Interview
Wie motiviert man Kinder zum Wandern? Der Wanderpapa gibt Tipps und sagt: «Abenteuer kann man nicht planen»

Schweizer Eltern versuchen immer wieder, ihren Nachwuchs zum Wandern zu überreden. «Wanderpapa» Rémy Kappeler weiss, wie das geht und wie es weitergeht, wenn nichts geht.

Sabine Kuster
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Rémy Kappeler mit seinen Kindern beim Wandern.

Rémy Kappeler mit seinen Kindern beim Wandern.

Bild: Jürg Buschor

Rémy Kappeler hat drei Kinder im Alter von 7, 11 und 14 Jahren, die er seit Jahren erfolgreich und regelmässig zum Wandern motiviert. Als Chefredaktor des Magazins Wandern.ch ist er beruflich vorbelastet. Er bloggt seit 2017 als «Wanderpapa».

Warum wandern Sie mit Kindern?

Rémy Kappeler: Weil’s fetzt. Ich wanderte schon, bevor ich Kinder hatte, und wollte nicht aufhören, nur weil es etwas komplizierter wird. Wenn man an den eigenen Ansprüchen arbeitet, geht es.

Sie meinen, wenn man die eigenen Ansprüche massiv reduziert? Wer mit Kindern wandern geht, ist doch masochistisch veranlagt.

Nein, überhaupt nicht! Nur wenn man unbedingt acht Stunden wandern und einen hohen Gipfel erklimmen will, scheitert man. Man muss das Wandern als Vater neu erfinden, damit es für alle stimmt. Die eigenen Bedürfnisse lassen sich mit jenen der Kinder auf einen Nenner bringen.

Das gelingt Ihnen?

Ja, meine Idee von Wandern mit Kindern ist es , draussen zu sein, etwas zu erleben und eine neue Region in der Schweiz zu sehen. Wir verbringen zusammen Zeit, ich bin offen für spontane Ideen der Kinder. Darum geht es.

Was ist wichtiger, gut planen oder spontan sein?

Beides: Gut planen und dann nicht stur bleiben. In den Bergen muss man besser planen als bei einer Wanderung im Mittelland.

Rémy Kappelerist 47 und hat sein Hobby zum Beruf gemacht.

Rémy Kappeler
ist 47 und hat sein Hobby zum Beruf gemacht.

Bild: Stefan Grünig

Darf man sich mit den Kindern verirren?

In den Bergen kann das problematisch werden. Im Mittelland hingegen kann es Spass machen, weil man dann Unvorhergesehenes entdeckt. Auf gelb markierten Wegen ist es unbedenklich. Kürzlich nahmen mein ältester Sohn und ich am Bahnhof den erstbesten Zug, stiegen an der ersten Haltestelle aus und wanderten zurück Richtung zu Hause. Man muss als Vater eben bereit sein, die Folgen zu tragen, wenn man weniger gut vorbereitet ist.

Sie beschreiben in Ihrem Buch den Moment, wo man weiss, die Wanderung funktioniert nicht wie geplant, aber man es sich noch nicht eingestehen kann …

Ja, der Frust, wenn man sein Ziel nicht erreicht, ist voll okay. Nur soll deswegen nicht die ganze Wanderung im Eimer sein. Plötzlich wird etwas ganz anderes wichtig.

Zum Beispiel?

Das kann ein Wasserfall sein, den wir finden und wo man den Kopf drunter­halten kann. Auf einer Wanderung entlang des Neuenburgersees fanden wir einmal zufällig eine Liane. Dann spielten wir Tarzan, das war der Höhepunkt! Das eigentliche Ziel, das Pfahlbauerdorf, fanden die Kinder später dann langweilig.

Werden Wanderziele mit Kindern überschätzt?

Ja, man muss kein riesiges Ziel haben, wenn man rausgeht. Man kann einen schönen, abwechslungsreichen Weg auswählen, aber das Abenteuer kann man nicht planen. Ich bin deswegen auch kein Fan von Themenwegen – da ist alles vorgegeben.

