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Warum sich Billie Eilish ausziehen musste um authentisch zu bleiben

Billie Eilish, eines der grössten weiblichen Popidole, geliebt für ihre verletzliche Andersartigkeit, inszeniert sich als wasserstoffblonder Männertraum. Was ist da nur passiert?

Katja Fischer De Santi
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Billie Eilish auf dem Cover der britischen Vogue im Juni 2021.

Billie Eilish auf dem Cover der britischen Vogue im Juni 2021.

Bild: Vogue

Ist das wirklich Billie Eilish? War sie nicht gerade noch ein Teenager, der sich in weiten Pullis und dicken Turnschuhen den Weltschmerz von der wunden Seele sang? Betont energielos, unfassbar erfolgreich und dazu ein Schlafzimmerblick, bei dem man nicht recht weiss, ob er lasziv, traurig oder angriffig sein soll? Auch auf dem aktuellen Cover der britischen «Vogue» schaut sie auf diese Art, alles andere ist aber anders.

Billie Eilish sieht darauf aus wie eine Mischung aus Marylin Monroe, Kim Kardashian und Madonna. Das Teenager-Idol, berühmt dafür, ihren Körper bis zur Unkenntlichkeit zu verhüllen, bewundert für ihre Andersartigkeit, blickt als perfekte Männerfantasie von einem rosaroten Zeitschriftencover. Dazu schreibt sie auf ihrem Instagram-Account, dass es nur darum gehe, sich gut zu fühlen. Wasserstoffblond? In Corsagen geschnürt? Was ist da nur passiert?

Eine Million Likes erntet das Bild in sechs Minuten, und weil Billie Eilish seither nicht aufhört, weitere Hochglanzfotos von sich in teuerster Luxuswäsche zu posten, quellen die Kommentarspalten über. Mütter entfolgen ihr, weil sie nicht wollen, dass ihre Töchter glauben, dass man sich als Frau so zeigen müsse, um Erfolg zu haben. Ihre Fans feiern ihren Mut, den Körper zu zeigen, Männer wollen sie heiraten oder, noch lieber, mit ihr schlafen, andere wünschen sich die alte Billie zurück und fürchten die totale Kommerzialisierung.

Ein Vorbild gegen die erotische Dauerpräsenz von Frauen in den Medien

Dazu muss man wissen, dass Billie Eilish ihren 84 Millionen Followern und der ganzen Welt gezeigt hat, dass Frauen und Mädchen nicht perfekt sein müssen, um gut zu sein. Einer ganzen Generation ist Billie Eilish mit ihren Kleiderschichten zur mo­dischen Verbündeten gewor­den, gegen den Zwang zur erotischen Dauerpräsenz.

So kannte man die Sängerin bis lang: in dicken Kleiderschichten und mit langen Gelnägel gegen jegliche Bewertungen ihres Körpers geschützt.

So kannte man die Sängerin bis lang: in dicken Kleiderschichten und mit langen Gelnägel gegen jegliche Bewertungen ihres Körpers geschützt.

Koury Angelo / Getty Images North America

Was man aber auch wissen muss: Billie Eilish mixte schon immer zusammen, was auf den ersten Blick nicht zusammenpasst. Musi­kalisch etwa den Schmerz des eher weiblich konnotierten Emo-Pop mit der testosterongeladenen Fuck-you-Haltung des Raps. Modisch kombinierte sie lange Gelnägel mit Baggypants, strähniges schwarz-grünes Haar mit teuersten Gucci-Bomber­jacken. Holte sie einen ihrer vielen Musikpreise ab, sah sie meist aus wie eine wandelnde Litfasssäule für Luxusmarken. Man hoffte, dass sie das irgendwie ironisch meinte. Zumindest wirkte es echt.

Authentizität war die Währung, die aus dem scheuen Teenager aus einer Schauspielerfamilie in Los Angeles innerhalb weniger Jahre einen Weltstar machte. Aber diese Authentizität drohte ihr zu einem neuen Gefängnis zu werden. Sie, die stets betont hatte, weite Kleidung zu tragen, damit man ihren Körper nicht bewerten könne, wurde sofort kritisiert, wenn sie von einem Paparazzo in einem etwas engeren Tank-Top fotografiert wurde. Spätestens da hat die heute 19-Jährige erkannt, dass sie es nicht «richtig» machen kann.

In einem Video wehrte sich Billie Eilish 2020 gegen Bodysahming

Quelle:YouTube

In einem Kurzfilm, den sie im Frühjahr 2020 veröffentlichte, reflektiert sie ihre Rolle als globales Popidol: «Wenn ich etwas Komfortables trage, bin ich keine Frau. Wenn ich die Schichten abstreife, bin ich eine Schlampe. Obwohl ihr noch nie meinen Körper gesehen habt, beurteilt ihr ihn und damit auch mich. Warum?», fragte sie und streifte sich Kleidungsschicht um Kleidungsschicht bis auf ein schwarzes Shirt ab. Es sollte der Anfang ihrer Befreiung sein und nicht etwa der Verwandlung zur Frau. Eine Frau ist sie schon lange, dafür braucht es kein Korsett und keinen männlich-prüfenden Blick auf ihren Ausschnitt.

Billie Eilish mit ihrem Bruder Finneas bei den Grammy Awards im März 2012

Billie Eilish mit ihrem Bruder Finneas bei den Grammy Awards im März 2012

Jordan Strauss / AP

Sie ist aber auch eine Frau, die wie so viele mit ihrem Köper hadert. So sehr, dass sie darob depressiv geworden sei, sagt sie im Interview mit der «Vogue». Die weite Kleidung sei ein Schutz gewesen. Nun braucht sie den Schutz nicht mehr. Halb nackt setzt sie ihren Körper der öffentlichen Wahrnehmung und Bewertung aus. Es muss eine Katharsis für sie sein. Nicht ohne Schmerz, wie immer bei Billie Eilish, nicht ohne Widersprüche (warum gerade die in feministischen Kreisen verschriene «Vogue»?), nicht ohne Ironie (kein Zufall, dass sie sich als Kopie eines der grössten und traurigsten Sexsymbole aller Zeiten inszeniert) und nicht ohne Blick auf ihre Karriere (im Juli erscheint ihr zweites Album).

«Ich habe keine Angst vor Veränderung.»

Es gebe viele Dinge, die Ängste auslösen könnten, aber sie wolle nicht vor dem Scheitern geschützt werden, sagte sie 2018 in einem Interview. Genauso wenig wolle sie über einen bestimmten Stil definiert werden. Das es mehr als eine Billie Eilish gibt, dürften nun alle verstanden haben. Dass Freiheit bedeutet, mal sexy und mal hässlich sein zu dürfen, ohne dass man für das eine oder andere abgewertet wird, verstehen irgendwann hoffentlich alle.

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