Tatort-Kolumne
Der letzte Fall des Kieler Kommissars Borowski ist ein Meisterwerk: Wir geben die volle Punktzahl

Die Folge aus Kiel bricht das altbekannte Gut-Böse-Schema vieler Krimis auf. Der Tatort «Borowski und der Schatten des Mondes» überzeugt aber auch mit tollen Schauspielern.

Julia Stephan
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«Borowski und der Schatten des Mondes» läuft auf SRF1 am Sonntag um 20.15 Uhr.

«Borowski und der Schatten des Mondes» läuft auf SRF1 am Sonntag um 20.15 Uhr.

Bild: NDR

Es ist ein ungelöster Fall, ein sogenannter «cold case». Den Kieler Kommissar Borowski (Axel Milberg) lässt er nicht kalt. Wie soll er auch? Bei den körperlichen Überresten, die unter einer vom Sturm entwurzelten Eiche gefunden wurden, handelt es sich um Borowskis erste Jugendliebe Susanne.

1970 wollte er mit ihr per Anhalter an ein Festival fahren, Jimi Hendrix, der dort auftreten sollte, schon im Ohr. Aber dann kam es zum Streit. Susanne ging ohne ihn. Der 14-jährige Borowski – hier souverän gespielt von Axel Milbergs eigenem Sohn August – war der letzte, der Susanne lebendig in ein Auto hat steigen sehen. Und er fühlt, wie alle Hinterbliebenen, eine Schuld, die ihn bis in die Gegenwart verfolgt.

Ein «Tatort», der mit der Symbolik deutscher Eichen spielt, uns schuldbeladen in einen Wald voller Frauenleichen stellt, der Jägerrituale mit obszönen Mordritualen vermengt und Brahms’ «Deutsches Requiem» zum Leitmotiv macht: Kann das gut gehen?

Und ob das gut geht! «Borowski und der Schatten des Mondes» ist nicht nur der persönlichste Fall des Kieler Ermittlers – wie Milberg die Verletzlichkeit seiner Seele allein über stumme und dennoch vielsagende Blicke transportiert, ist meisterhaft.

Dank fantastischer Schauspieler wie dem Schweizer Stefan Kurt, der in dieser ganzen Vergangenheitsbewältigung und Suche nach den Wurzeln allen Übels ebenfalls eine tragende Rolle spielt, trifft dieser «Tatort» einen Mollton der menschlichen Existenz, der das plumpe Gut-Böse-Schema im Krimi aufbricht. Endlich mal ein «Tatort», in dem die Zeitreise in die Vergangenheit tatsächlich zu tieferen Einsichten führt.

Wir geben fünf von fünf Sternen.