Kleider machen Leute – zumindest seit sie mehr als nur Schutz vor Kälte bieten sollen. «Dress to impress», das gilt seit Jahrhunderten. Heuchler gab es damals wie heute. Auf Französisch ist das Wort für einen «Schleimer», «Betrüger» oder «Lügner» allerdings viel schöner: faux-cul – wörtlich übersetzt ein «falscher Arsch».

Ein solcher falscher Hintern liegt laut Schönheitschirurgen seit einigen Jahren im Trend. Vorbild ist Kim Kardashian, Unternehmerin und US-amerikanische Reality-TV-Queen. Damen in Los Angeles und anderswo lassen sich seit einigen Jahren mit Eigenfett den Popo aufpolstern – nach Kardashians Vorbild.

Ist der Wunsch nach mehr Gesässvolumen ein ganz neuer? Keineswegs. Der Faux-cul des 19. Jahrhunderts war ein auf der Höhe der Nieren angebrachtes Polster, das den Popo akzentuierte. Im 18. Jahrhundert wurden hingegen die Hüften betont, während die für eine Wespentaille sorgenden Korsetts vom 16. bis ins 19. Jahrhundert getragen wurden.

Coco Chanel (1883–1971) schuf das Korsett 1906 kurzerhand ab und schlug stattdessen schlichte Tweedkostüme vor, in denen Frauen sich bewegen konnten. Seither gilt sie als Frauenbefreierin.

Auch der Mann liebt es, sich zu formen

Doch wer glaubt, es sei ein weibliches Phänomen, sich mit der eigenen Silhouette zu beschäftigen, irrt. Auch der Mann ist formbar. Die aktuelle Ausstellung «Silhouette. Le corps mis en forme» im Musée historique in Lausanne ist eine vergnügliche Reise zum Wandel von idealen Körperkonturen bei Männern wie Frauen vom 17. Jahrhundert bis heute.

Gehröcke, Hosenlätze, aufgeblasene Torsos, flache oder gepolsterte Brüste und Taillen, die mal nach oben und dann wieder nach unten rutschten: All diese Elemente zeigen auf, wie sehr der Mensch sich selbst formt und wie der Zeitgeist diesen Wunsch verändert. Beine, Schultern, Hälse – kein Körperteil, das nicht durch Kleidung in Szene gesetzt werden könnte.

Unter der Robe à la polonaise aus dem späten 19. Jahrhundert steckt ein Faux-cul, ein Polster, das den Po akzentuiert.

Unter der Robe à la polonaise aus dem späten 19. Jahrhundert steckt ein Faux-cul, ein Polster, das den Po akzentuiert.

Bei der weiblichen Kleidung gilt der Jupe als Sockel der Silhouette. So wird in vorangehenden Epochen die Silhouette durch gebauschte Röcke zum Kegel geometrisiert, wobei die eigentliche Körperform kaum noch sichtbar ist. Das Korsett hält dabei den weiblichen Körper im Zaum und gilt als Zeichen der Moralität.

Auch die Ärmel sind Elemente, die ständig neu erfunden werden: Lang, kurz, gebauscht, mit Flügeln – die Fantasie der Modeschöpfer kennt bis heute keine Grenzen. Gerade feiern Puffärmel ein Comeback.

Kleider wie aus Schlagrahm

Während der Belle Époque wird der Vorrang der Silhouette in Frage gestellt. Der «Bouilloné» kommt auf. Es ist ein Stoff, der Kräuselfalten und Wellen bildet. Kleider wie aus Schlagrahm sorgen für unscharfe Konturen. Es ist die amerikanische Choreografin und Tänzerin Loïe Fuller (1862–1928), die den Trend auf die Spitze treibt. Mehrere Schleier werden während ihres «Schlangentanzes» in Bewegung gesetzt, so dass der Körper beinahe zu verschwinden scheint.

Im 20. und im 21. Jahrhundert wird es schliesslich so körperbetont wie nie zuvor. Der Anfang Jahr verstorbene Karl Lagerfeld unterzog sich in den frühen Neunzigerjahren einer Radikaldiät. Angeblich wollte er unbedingt in die Anzüge, die Hedi Slimane für Dior Homme kreiert hatte, passen. Wer messerscharfe Kleider wolle, müsse selbst messerscharf sein, frotzelte das Universalgenie.

Die superschlanke Silhouette eingeläutet hatte indes bereits das Model Twiggy in den Sechzigerjahren. Twiggy, was auf Englisch so viel wie «Zweiglein» bedeutet, hatte ihren Spitznamen aufgrund ihrer spindeldürren Figur erhalten. Die schlichte A-Linie war Trumpf.

Es folgten neue Silhouetten in Form von Schlaghosen für beide Geschlechter in den Siebzigerjahren, Ballonröcke in den Achtzigerjahren und der Wonderbra in den Neunzigerjahren. Der Push-up-Büstenhalter sollte, nachdem es in den Sechzigerjahren noch hiess, Audrey Hepburn hätte den Busen aus der Mode gebracht, wieder Volumen bewirken. Ein alter Hut. Der «fichu menteur», ein Stück Stoff am Halsausschnitt, wurde bereits im 18. Jahrhundert dazu eingesetzt, die Büste zu formen und den Busen hervorzuheben.