Adventsfrucht
Sind die Tage des «Manderindli» gezählt?

Die Mandarine gehört zur Vorweihnachtszeit wie der Samichlaus. Das war einmal. Eine süsse Konkurrentin läuft ihr den Rang ab. Die Clementine hat sich zur Nummer 1 der Winterfrüchte gemausert.

Mark Walther
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«Zimetschtern han I gern, Mailänderli au, Tirggel und Spitzbuebe und Ring us Willisau.»

Jedes Kind kennt Andrew Bonds Hommage an die Schweizer Guetzlisorten auswendig. Wenn der Samichlaus morgen dem braven Nachwuchs ein Chlaussäckchen bringt, hat es dort neben Guetzli vor allem Erdnüsse und Schokolade drin. Vielleicht auch eine Mandarine – aber nur, wenn der Samichlaus am richtigen Ort einkaufen geht.

Vor ein paar Jahren war das «Manderindli» noch unbestrittener Stammgast in jedem Chlaussäckchen und an jedem Adventshöck. Lagen die ersten Mandarinen im Früchtekorb, wusste man: Weihnachten ist nicht mehr fern.

Das hat sich geändert. Die kleine, orangefarbene Zitrusfrucht hat Konkurrenz bekommen – süsse Konkurrenz. Die Clementine hat sich zur Nummer 1 der Winterfrüchte gemausert.

Aus dem Sortiment geflogen

Der Siegeszug der Clementine hält seit einigen Jahren an. Eine Umfrage bei verschiedenen Detailhändlern zeigt: Die Mandarinen haben viel von ihrer Beliebtheit verloren. Aldi und Landi bieten sie gar nicht mehr an. Bei Denner fliegen sie nächste Woche, kaum ist der Samichlaus wieder verduftet, aus dem Sortiment. Bei Volg ist jeweils kurz vor Weihnachten Schluss. Immerhin: Migros und Coop halten den Mandarinen die Treue.

Jene Händler, die noch Mandarinen im Sortiment haben, teilen allesamt mit, die Nachfrage nach Clementinen sei wesentlich grösser. Die Migros etwa verkauft viermal mehr Clementinen als Mandarinen. Entsprechend passen die Händler die Gestaltung ihrer Sortimente an. Die Clementinen erhalten den Logenplatz im Früchtegestell, die Mandarinen müssen sich hinten anstellen.

Was hat nur zum Niedergang der charmanten Adventsfrucht geführt? Auch darauf liefern die Detailhändler unisono die gleiche Antwort: Clementinen sind viel süsser und haben keine Kerne. Dass sie mühsamer zu schälen sind, nimmt man in Kauf. Der leicht säuerliche, aromatische Geschmack der Mandarine scheint seine Strahlkraft verloren zu haben. Nicht ganz unglücklich darüber dürften all jene Väter und Mütter sein, deren Kinder die bis zu 20 Mandarinenkerne mit grösstem Vergnügen in der Küche herumspuckten.

Clementine sogar im Sommer

Der Adventsduft wird allmählich um eine charakterstarke Note ärmer. Der Geschmack der Clementine steigt uns dafür jedes Jahr bis Anfang April in die Nasen. Bis dann haben sie die meisten Detailhändler im Angebot. Die Migros in grösseren Filialen sogar im Sommer.

Dass die Mandarine das familieninterne Duell gegen die Clementine verliert, war abzusehen. Die Clementine ist ein Zuchtprodukt aus Orangen und Mandarinen. Der französische Bruder Clément soll diese zwei Früchte Ende des 19. Jahrhunderts in Algerien gekreuzt haben. Von ihm hat die Frucht wohl auch ihren Namen.

Die Mandarine kam ihrerseits 1805 von China nach Europa, im Gepäck des englischen Kunstsammlers und Mineralogen Abraham Hume. Angebaut wird sie heute vor allem in Spanien, Nordafrika und Italien. Wobei – ganz nach dem Prinzip von Angebot und Nachfrage – die Clementine sie auch dort immer mehr verdrängt. Wie lange die Mandarine überhaupt noch den Weg in unsere Supermärkte findet, weiss wohl nicht einmal der Samichlaus.

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