Schöner wärmen
Jetzt ist wieder Zeit zum einkuscheln: Warum sich erst mit der richtigen Decke neue Perspektiven eröffnen

Die Wolldecke ist eine Pandemie-Gewinnerin. Jetzt ist der richtige Zeitpunkt für eine Hymne: Mit der richtigen Decke eröffnet die Kunst der horizontalen Lebensführung neue Perspektiven.

Daniele Muscionico
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Die Kunst des Liegens stellt drei Bedingungen: Eine warme Decke, ein stummer Begleiter und ein gutes Buch. Der Winter kann kommen.

Die Kunst des Liegens stellt drei Bedingungen: Eine warme Decke, ein stummer Begleiter und ein gutes Buch. Der Winter kann kommen.

PD

Liegen Sie auch gerade? Dann liegen Sie richtig: Wer liegt, hat mehr vom Leben. Die Horizontale ist von unbeschreiblichem Wert. In der Kontemplation entstehen oft grosse Ideen. Der horizontale Mensch sieht Dinge, die anderen entgehen, Naheliegendes wie die Zimmerdecke. Sage keiner, dass eine karge Decke nicht inspirieren kann! Die Kunstwelt hegt den Verdacht: Hätte sich Michelangelo nicht derart ausgiebig dem Liegen hingegeben, er hätte sich kaum in eine Decke vernarrt – und vier lange Jahre lang, liegend, die Sixtinische Kapelle bepinselt.

Michelangelos Werk in der Sixtinischen Kapelle.

Michelangelos Werk in der Sixtinischen Kapelle.

Bild: Keystone

Das alte Flanieren ist das neue Liegen

Mich lassen solche und ähnliche Decken kalt. Mich wärmt anderes, wenn ich liege. Und ich liege, wann immer man mich liegen lässt: weich, flauschig, paradiesisch. Meine Decke nämlich, eng um meinen Körper geschlungen, ist ein Fluchtort. Sie taugt bei Herbststürmen genauso wie sonntags. Mögen andere zur Kirche gehen, ich gehe bloss ein paar Schritt – und bin schon im Himmel: unter meiner Decke.

Ohne sie taugt das Liegen nicht die Hälfte. Langgestreckt und einsehbar fühle ich mich ohne sie schutzlos und nackt. Eine Decke muss her, ein Gewicht auf mir, nicht zu viel, nicht zu wenig, so muss es sein. Erotische Gefühle für einen Gegenstand? Meine Decke ist kein Gegenstand, sie ist eine Freundin! Es gibt keine Zweifel: Wer, wenn nicht sie hängt – und klebt sogar – an mir, rückt nicht von meiner Seite, ist da, wenn immer ich sie brauche?

Decken sind Trost und Träumen. Sie sind ein Wachtraum in der ganzen Länge und Breite ihrer Selbstlosigkeit. Decken sind materialisierte Komfortzonen. Sie sind die ambulante Behausung, die man sich mit nur einem Handstreich in feindlichem Umland erstellt: Decke über den Kopf, hier beginnt mein Reich. Gibt es effizientere, effektivere und einfachere Mittel, um für Augenblicke den Zumutungen des Lebens den Rücken zu kehren – und sich selbst Gutes zu tun, als sich zuzudecken? Ich kenne wenig anderes.

Und ich liege mit meiner Wahrnehmung nicht allein: Die Decke als Einrichtungsgegenstand erlebt einen rasanten sozialen Aufstieg. Ihre Herkunft nämlich ist unglamourös: Unsere Grosseltern warfen sie dem Gaul nach geleisteter Arbeit über. Oder man übte die Wehrhaftigkeit von Soldaten an ihr; im Kampf gegen den unsichtbaren Feind war Wehrmännern die Kratzbürstigkeit der Armeedecke allerdings selten ein ernsthafter Gegner.

Das alles war einmal. Mit erzieherischen Massnahmen oder therapeutischen Zwecken hat die Verwendung von Decken heute kaum mehr etwas zu tun. Der Gegenstand ist längst ein Allgemeingut und in jeder Preisklasse zu haben.

Selbst Hersteller der Schweizer Offiziersdecke machen inzwischen auf die mehrheitsfähig softe Tour: Man verwendet als Material nicht die fiese Schurwolle, sondern die feine Unterwolle der Merinoziege. Unter Expertinnen heissen solche Dinger «Wohndecke», und die Bezeichnung verrät ihren Sinn: Im Visier der Decke liegt nicht das Überleben im Kriegsfall, sondern die Mehrung unseres Wohlergehens in Zeiten des Luxus und der Verschwendung.

Im Bett mit Bison, Moschusochse und Yak

Was gibt es nicht alles für Materialien, in die man seinen Luxuskörper hüllen darf. Alpakawolle oder solche vom Lama, Wolle von der Kaschmirziege. Besonders beliebt und extravagant als Wolllieferanten sind Bisons, Yaks und Moschusochsen. Und selbst der Hund gibt, seit er ein Begleiter der Menschen ist, Unterwolle her, die man verspinnen kann.

Kamelhaardecken? Auch sie sind so neu nicht, wie man vielleicht vermutet. Bereits die Liegekuren in Zeiten von Thomas Manns «Zauberberg» in Davos wurden in solchen absolviert. Bei Mann kann man nachlesen, wie das fachgerechte Windeln, das Einpacken mit nur drei Griffen gelingt. Einfach ist es nicht.

Doch das wohlige Liegen in Wolle ist nicht ungetrübt. Aus Asien und Afrika kennt man tierquälerische Praktiken und Qualzuchten, auch beim Hund. Organisationen wie Peta weisen darauf hin, dass selbst Schurwolle aus solchen Regionen nicht unbedenklich gekauft werden soll. Nachfolgbarkeit über alle Prozesse hinweg ist wichtig, will man wissen, wie ein Produkt entsteht und was ihm zugrunde liegt. Als Alternative bietet sich die gute alte Baumwolle an, die Kunstfaser – Fleece – oder, warum nicht, Bambus.

Die Vorstellung, sich in Botanik zu betten, erleichtert das Gewissen. Und leicht soll die horizontale Lebensform ja an erster Stelle sein. So leicht, dass wir fliegen. Gerne auch zu zweit.

Lammfelldecke

Bild: Manufactum

Warm und schwer, Luxus pur: Lammfelldecke aus zehn spanischen Merinoschafen. 1950.– Franken.

Mongolische Kaschmirdecke

Bild: Bedandroom

Gestrickte Kostbarkeit: Wolle mongolischer Kaschmirziegen, erhältlich nur in limitierter Stückzahl. ca 1720.– Franken.

Fleece-Kuscheldecke

Bild: JYSK

Dänisches Schnäppchen: Fleece-Kuscheldecke aus Polyester, 2.50 Franken.

Militärdecke aus Merinowolle

Bild: Militärshop.ch

Schweiz light: Armee-Wolldecke aus 100 Prozent Merinowolle. Die Schlacht ums Kratzen ist geschlagen. 149.95 Franken.

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