Thrombosefälle
In Nordeuropa gilt Astrazeneca als lästiger Impfstoff – aus welchem Grund ein Land gänzlich darauf verzichtet

Mehrere Länder haben die Verimpfung des Vakzins eingeschränkt. Ein Land verzichtet sogar gänzlich darauf. Das führt zu Verzögerungen im Impfplan.

Niels Anner, Kopenhagen
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Der Impfstoff von Astrazeneca.

Der Impfstoff von Astrazeneca.

Johan Nilsson/EPA

Nach den Berichten über die sehr seltenen Thrombose-Fälle nach der Impfung von Astrazeneca ist Schweden diese Woche auf die Linie anderer Länder eingeschwenkt: Es werden nur noch Personen über 65 damit geimpft. Für diese sei die Impfung sehr gut und sicher, erklärte der 65-jährige Staatsepidemiologe Anders Tegnell, der sich letzte Woche demonstrativ Astrazeneca spritzen liess. Doch seine Argumente verfangen längst nicht bei allen: Es häufen sich Berichte, dass sich verunsicherte Senioren gegen den britischen Impfstoff wehren. Viele hätten im Impfzentrum rechtsumkehrt gemacht.

Ähnliches passiert in Deutschland, das Personen über 60 Jahre mit Astrazeneca impft. In einem Impfzentrum in Hessen erschienen laut Medienberichten über die Hälfte der angemeldeten Senioren nicht. Deutsche Epidemiologen warnen, dass dadurch die Impfgeschwindigkeit sinke und sich die Situation auch für Jüngere verschlechtere.

Skandinavien verzichtet auf Astrazeneca

Dänemark und Norwegen haben sich ganz gegen Astrazeneca entschieden. Doch während Norwegen noch die Risiken genauer untersuchen will, verzichtet Dänemark als erstes Land vollständig darauf. Søren Brostrøm, der Direktor der Gesundheitsbehörde, machte allerdings klar, dass der dänische Entscheid auch mit der Infektionslage im Land zusammenhänge: Diese ist seit Monaten auf tiefen Niveau stabil. «Ich verstehe gut, dass andere Länder diesen Impfstoff weiterhin anwenden», so Brostrøm. Hätte Dänemark eine heftige dritte Welle, würde er nicht zögern, den Impfstoff zu brauchen.

Viele Kritiker halten jedoch die Risiken von Astrazeneca für derart gering, dass sie in Kauf genommen werden sollten. Sie verweisen auf die Haltung der meisten Länder: Die Gefahr, ungeimpft an Covid-19 zu sterben sei deutlich höher als jene, die von möglichen Thrombosen ausgehe. Zahlreiche bürgerliche Politiker argumentierten, es gebe keine risikolose Gesellschaft. «Es ist ja gefährlicher, die Verhütungspille zu nehmen», sagte der Parlamentarier Alex Vanopslagh. Wasser auf die Mühlen der Kritiker brachte eine Studie der Universität Oxford, laut der das Risiko für Thrombosen nach einer Covid-19-Infektion um ein Vielfaches höher ist als nach einer Impfung. Die Studie ist allerdings noch nicht von Fachleuten geprüft und die Uni Oxford war an der Entwicklung dieses Impfstoffs beteiligt.

In Dänemark verzögert sich deswegen der Impfplan

Der Verzicht hat in Dänemark dazu geführt, dass der Impfplan um einige Wochen verzögert wurde. Dies könnte noch einmal passieren, sollte auch auf die Dosen von Johnson&Johnson verzichtet werden. Verschiedene Politiker fordern nun die Regierung auf, Astrazeneca freiwillig anzubieten. Die unter Beschuss geratene Regierung lässt dies nun abklären, doch laut der Gesundheitsbehörde gibt es noch komplizierte juristische Fragen zu klären.

Gesundheitsminister Magnus Heunicke erklärte, Dänemark versuche, mehrere Hunderttausend Dosen Astrazeneca mit anderen Staaten gegen Lieferungen von Moderna oder Pfizer zu tauschen. Viele Länder, so Heunicke, hätte eine Epidemie auf ganz anderem Niveau, und seien an jeder verfügbaren Impfung interessiert.

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