfte weg. Geld von der Arbeitslosenversicherung oder aus einem Hilfstopf zu beantragen, waren keine Optionen.

Die Krankenkassenpflicht wird zum Problem

Valeria gehört zu den schätzungsweise 50'000 bis 90'000 Menschen, die in der Schweiz ohne Aufenthaltsbewilligung leben und, obwohl sie meist Papiere besitzen, Sans-Papiers genannt werden. Die meisten von ihnen gehen einer Erwerbsarbeit nach, in privaten Haushalten, der Gastronomie, oder im Baugewerbe und versuchen – im Schatten der Gesellschaft – ein möglichst unauffälliges Leben zu führen.

Krankenversichert ist Valeria nicht. «Wenn ein Spitalaufenthalt nötig ist, dann schliessen wir rückwirkend eine Krankenversicherung ab», erklärt Bea Schwager, Leiterin der Zürcher Anlaufstelle Sans-Papiers. Auch Personen ohne Aufenthalts­genehmigung haben in der Schweiz Anrecht auf eine Krankenkasse; ihre Daten dürfen dabei nicht den Behörden gemeldet werden. Doch wo das eine Problem mit der rückwirkenden Krankenkasse gelöst wird, entsteht das nächste: «Einmal angemeldet, kann man die Kasse nicht einfach wieder kündigen», sagt Bea Schwager. Da gelten für alle Versicherten dieselben Regeln des Krankenversicherungsgesetzes.

Da Papierlose für gewöhnlich bereits unter dem Existenzminimum lebten, so Schwager, könnten sie sich die Prämien aber nicht leisten, selbst wenn sie in einem Kanton lebten, der ihnen eine Prämienvergünstigung erlaube. Von der Stadt Zürich weiss sie, dass die Krankenkassenpflicht während des Lockdowns temporär aufgehoben wurde. «Aber die Kosten sind nur der eine Grund, der Sans-Papiers vor einem Gang ins Spital abhält», sagt Schwager. «Der Hauptgrund ist die Angst, jemand könnte sie den Behörden melden.»

Einen Monat in der Wohnung eingeschlossen

Das trifft auch auf den Marokkaner Alain zu, der seit fünf Jahren in der Schweiz lebt. «Ich hatte auch vor der Coronapandemie immer Angst, ich müsse wegen eines Unfalls ins Spital», sagt er.

Nicht nur vor dem Spital hatte er Angst, als im März der Lockdown begann: «Einen Monat lang bin ich nicht aus der Wohnung gegangen», sagt der 33-jährige Marokkaner. «Während dieser Zeit war viel mehr Polizei auf der Strasse. Was, wenn sie mich gefragt hätten, weshalb ich nicht in der Wohnung bin und meinen Ausweis verlangt hätten?»

WG-Kollegen übernehmen spontan die Miete

Alain lebt als Sans-Papier im Raum Zürich, seit sein Asylantrag abgelehnt wurde. «Ich wurde in Marokko in meiner Heimatstadt als Mitglied einer linken Partei ins Stadtparlament gewählt, aber kurz danach bekamen ich und meine Familie Drohungen.» Er entschloss sich, Marokko zu verlassen.

Auch Alain hatte Mitte März auf einen Schlag keine Einkünfte mehr. Normalerweise schlägt er sich mit Gelegenheitsarbeiten durch. Hier eine Wand streichen, dort eine Mauer hochziehen. 1500 Franken muss er so monatlich zusammenbringen, um zu überleben.

Und dann kam plötzlich gar nichts mehr rein. «Meine WG-Kollegen berieten sich umgehend und beschlossen, meine 300 Franken Miete unter sich aufzuteilen», sagt Alain. «Dann hat mir meine Schwester etwas Geld geschickt, die auch in Europa lebt.» In Zürich hätten ihn viele seiner Schweizer Freunde unterstützt, so sei er durchgekommen.

Das Gratisessen überliess er denen, die es dringeder nötig hatten

Nun tröpfeln die Aufträge bei ihm wieder rein. «Langsam», sagt er, «denn viele Leute haben selber kein Geld mehr.» Er wisse um die Anlaufstelle für gratis Lebensmittel und Gutscheine für Mahlzeiten, «ich bezog das aber nicht, weil ich finde, das sollen Leute bekommen, die es nötiger haben», sagt Alain.

Valeria hingegen musste jedes Angebot nutzen, um zu Essen zu kommen. Verbilligtes Einkaufen durch die Caritas, vergünstigte Lebensmittel, Gutscheine für Mahlzeiten. «Erst nach und nach bekomme ich wieder kleine Jobs», sagt sie. Wohnungen putzen oder Kleider bügeln. Familien, deren Kinder sie hüte, hätten erst noch gezögert, aus Angst, dass man ihnen das Coronavirus ins Haus bringe.

Um das Leben der Eltern zu sichern, arbeitet sie hier

Was sich Valeria zusätzlich vom Mund abgespart hat: Das Geld, das sie monatlich ihren Eltern schickt. «Die Rente meiner Eltern reicht inzwischen nirgends hin. Ein Kilogramm Fleisch im Monat, etwas Reis und das wars», sagt sie.

Deshalb ist sie überhaupt hiergeblieben, ist von einer Ferienreise nach Europa nicht mehr nach Venezuela zurückgekehrt. Obwohl die Situation in Venezuela damals schon schwierig war, konnte sie mit ihren Jobs noch genügend verdienen. «In der Schweiz fragte mich jemand, ob ich während meines Aufenthalts ihre Kinder betreuen wolle.» Als sie sah, wie viel man damit verdient, dachte sie an ihre Eltern. Freunde, die sie in der Schweiz hatte, sagten ihr, sie solle doch bleiben, es gäbe zahlreiche Sans-Papiers, die es ebenfalls schafften.

Ein Leben in permamenter Angst

Hätte Valeria gewusst, wie hart das Leben in permanenter Angst vor Abschiebung ist, sie wäre nicht geblieben, sagt sie heute. «Aber manchmal bin ich auch froh, dass ich das damals nicht wusste. In Venezuela bekommt man viele Lebensmittel und Medikamente nur noch auf dem Schwarzmarkt und meine Eltern können nur dank meiner Geldsendungen überleben.»

Weder Valeria noch Alain sieht man die Strapazen der vergangenen Monate an. Valerias schicke Sonnenbrille und gebügelte Bluse täuschen ebenso über die Realität hinweg wie Alains gestylte Haare und modisches Sporttenue. Die Tarnung durch das gepflegte Äussere ist bewusst gewählt, um in der Gesellschaft unsichtbar zu sein.

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