Glück im Alter
Macht das Leben wirklich Spass bis zum Lebensende?

Lange dachten wir: Ab Fünfzig geht’s bergauf. Eine neue Studie widerspricht nun. Doch wir sind dem Schicksal nicht hilflos ausgeliefert.

Anna Miller
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Bild: Getty

Geht es nach den neusten Erkenntnissen zweier deutscher Wissenschaftler, sind wir mit 20 am glücklichsten. Danach geht es nur noch bergab.

Was die Sozialwissenschaftler Fabian Kratz und Josef Brüderl von der Ludwig-Maximilians-Universität München nun in einem Paper veröffentlichten, kratzt gehörig an den bisher geltenden Maximen der Glücksforschung.

Denn bisher war man davon ausgegangen, dass das Glücksempfinden der Form eines U’s folgt: Zu Beginn des Lebens steigt die Zufriedenheit kontinuierlich an, in der Mitte des Lebens, durch Job, Stress, Familie, Verpflichtungen, sinkt sie, und danach, wenn der Lebensabend vor der Tür steht, steigt das Glücksempfinden wieder merklich an. Damit kann man sich gut einrichten, das waren noch Aussichten.

In den letzten Lebensjahren nimmt Glück rapide ab

Die Forscher bezeichnen diese geltenden Standards nun jedoch als «statistisches Artefakt». Ab 65 fallen die Glückspunkte in den Keller, die unglücklichsten Jahre sind die drei bis fünf Jahre vor dem Tod. «Die Berühmtheit der U-Kurve hat zu Forderungen geführt, dass insbesondere Mittel zur Bekämpfung der midlife crisis gebraucht werden», sagt Co-Studienautor Fabian Kratz gegenüber dieser Zeitung. Deshalb habe man die Minderung des Glücks im höheren Alter bisher gar nicht als Problem angesehen.

Deshalb würden nun «dringend Lösungen gebraucht, um das Lebensende gut zu gestalten», so Kratz. «Es ist unglaublich wichtig, belastbare Daten mit robusten Methoden auszuwerten, um ein realistisches und kein verzerrtes Bild zu zeichnen.» Die Studie hat Beachtung gefunden. Kratz zeigt sich überrascht darüber, dass die neuen Ergebnisse von vielen als deprimierend aufgefasst werden.

Er sieht in den Ergebnissen eher eine Chance: Nämlich, Bewusstsein zu schaffen. Denn: Liest man überall, dass man im Alter am glücklichsten ist, steigen auch die Erwartungen. «Plötzlich kommt es knüppeldick und man ist überhaupt nicht bereit. Das macht unglücklich!», sagt Kratz. Wisse man hingegen, was auf einen zukomme, könne man sein Glücksempfinden gerade auch im Alter bewusst steigern.

Die Varianz im Alter ist gross: Viele sind sehr unglücklich, viele glücklich

Die Altersforscherin und Professorin Pasqualina Perrig-Chiello, die an der Universität Bern zur Psychologie des Alters forscht, relativiert: Kritik an der U-Kurven-Theorie habe es immer wieder gegeben. «Doch die meisten Studien sprechen für sie.» Der Unterschied: Die neue Studie aus Deutschland berücksichtige auch hochaltrige Menschen.

Und dort wird klar: In den letzten Lebensjahren, also ab dem 80. Lebensjahr, nimmt die Zufriedenheit rapide ab. «Das ist aber auch nicht weiter erstaunlich, nehmen doch im hohen Alter Multimorbidität, soziale Verluste und demenzielle Erkrankungen stark zu», sagt Perrig-Chiello. Und die Varianz sei dann gross: Viele sind unglücklich, viele aber auch sehr glücklich.

Klar ist: Wissenschaftliche Erkenntnisse sind nicht unumstösslich, und für fast jede These findet sich ein Beweis. Auch spiegeln Studien und Forschungsergebnisse Tendenzen und Stossrichtungen - die individuelle Lebenssituation und -zufriedenheit einer Person wird dabei weniger berücksichtigt. Deshalb mag stimmen, dass man im Alter unzufriedener wird, vor allem, wenn sich Krankheiten und Schicksalsschläge häufen.

Weltweit die gleichen Faktoren, die einen Menschen glücklich machen

Und doch sind es, unabhängig vom Alter, weltweit die gleichen Faktoren, die einen Menschen glücklich machen: Eine stabile Beziehung, heiraten, Gesundheit, Kinder, ein Beruf, der die eigenen Fähigkeiten und Talente bedient, ausreichend Geld für die Erfüllung der Grundbedürfnisse, echte Freundschaften, Sinnhaftigkeit und das Gefühl, seine Situation selbst gestalten und verändern zu können.

Voraussetzung ist natürlich, dass Grundbedürfnisse wie Sicherheit, Nahrung, medizinische Versorgung und Bildung gewährleistet sind. Internationalen Studien zufolge wird die Veranlagung zum Glücklichsein zu etwa 50 Prozent von unseren Genen bestimmt. Wer im stolzen Besitz der Langform des Gens SLC6A4 ist, sieht darüber hinaus eher das Positive - weil er mehr vom Hormon Serotonin abbekommt.

Die Lebensumstände machen rund 10 Prozent unseres Glücksempfindens aus. Die restlichen 40 Prozent hängen jedoch von uns selbst ab - also beispielsweise von unserer Einstellung. Und davon, wie sehr wir bereit sind, unser Glück selbst in die Hand zu nehmen, unseren Alltag zu gestalten und uns im Zufriedensein zu üben. Was tatsächlich möglich ist.

Ältere Menschen passen sich besser an Umstände an

«Wohlbefinden wird mit zunehmendem Alter neu definiert», sagt Psychologin Perrig-Chiello. Das Alter bringt in der Regel eine grössere Gelassenheit mit sich. Die Lebenssituation wird neu interpretiert, der Mensch passt sich an, wird genügsamer. Dominieren in den ersten Lebensjahren Wünsche nach Kontrolle und Einfluss, haben ältere Menschen gelernt, sich den Umständen anzupassen.

So zeigen auch Studien zur Zufriedenheit während der Corona-Pandemie: Von Ängsten und Depressionen am stärksten betroffen sind derzeit Jugendliche und junge Erwachsene. Die objektive Lebensqualität nimmt bei älteren Menschen zwar tatsächlich ab, das subjektive Wohlbefinden hingegen nimmt merklich zu. Ein abwechslungsreicher Alltag, Dankbarkeit, Bewegung, genügend Schlaf, Mediation und eine sinnvolle Beschäftigung hingegen helfen, auch im Alter zufrieden zu bleiben.