Klimaschutz
Ach du grüne Zeit! Jetzt gibt es nachhaltige Uhren aus recyceltem Material

Mit grünem Konzept sprechen neue und gestandene Marken eine umweltbewusste Kundschaft an. Das darf auch etwas kosten.

Niklaus Salzmann
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Das Start-up ID Genève steckt restaurierte Automatikgetriebe in Gehäuse aus Recycling-Stahl.

Das Start-up ID Genève steckt restaurierte Automatikgetriebe in Gehäuse aus Recycling-Stahl.

Tonatiuh & Daniela

In Genf tritt eine neue Uhrenmarke auf den Plan. Das Modell «Circular 1» von ID Genève kann jetzt vorbestellt werden, im Juli wird es ausgeliefert. Es ist keine Smartwatch, sondern eine klassische Armbanduhr: edles Stahlgehäuse, glänzendes Zifferblatt in verschiedenen Ausführungen, kratzfestes Saphirglas, schicke Details wie die Initialen «ID» auf der Krone. Also das, wofür Schweizer Uhren stehen – Qualität und Luxus.

Doch wo soll diese Uhr neben den gestandenen Marken ihre Nische finden? Einen ersten Hinweis darauf findet, wer die Uhr umdreht. «100% recycled stainless steel» ist da eingraviert. Das Genfer Start-up bezieht den rezyklierten Stahl von einer kleinen Firma im Kanton Jura, welche Abfälle aus der Uhrenindustrie aus der Umgebung einsammelt. Eingeschmolzen wird das Metall derzeit noch in Frankreich, doch Ziel ist es, das künftig mit einem eigenen Solarofen zu machen und damit den CO2-Ausstoss auf ein Minimum zu senken.

So ist auch der Name «Circular» dieser Uhr zu verstehen. Er bezieht sich nicht nur auf die Form des Zifferblattes, sondern in erster Linie auf den Kreislaufgedanken. Batterien wären dabei fehl am Platz – das Herzstück sind restaurierte gebrauchte Automatikgetriebe. Das Nachhaltigkeitsprinzip erstreckt sich aber über das Gehäuse hinaus. Das Uhrenband, das aussieht wie Kunstleder, besteht zu 80 Prozent aus Traubentrester. Und für den Versand wird alles in eine kompostierbare Packung aus Pilz gesteckt.

Plastikuhren aus pflanzlichen Rohstoffen

Mit Preisen um die 3000 Franken siedelt ID Genève seine Uhren im Luxussegment an. Doch Nachhaltigkeit ist heutzutage kein Luxus mehr. Sondern ein Lebensstil, der Menschen aus allen Schichten anspricht. Das hat das Team einer ganz anderen Schweizer Uhrenmarke erkannt: Swatch.

Bekannt ist Swatch für Plastikuhren. Und diesem Konzept bleibt die Firma treu. Doch Plastik ist nicht gleich Plastik. Im vergangenen Jahr wurde die Serie «Bio Reloaded» lanciert, bei der sämtliche Kunststoffteile durch Biowerkstoffe ersetzt wurden – also durch solche pflanzlichen Ursprungs, in diesem Fall aus den Samen der Rizinuspflanze.

Aus «Gutem »Plastik gefertigt: Uhren der Serie «Bio Reloaded» von Swatch.

Aus «Gutem »Plastik gefertigt: Uhren der Serie «Bio Reloaded» von Swatch.

Swatch

Die Verpackung ist auch hier kompostierbar, sie basiert auf Stärke von Kartoffeln und Tapioka. Gestaltet sind diese Uhren in schlichtem Retro-Look mit diskreten Farbtönen, das Design orientiert sich an den allerersten Modellen von 1983.

Wer die Anfänge von Swatch erlebt hat, erinnert sich möglicherweise auch an jene Schweizer Uhren, die in den Neunzigern unter der Marke «Crash» oder «Rewatch» auf den Markt kamen. Sie waren aus rezyklierten Alubüchsen hergestellt und kamen teilweise mit Armbändern aus gebrauchtem Leder aus Autositzen daher. Die Idee, Nachhaltigkeit in die Uhren zu bringen, ist also keineswegs neu. Doch erst jetzt ist Umweltbewusstsein zu einem globalen Megatrend geworden, der den neuen Uhrenmodellen die Chance gibt, mehr Erfolg zu haben als die Alubüchsen-Uhren in den Neunzigern.

Bei diesen könnte allerdings der etwas trashige Look dazu beigetragen haben, dass sie sich nicht lange halten konnten. Jungen Marken wie Kerbholz aus Köln oder Holzkern aus Wien gelingt es dagegen, ihren Uhren mit Mate­rialien wie Holz und Stein sowohl ­Eleganz als auch Natürlichkeit zu verleihen.

Gehäuse aus natürlichem Material gibt es bei Holzkern aus Österreich.

Gehäuse aus natürlichem Material gibt es bei Holzkern aus Österreich.

Holzkern

Holz ist natürlich – doch heisst das auch umweltfreundlich?

Bleibt die Frage, wie viel die Umwelt tatsächlich davon hat. Holz ist niemals so dauerhaft wie Stahl, diese Modelle werden also kaum an die Enkelin oder den Enkel weitergegeben, sondern entsorgt, sobald sich am Gehäuse deut­liche Gebrauchsspuren zeigen. Auch Bioplastik bleibt nicht allzu lange schön – und es kann über den Anbau der dazu verwendeten Pflanzen sogar grössere Auswirkungen auf die Umwelt haben als herkömmlicher Plastik.

Im Umweltrating der 15 grössten Schweizer Uhrenunternehmungen, das der WWF 2018 publizierte, schnitt Swatch schlecht ab. Einzig IWC wurde als «ambitioniert» bewertet. Die höchste Glaubwürdigkeit haben diesbezüglich wohl Marken, die nicht nur einzelne Aspekte wie das Material, sondern die gesamte Produktionskette grüner zu machen versuchen.

Bei ID Genève etwa wird auch Wert auf kurze Transportwege gelegt. Dieser Ansatz greift tiefer, als die Emissionen durch Aufforstungsprojekte zu kompensieren, wie es zum Beispiel Nordgreen aus Dänemark macht. Und es gibt eine noch konsequentere Variante des ökologischen Uhrenkaufs: der Kauf eines Occasionsmodells.