Die Sprachstilistin
«Sie sind auch so eine dumme Kuh»: Warum das Siezen überleben muss

Unsere Kolumnistin Odilia Hiller erklärt, in welcher Situation sich siezen lohnt – obwohl das Du auf dem Vormarsch ist.

Odilia Hiller
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In modernen Firmen duzt man sich, egal ob Chefin oder Praktikant.

In modernen Firmen duzt man sich, egal ob Chefin oder Praktikant.

Keystone

Unentspannte Menschen – und das sind wir momentan alle ein bisschen – haben die leidige Angewohnheit, sich relaxt zu geben: In der Freizeit ziehen sie sofort die Trainerhose an, greifen zum Feierabendbier, werfen sinnlos Würste auf den Grill – und duzen alles, was Beine hat.

Längst sind auch in «innovativen» Unternehmen vom Geschäftsführer bis zur Praktikantin alle per Du: spätestens seit den 1970er-Jahren ein Fanal für Fortschritt, Augenhöhe, flache Hierarchie, Kollegialität, Lockerheit und Zusammengehörigkeit. «Was sind wir doch für eine wunderbare, grosse Familie!», ruft das universelle Du.

Auf dem Gipfel sind wir alle per Du

In den Bergen wird überhaupt nur geduzt: Auf dem Gipfel, wo die Luft dünn wird, sind wir alle gleich. Ganz entspannt sind auch die Sportler, unter denen meist dem Teufel ein Ohr abgeduzt wird. Genau wie im Fitnesscenter, Hort der Übercoolness, wo man sich ab Montag wieder vertraute Dus zuwerfen wird: Wiä häsch?

Nicht zu vergessen das Internet: Plattform einer neuen, gleichen Welt, welche aus der Menschheit eine globale Family macht, wo sich alle respektieren und nett sind zueinander. Wann und wie royal das Vorhaben der Weltfamilie im Netz scheitern wird, ist noch unklar.

Von globaler Family keine Spur

Aber nichts zeigt besser als das Web, wie weit wir vom Ideal der solidarischen Weltgemeinschaft entfernt sind. Nirgends bilden sich mehr Gruppen, die sich radikal von anderen abschotten und andere aufs Aggressivste angreifen.

Ob auf Du oder Sie, spielt da zugegebenermassen eine untergeordnete Rolle. Man kann sich auch siezend aus der untersten Schublade bedienen: «Sie sind auch so eine dumme Kuh mit Ihrem Kommentar», schrieb mir kürzlich ein Leser per E-Mail.

Das «Sie» rechne ich ihm hoch an, zeigt es doch, dass er eine letzte Form des Comment wahren wollte, um sicherzustellen, dass die Botschaft auch ankommt. Ich wage zu behaupten, dass ich das Gleiche in Du-Form sofort gelöscht hätte. Nun liegt das beleidigende Mail immerhin im Archiv und harrt einer weisen Antwort, über der ich noch grüble.

Das englische «You» war ein «Sie»

Als Anhängerin der Höflichkeitsform als Ausdruck von Respekt, Distanz und – wenn nötig – Abgrenzung habe ich mit einer gewissen Befriedigung vom französischen Literaturprofessor Etienne Kern kürzlich gelernt: Das englische «You» war ursprünglich ein allgemeines «Sie» – und keineswegs die Einführung des Du für alle.

Nehmen Sie das, Promoter der kalifornischen Silicon-Valley-Entspanntheit!

Wobei ich bei aller Liebe zum Siezen entspannt bleibe: Ikea darf mich duzen, das machen die Schweden so. Unsere Leserinnen und Leser werde ich, bis man es mir verbietet, auch auf Facebook siezen.

Vor meinem inneren Auge sind das nämlich nicht meine Nächsten. Sonst müssten sie nicht bezahlen, um zu lesen, was wir schreiben.

Duzen werden wir uns dereinst, wenn alles gratis ist und wir uns in der Weltfamilie nur noch grosszügig beschenken. Das dauert noch ein bisschen. Nach Ihnen!

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