Wanderpapa Remy Kappeler mit Kindern auf dem Gällihorn

Wanderpapa Remy Kappeler mit Kindern auf dem Gällihorn

Bild: Stefan Grünig

Im Mittelland landet man oft auf solchen Themenwegen oder breiten Strässchen, auf denen die Kinder nach fünf Minuten behaupten, sie seien müde.

Immer gut ist es, wenn man in der Umgebung jemanden mit Hund kennt, die kennen alle spannenden Weglein. Auf den Wanderkarten sieht man aber auch, wie breit Wege sind, ob es Höhlen, Wasserfälle und dergleichen hat.

Apropos Hunde: Diese Wanderpartner jammern nicht.

Kinder sind auch gute Wanderpartner. Sie haben Energie und sind begeisterungsfähig. Es ist an mir, ihren Wander-Appetit anzuregen. Und je mehr wir zusammen gehen, desto eher kommen sie wieder mit. Mit ihnen zusammen zu wandern, ist für mich geschenkte Zeit.

Wie motivieren Sie sie? Muss man jedes Mal eine Glace versprechen?

Das funktioniert auf jeden Fall. Aber ich erzähle ihnen meist, warum ich selber da hin will. So ködere ich sie. Oft wird es besser, als sie denken, das haben sie inzwischen gemerkt. Bräteln zieht immer, ein Gspändli oder einen Hund mitnehmen ebenfalls, und es gibt Spiele für unterwegs, die motivieren.

Im Buch beschreiben Sie eine Münzwerf-Wanderung, bei der die Münze entscheidet, welche Abzweigung man nimmt. Wie viel Event muss man den Kindern bieten?

Man kann ihnen etwas bieten, aber man muss nicht. Sie dürfen sich auch zuerst langweilen, um selber kreativ zu werden. Das muss man als Eltern aushalten. Die Münzwerf-Wanderung im Quartier war übrigens eine Idee meines Sohnes.

Rémy Kappeler«Wanderpapa, Familiengeschichten vom Wanderweg»Helvetiq-Verlag 2021175 S., ca. 24 Fr.

Rémy Kappeler
«Wanderpapa, Familiengeschichten vom Wanderweg»
Helvetiq-Verlag 2021
175 S., ca. 24 Fr.

Bild: zvg

Mein Vater hielt uns oft dazu an, ein Stück weiterzuwandern, der nächste Bach sei bestimmt der schönere, um dort zu picknicken. Das habe ich verinnerlicht. Wie stark puschen Sie Ihre Kinder?

Ich habe zwei Strategien zur Motivation der Kinder. Ich lenke sie ab mit Spielen, Geschichten, einem Kaleidoskop oder anderen Gegenständen, die ich mitnehme. Oder ich höre ihnen genau zu, warum sie nicht weiterwollen.

Na, weil sie müde sind.

Nicht immer. Einmal haben wir zu viel fotografiert, da setzte sich die Tochter und streikte. Also hörten wir damit auf. Ein andermal streikte sie, weil sie Krach mit dem Bruder hatte. Da machten wir zwei Gruppen, und es ging wieder vorwärts.

Die pure Fitness ist kein Problem?

Doch, denn der Älteste ist sieben Jahre älter als der Jüngste. Ich trug den Kleinsten immer wieder, auch als es schon richtig anstrengend war. Ausserdem fragt man die Kinder besser, ob sie wirklich da hinwollen, statt stur an Zielen festzuhalten. Dann kommen sie auch eher wieder mal mit. Es geht mir darum, eine gute Zeit mit ihnen zu verbringen, nicht meine Ziele zu erreichen. Da musste ich auch zuerst umdenken.

Und wenn Sie mal wieder vorwärtskommen wollen, gehen Sie allein?

Ja. Kürzlich wanderte ich vier Stunden im Regen der Saane entlang. Ich musste mich nur um meine eigene nasse Hose kümmern. Das brauche ich ab und zu immer noch.

Wandervorschläge des Wanderpapas auf: www.schweizer-wanderwege.ch/de/wanderpapa.