Interview

Kann ein fahrradhelmverweigernder Vater überhaupt Vorbild sein, Herr Ahrens?

Jörn Ahrens (53), Professor für Kultursoziologie an der Universität Giessen und Vater von vier Kindern zwischen fünf und 28 Jahren.

Jörn Ahrens (53), Professor für Kultursoziologie an der Universität Giessen und Vater von vier Kindern zwischen fünf und 28 Jahren.

Jörn Ahrens ist Professor für Kultursoziologie an der Universität Giessen. Er hat vier Kinder. Und er weigert sich, einen Fahrradhelm zu tragen.

Herr Professor Ahrens, Sie sind Kultursoziologe und forschen unter anderem zu Medien in der Gesellschaft. Auch zu Comics. Comics! Da es hier um Vorbilder gehen soll, muss man sagen: nicht sehr vorbildlich.

Ahrens: (lacht) Ja, Comics haben schon seit den 50er Jahren einen schlechten Ruf als schädliche Trivialliteratur für Kinder. Aber da bleib ich gelassen. Heute gelten Games als die «Bösen». Medien sind exakt so lange verpönt, bis sie in der Breite der Gesellschaft angekommen sind.

Eltern haben nun mal Angst, dass Kindern falsche Vorbilder serviert werden.

In erster Linie sollten Kindermedien unterhaltend sein. Gut Gemeintes darf höchstens mitgeschleift werden. Steht das pädagogisch Wertvolle im Mittelpunkt, wirds öde.

Goethe: «Man merkt die Absicht und ist verstimmt.»

Genau. Nehmen wir Pippi Langstrumpf, die ist für viele ein Vorbild gewesen, aber nicht, weil sie so vorbildlich war, sondern eine tolle Identifikationsfigur: mutig, stark, lustig. Sie war sicher nicht von Astrid Lindgren als Vorbild angelegt. Deshalb funktioniert sie heute noch. Oft aber spiegeln Bücher stark die Ideale ihrer Zeit. Mediale Vorbilder transportieren stets aktuelle Werte.

Derzeit scheint der ganze Komplex «Vorbild» ein bisschen fraglich zu sein.

Ja, «Vorbild» passt nicht in den Zeitgeist. Es klingt entmündigend, wo wir doch die Kinder zu selbständig denkenden Menschen erziehen wollen. Doch nie zuvor war die Vorbildhaftigkeit von Eltern so radikalisiert wie momentan.

Radikalisiert, was meinen Sie damit?

Heutzutage muss man doch unentwegt vorbildlich sein. Jeder. Immer. Man muss sich dauernd rechtfertigen. Vor allem vor den Kindern. Ich zum Beispiel trage keinen Fahrradhelm.

Uiuiui . . .

Ja, ich bin ein bekennend schlechtes Vorbild. Ich weiss, ich sollte vor meinen Kindern einen Helm tragen, aber ich tue es nicht. Ich sag einfach: Ich bin alt, ich brauch das nicht mehr.

Und das funktioniert?

Ich habe bei ihnen – diesbezüglich – das Label «Papa ist nicht ganz normal. Also kein Massstab für uns». Paradoxe Intervention. Funktioniert. Mir ist es wichtig, authentisch zu sein. Man darf Fehler haben, aber man muss sie zugeben und zeigen, dass man daran arbeiten kann. Ich glaube, das ist mir gelungen. Meine Kinder sind jedenfalls prima.

Diese Version ist stark gekürzt. Das ganze Interview findet sich hier: https://www.wireltern.ch/artikel/kindermedien-und-vorbilder-0920

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