75 Jahre Pippi Langstrumpf
In Kinderbüchern triumphieren starke Mädchen: Das sind die kleinen Erbinnen der grossen Pippi

Sympathieträgerinnen, die mit Klischees brechen, gab es vereinzelt schon vor Pippi Langstrumpf. Doch seit dem Durchbruch der wilden Pippi sind starke Mädchen nicht mehr aus Kinderbüchern wegzudenken.

Bettina Kugler
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Auf Hermine, klug und mutig, kann sich Zauberlehrling Harry Potter verlassen.
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Schwein statt Äffchen: Prinzessin Lillifee liebt’s rosarot. Auch das ist erlaubt.
Rose Lagercrantz ist mit den Büchern über Dunne eine Erbin Astrid Lindgrens.
Laut, frech, gepunktet: Das Sams treibt Pippi auf die Spitze – in Serie.
Hausbesetzung 2020: Lotta Barfuss hat zumindest einen Papa dabei.
Mit Conni kann man durchspielen, was ein gewöhnliches Kinderleben bietet.

Auf Hermine, klug und mutig, kann sich Zauberlehrling Harry Potter verlassen.

Warner Brothers

Schon der Name: Pippi Langstrumpf. Nicht Astrid Lindgren hat ihn erfunden; der oft erzählten Anekdote zufolge handelt es sich um einen Gedankenblitz ihrer damals neunjährigen Tochter Karin. Fiebrig lag sie 1944 mit einer Lungenentzündung im Bett und quengelte. «Erzähl mir ... von Pippi. Pippi Langstrumpf!» Die Mutter wird mindestens so müde gewesen sein wie ihr krankes Kind, doch sie nahm Karin beim Wort. Aus dem Stegreif schuf Astrid Lindgren ein Mädchen, das seinem Namen alle Ehre macht.

«Pippi» bedeutet auf Schwedisch «kleiner Vogel», «Piepmatz» – und damit ist auch der hinter der Stirn gemeint: die Meise, die manche Menschen haben. Zumindest aus Sicht ihrer angepassteren, gewöhnlichen Artgenossen. Ein Spass verheissender, einprägsamer Name also, ein Markenzeichen – Pippilotta. Wer heute darauf anspielt, jüngst etwa der Schweizer Jens Steiner mit seinem Kinderbuch «Lotta Barfuss und das meschuggene Haus» oder die Comic-Romane «Mein Lotta-Leben», bedient sofort konkrete Erwartungen und muss sich messen lassen am grossen Vorbild.

Kein Buch des 20. Jahrhunderts hat die Kinderliteratur so stark beeinflusst wie «Pippi Langstrumpf». Es schlug einen völlig neuen Tonfall an, belehrte nicht. Stattdessen machte es vermeintliche Autoritäten lächerlich und stellte ein Mädchen in den Mittelpunkt, das alles andere als brav und damenhaft war. Eine Figur, die sich durch Regeln nicht den Spass verderben lässt, sich vielmehr fröhlich und fantasievoll alle Freiheiten nimmt. Ein Kindheitstraum, den heimlich auch Grosse träumen.

Starke und zupackende Mädchen gab es im Kinderbuch durchaus vor Pippi Langstrumpf. Man denke an die rothaarige Bandenführerin im Roman «Die rote Zora» von Kurt Held und Lisa Tetzner (1941), an Pony Hütchen in Erich Kästners «Emil und die Detektive» (1929) oder die vorlaute Luise Palfy, die in «Das doppelte Lottchen» (Kästner schrieb das Film-Treatment 1942) unverhofft auf ihre Zwillingsschwester Lotte trifft: Ein Mädchen, das zwar still und artig wirkt, aber zu Hause in München den Haushalt wuppt, während ihre alleinerziehende Mutter das Geld verdient.

Sorgen, die Pippi sich in ihrer fantastischen Villa Kunterbunt nicht machen muss – ein Koffer voller Gold verschafft ihr finanzielle Sicherheit.

Sogar Lillifee hat wilde Locken – und braucht keinen Prinzen

Heute, und das ist zweifellos Pippis Verdienst, sind Mädchen im Kinderbuch nicht reduziert auf weibliche Klischees. Das gilt sogar für kommerzielle Figuren wie die blond gelockte Prinzessin Lillifee, die zwar kein Pferd stemmt und kein Äffchen hat, aber auch nicht ganz so gestriegelt wie Barbie das Regiment im Kinderzimmer führt.

Mit Schwein im Schlepptau hat sie einen Prinzen vorläufig nicht nötig. Als Schablone für Erfahrungen des Kinderalltags taugt Conni: Mit ihren Büchern können sich Kindergärtler und Schulkinder besser vorstellen, was sie im Spital oder auf dem Reiterhof erwartet. Conni, Freundin für Durchschnittsmädchen, trägt immerhin Ringelstrümpfe und Ringel­shirt. Verglichen mit ihr ist Pippi aber noch immer Punk – zu stark und zu anarchisch, um wahr zu sein.

Ziemlich dreist kopiert erscheint die Figur in den «Sams»-Büchern von Paul Maar, deren erster Band 1973 erschien. Maar treibt äussere Merkmale auf die Spitze: das Sams, weder Bub noch Mädchen, hat rote Stoppelhaare, eine Rüsselnase (bei Pippi war sie noch «wie eine kleine Kartoffel»), statt Sommersprossen blaue Punkte mit Zauberkräften.

Wie Pippi ist es ein Systemsprenger, laut, sprachlich verspielt, unverschämt. Die leibhaftige Ermutigung, sich nicht zu ducken, Wünsche ans Leben zu formulieren. Anders als Astrid Lindgren hat Paul Maar den Quengeleien nach einer Fortsetzung immer wieder nachgegeben; die neueste erschien im Frühling 2020.

Pippi war für Lindgren nach drei Bänden ausgereizt. Sie machte Platz für Michel, Madita, die Brüder Löwenherz, für Ronja Räubertochter. Figuren, mit denen die Kinderliteratur gereift ist – und andere grossartige Vorbilder gewonnen hat.