«Auf ein Wort»-Kolumne
Wer hat die grösste Trychle?

In seiner aktuellen Kolumne erklärt unser Mundartexperte Niklaus Bigler, woher die schweizerdeutsche Bezeichnung für Glocke oder Schelle kommt.

Niklaus Bigler
Niklaus Bigler
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Freiheitstrychler demonstrieren momentan immer wieder gegen die Schutzmassnahmen gegen das Coronavirus.

Freiheitstrychler demonstrieren momentan immer wieder gegen die Schutzmassnahmen gegen das Coronavirus.

Bild: Keystone

Viele Rinder tragen auf der Weide Glocken (gegossen) oder Schellen (aus Blech geschmiedet). Letztere heissen in der deutschen Schweiz vorwiegend Trinkle, Triichle, Treichle oder ähnlich. Das Wort ist althochdeutsch als drenkila belegt und kommt nur im äussersten Südwesten des deutschen Sprachgebietes vor.

Die Lautentwicklung entspricht der von trinken: Im Südschweizerdeutschen ist k zu kch geworden, das n ist ausgefallen, gleichzeitig wurde der Vokal gedehnt oder zu ei diphthongiert. So ergibt sich je nach Gebiet trinkche/ triiche/ treiche. Dementsprechend wurde Zins zu Ziis oder Zeis. Die Formen triiche, Triichle, Ziis sind typisch alpin.

Triichle gibt es in allen Grössen; aber beim Weiden sind grosse Schellen am Hals hinderlich. Sie werden nur als Prunkstücke bei der Alpfahrt getragen, die Faartriichle. Wenn Menschen die grossen Schellen zum Klingen bringen, so ist das mit Bräuchen verbunden.

Im Berner Oberland veranstalteten die jungen Burschen im Dorf eine Katzenmusik, die Triichlete, wenn ihnen eine Heirat im Dorf missfiel. Aus Graubünden kennt man Chalanda­marz, die Vertreibung des Winters durch Lärm, und der kleine Schellenursli im Kinderbuch hat dabei die grösste Schelle.

Kostümierte Innerschweizer Triichler machen um Neujahr Umzüge und begleiten im Advent den Nikolaus. Im Januar 1550 zogen Oberwalliser mit Stiermasken und Schellen nach Sitten, um gegen die Obrigkeit zu protestieren; das war der «Trinkelstierkrieg». Und jetzt bekämpfen «Freiheitstrychler» mit ihrem Lärm die Massnahmen gegen das Coronavirus – oder wollen sie nach altem Brauch das Virus selbst vertreiben?

Niklaus Bigler war Redaktor beim Schweizerdeutschen Wörterbuch (idiotikon.ch).

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