«Auf ein Wort»-Kolumne
Wieso wir anderen Menschen sagen, dass sie die Ohren steif halten sollen

In seiner aktuellen Kolumne erklärt unser Mundartexperte Niklaus Bigler, woher Redewendungen kommen, die sich mit unserem Hörorgan befassen.

Niklaus Bigler
Niklaus Bigler
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Menschliche Ohren sind weniger gelenkig als die vieler Tiere.

Menschliche Ohren sind weniger gelenkig als die vieler Tiere.

Bild: Keystone

«Halt die Ohren steif!» Das fällt mir ein, wenn unterwegs wieder einmal die Gesichtsmaske wegrutscht, weil sich die Ohrmuschel umgebogen hat. Die Redensart geht offensichtlich vom Verhalten von Tieren aus, denn als Mensch kann man an den Ohren nichts verstellen.

Auch die schweizerdeutschen Wendungen d Oore lo lampe (verzagt sein) und d Oore spitze, stelle, strüüsse (aufhorchen) sind tierischem Verhalten abgeschaut. Seltsamerweise finde ich kein schweizerdeutsches Wort für die Ohrmuscheln (in Wien Uawascheln). Und das Ooreläppli kommt im Idiotikon Band 3 nur als Oorelämpli vor.

Wenn jemand nicht recht zuhört, sagt der Volksmund: Es goot bim einten Oor ie und bim andere wider use. Man kann sogar d Ooren uf Duurzug stelle. – Händ der d Oore glüütet? Diese Frage stellt man einem, der offenbar etwas weiss, ohne dass es ihm gesagt wurde. Dieses Läuten der Ohren bezeichnet eine Art Siebten Sinn; mit Tinnitus hat das nichts zu tun.

Sell der d Oore lo stoo (und s Läbe schänke)? Diese witzig gemeinte Drohung schreckte früher viele Kinder und geht letztlich auf die Zeit der Scharfrichter zurück. – Eine uralte Redensart ist em Tüüfel es Oor ablüüge, abflueche; das Lügen oder Fluchen geht so weit, dass es nicht einmal des Teufels Ohr aushält.

Die Liste der Verben hat sich im Lauf der Zeit erweitert (etwa schaffe, lauffe), und em Tüüfel (e)s Oor ab ist zu einem generellen Steigerungsadverb geworden. Bis über d Ooren i de Schulde stecke oder bis über beid Oore verliebt sii: Dahinter dürfte die Vorstellung stehen, dass jemand im Sumpf oder im Wasser versinkt, und niemand kann ihm mehr helfen.

Niklaus Bigler war Redaktor beim Schweizerdeutschen Wörterbuch (idiotikon.ch).

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