Kolumne
Eine Woche schweigen: Wer nichts hören will, muss fühlen

In ihrer Kolumne «Liebes Leben, wir müssen reden» schreibt Social-Media-Redaktorin Maria Brehmer über alles, was das Leben schöner macht – und manchmal auch schwieriger. Heute: Warum uns Schweigen innerlich lauter werden lässt.

Maria Brehmer
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«Ich hatte auf höfliche Zurückhaltung meiner Gedanken gehofft in dieser entschleunigenden Umgebung, doch weit gefehlt.»

«Ich hatte auf höfliche Zurückhaltung meiner Gedanken gehofft in dieser entschleunigenden Umgebung, doch weit gefehlt.»

Sandra Ardizzone

Die ersten sieben Tage dieses Jahres verbrachte ich schweigend. Wie die anderen 40 Teilnehmerinnen dieses Retreats sagte auch ich eine Woche lang kein einziges Wort, kein «Hallo», kein «Danke» kam über meine Lippen.

Keine Nachricht habe ich ins Handy getippt und weder SMS noch E-Mails gelesen. Ich habe keine Podcasts gehört und keine Musik. Pure Stille auf dem Gipfel eines Hügels, abgekapselt von der Aussenwelt – zumindest von Geräuschen.

In meinem Kopf lief das Radio

Denn in meinem Kopf, da herrschte Lärm. Ich hatte auf höfliche Zurückhaltung meiner Gedanken gehofft in dieser entschleunigenden Umgebung, doch weit gefehlt: Der Stimme in meinem Innern war es ziemlich egal, ob sie in der Weite Oberitaliens in Dauerschleife meinen geistigen Frieden störte.

Ständig quasselte sie etwas von «Wenn ich wieder zu Hause bin, muss ich mich unbedingt noch bei Tante XY melden» oder «Habe ich vor meiner Abreise auch wirklich alle wichtigen Rechnungen bezahlt?». Nichts sagen, einfach mal das Reden sein lassen für ein paar Tage: beachtenswert einfach, ja gar befreiend. Innerlich still werden, den Verstand zur Ruhe bringen: eher schwierig.

Dinge nicht zu tun, die ich üblicherweise tue – planen, analysieren, hinterfragen, kommentieren –, fällt mir schwer, denn ich bin, vermutlich wie Sie, ein Gewohnheitstier.

Wir wiederholen, was wir immer tun, denn wenn wir nicht aktiv entscheiden müssen, spart das eine Menge Energie. Dass ich meinem Partner jeden Tag detailreich von meinem vollgepackten Arbeitstag erzähle, sobald wir abends wieder zusammen sind, ist eine Gewohnheit. Dem Bedürfnis meines Verstandes, das Erlebte auch immer gleich mitzuteilen, komme ich wie eine Auto­pilotin nach: Ich tue dann, was ich immer tue. Wie ich meinen Partner hin und wieder auch überfahre mit meinem Gebrabbel, bemerkte ich nie.

Auch der Verstand wird mal müde

Unser Verstand liebt die Beschäftigung, das machte mir der Aufenthalt im Schweige-Retreat einmal mehr deutlich. So sehr ich mich auch anstrengte, ich konnte die Stille, nach der ich mich nach dem stressigen Ende des letzten Jahres so sehr sehnte, einfach nicht geniessen.

Bis ich aufhörte, irgendetwas tun zu wollen (mich unbedingt entspannen!), und anfing, Erwartungen loszulassen (ich muss auf Knopfdruck zur Ruhe kommen können!). Als an Tag drei meine Verstandeskraft seine Reserven schliesslich aufgebracht hatte und ich angenehm wattig wurde im Kopf, fing mein Gehirn an, sich Pausen zu gönnen. Es war wundervoll.

Innehalten und hinhören – und zwar nicht, was der Büronachbar sagt, sondern die Stimme im Oberstübchen: Das werde ich nach den Tagen der Stille öfter tun.

Wann würde etwas mehr (akustische) Ruhe meinem Partner und mir zugute kommen? Wäre eine entspannte, langsame Begrüssung, die meinem Partner und mir Zeit und Raum lässt, zu Hause anzukommen, nicht auch eine gute Option? Eine interessante (Denk-)Aufgabe! Ich freue mich schon auf die nächste Schweigewoche.

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