«Jung & Alt»-Kolumne
Jugend ohne Ostern?

In der «Jung & Alt»-Kolumne schreibt unser Autor Ludwig Hasler, 77, alternierend mit Samantha Zaugg, Journalistin, 27. Diese Woche erklärt Hasler, wieso Religion mehr zu bieten hat als die Belehrungsmaschine aus Wissenschaft und Moral.

Ludwig Hasler
Ludwig Hasler
Drucken
Vor 70 Jahren feierte man das Osterfest anders als heute, hier die Messe in der Kichre von Vals.

Vor 70 Jahren feierte man das Osterfest anders als heute, hier die Messe in der Kichre von Vals.

Bild: Keystone

Liebe Samantha

Ich las deinen Brief am Karfreitag. Und erinnerte mich an eine Zeit, als es noch nicht das Grösste war, an diesem Tag im Stau am Gotthard zu stehen. Oder auf dem Töff durch Dörfer zu brummen.

In Beromünster war damals der Tag vollkommen ruhig, keine Autos, keine Geschäfte, vom Kirchturm nur die Holzrätsche. Nachmittags die Passion, Kreuzweg, Golgatha, Tod am Kreuz. Dunkel, Stille. Feierlich. Spät am Samstag zündeten wir vor der Kirche den Holzstoss an, von dort nahm die Osterkerze Feuer. Einzug in die Kirche. Dreimal der Ruf «Lumen Christi», beim dritten Mal explodierte alles Licht in der dunklen Kirche. Ähnlich wie der Schlusschor bei Beethoven: «Freude, schöner Götterfunken!» Die Botschaft ergriff uns, Auferstehung war Erfahrung, kein Trostpflaster. Es gibt Licht! Noch nach der schwärzesten Nacht. Halleluja!

Ist das für dich Hokuspokus? Im Brief redest du dich in ein auswegloses Dunkel. Alle seien wir Rassisten, verdorben in unserer egozentrischen Borniertheit. Selbst wenn das pauschal so wäre: Was ändert diese Anklage? Was hast du, was haben wir davon – ausser schlechtes Gewissen, also schlechte Laune? Ist aus mieser Laune je etwas besser geworden? Im Gegenteil: Wer sich geknickt fühlt, reagiert trotzig oder rastet aus. Wer auf den Deckel kriegt, rächt sich irgendwann. Am Ende sind wir genervt – wie du gerade. Wo bleibt dein Humor? Findest du ihn deplatziert, wo die Sache ernst wird? Sehe ich umgekehrt: Wer ohne Humor ist, hat den Ernst der Lage nicht kapiert. Weil der Ernst der Lage immer durchzogen ist. Also ungereimt. Hält man nur mit Humor aus.

Du sagst, wir treten an Ort. Wie kämen wir weiter? Vielleicht mit Wilhelm Busch: «Tugend will ermuntert sein, Bosheit kann man schon allein.» Tugend (nicht Bravheit) meint: die Kraft, etwas zum Besseren zu bewegen. Worauf reagiert diese Kraft? Sicher nicht auf Belehrung, eher auf Verlockung. Auf Ermutigung. Sicher nicht auf Prügel.

Davon hatte Religion mehr zu bieten als die Belehrungsmaschine aus Wissenschaft und Moral. Ja, die Kirche hat sich unerträglich schuldig gemacht, mit übelsten Mächten zusammengespannt, ich weiss. Doch wer ersetzt nun ihr kulturelles Angebot, den Reichtum an Bildern, Erzählungen, Ritualen?

Die machen uns nichts vor, reden uns den Zwiespalt nicht aus, der uns menschlich macht: sehen uns prekär zwischen Geist und Gier, zwischen Gut und Böse. Erzählen aber auch von Hoffnung nach der Verzweiflung, von Gnade in der Sünde. Erzählen von Karfreitag und Ostern. Tod und Auferstehung. Dass der Tod nicht das letzte Wort hat, ist kein billiger Trost. Wer Erneuerung will, lebt anders. Also anders leben? Muss ich dann selber.

Habt ihr Jungen auch so etwas wie Ostern?

Ludwig

Hinweis: Jung & Alt gibt es jetzt auch als Buch. Verlag Rüffer & Rub.

Weitere Episoden dieser Kolumne finden Sie hier: