Kolumne
«Glamour, mon amour»: Ein bisschen Selbstlob für uns alle

Unsere Autorin Simone Meier schreibt diese Woche über die beeindruckende Flexibilität, die in der Krise viele zeigten.

Simone Meier
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Dem Pflegepersonal und Familien, die sich trotz Quarantäne-Homeoffice-Fernunterricht-Umständen immer lieb haben, gebührt ein Blumenstrauss.

Dem Pflegepersonal und Familien, die sich trotz Quarantäne-Homeoffice-Fernunterricht-Umständen immer lieb haben, gebührt ein Blumenstrauss.

Bild: Severin Bigler

Eben habe ich erfahren, dass eine Kollegin von sehr viel früher, die ich als Ausbund der gefestigten Vernunft wahrgenommen hatte und der gegenüber ich mir vorkam wie eine halb verrottete und dann noch einmal vom Wind durch den Rauch einer Kehrichtverbrennungsanlage getriebene Schwanenfeder, eine neue Karriere als Astrologin gestartet hat. Offenbar mit Erfolg. Auch für ihr eigenes Wohlgefühl. Als Esoterik-Allergikerin reagiere ich auf so was mit einem doppelten Salto an geistigem Nesselfieber. Einerseits. Andererseits mag ich ihr von Herzen gönnen, dass sie etwas für sich gefunden hat, was ihr offensichtlich gut tut.

Meine Überraschung war gross. Und führte dazu, dass ich sofort ein pseudoastrologisches Quiz machte, das eine mir sehr nahe und liebe Kollegin zum Jahreswechsel ins Internet hineingebastelt hatte. Ich wusste, dass ich das nicht ernst nehmen musste. Weshalb ich selbstverständlich eine übertrieben gute Prognose erwartete. Eine, die mich ein bisschen rühren und amüsieren würde. Jöh, süss, was mir die Anna alles zutraut, würde ich denken können und dabei völlig verdrängen, dass sich die Anna meinen Geburtstag so wenig merken kann wie ich mir ihren, den ihres Mannes, ihres Babys und ihrer Katze. Und? Was kam nach dem Anklicken diverser Büsibildchen und kurioser Multiple-Choice-Möglichkeiten heraus? «Sie erwartet das Jahr der Probleme», stand da sackfrech. Merci für gar nichts!!!

Aber was ich eigentlich mit dem unerwarteten Karrierekurswechsel von Kollegin A und der leichtfertigen Grausamkeit von Kollegin B sagen will, ist dies: Wenn uns die letzten beiden Jahre etwas gelehrt haben, dann, dass immer alles anders kommt, als wir das erwarten, hoffen oder wünschen. Und so grundvernünftig haben wir uns wieder und wieder an die wechselnden Umstände angepasst, dass wir nun auch ein bisschen stolz sagen dürfen: Die wenigsten von uns mögen im Yoga oder Ballett jemals die angestrebte körperliche Gelenkigkeit erreichen, aber für unsere Flexibilität in Sachen Krise dürfen wir uns auch mal loben.

Durchhalten statt Durchdrehen gilt immer noch für die meisten von uns. Ich bewundere die Familien, die es wochenlang miteinander in Quarantäne-Homeoffice-Fernunterricht-Umständen ausgehalten haben oder noch aushalten müssen und dabei nicht aufhören, einander gern zu haben. Ich verehre das Pflegepersonal, das trotz seiner masslosen Erschöpfung, trotz seiner von Masken und Schutzbrillen wundgescheuerten Gesichter nicht aufgibt. Und meine Kolleginnen und Kollegen, die seit zwei Jahren über kein anderes Thema berichten als über Corona und dabei nie ihre Energie und ihren Willen zur Informationspflicht verloren haben.

Sie alle und viele andere machen, dass wir als Gemeinschaft den Optimismus nicht aufgegeben haben. Und wer weiss, vielleicht ist ja gerade 2022 die Hoffnung, dass alles viel besser wird, weit realistischer als in Dutzenden von sorgloseren Jahren zuvor. Ich wünsche es uns.