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Dick im Geschäft: Mode-Bloggerinnen sind kurvig und erfolgreich

Mode-Bloggerinnen sind weit entfernt von Grösse 36 und gerade deshalb wunderschön. Die kurvigen Frauen im Web revolutionieren die Modeszene – und sind dadurch selbst berühmt geworden.

Silvia Schaub
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Die Hände auf den Hüften, die Schultern zurück und den Kopf stolz erhoben – so posiert Stéphanie Zwicky für die Fotos ihres Styleblogs. Auf einem Foto trägt sie ein Lederkleid und knallroten Lippenstift, dann einen rosafarbenen Mantel und eine 50er-Jahre-Brille. Immer mit einem strahlenden Lächeln auf den Lippen – stark und schön. Dabei trägt Stéphanie Zwicky nicht Modelgrösse 36, sondern XXL.

Mit ihrem Modeblog gehört die Schweizerin mit Pariser Wohnsitz zu den wichtigsten kurvigen Bloggerinnen, die seit einiger Zeit die Modeszene bereichern und eine immer grössere Fangemeinde gewinnen. Sie nennen sich augenzwinkernd «Fatshionistas», stehen zu ihren Übergrössen und werden auch diese Woche wieder in den Zuschauerrängen in Mailand und anschliessend in Paris einen wohltuenden Kontrapunkt setzen.

Übergrössen im Aufwind

Allmählich entdecken auch die internationalen Modehäuser den Markt mit grossen Grössen. Nach H & M und Abercrombie & Fitch (ab Frühjahr) führt nun auch der spanische Modekonzern Mango eine Linie mit Übergrössen. Die Mitte Januar lancierte Kollektion «Violeta» verkauft Mode in den Grössen 40-52 - und bereits hagelt es Kritik. Auf der Online-Petitionsplattform Change.org fordern Tausende von Nutzern, dass das Konzept des katalanischen Unternehmens sofort überarbeitet werde. «Bereits die Grösse 40 als grosse Grösse zu bezeichnen, bedeutet eine verzerrte Darstellung der Realität», schreibt Initiatorin Arantxa Calvera und beruft sich dabei auf das spanische Gesundheitsministerium, das 2007 festgesetzt hat, dass die Sondergrössen bei 48 beginnen. (sc)

Sie sind schon selbst Stars

Street-Style-Blogger revolutionieren schon seit einigen Jahren die Modeszene. Statt überstilisierte Modestrecken mit dürren Models abzubilden, zeigen sie in ihren fotografischen Internet-Tagebüchern, was vom Couture-Zirkus tatsächlich bei den Leuten ankommt. Und das innerhalb kürzester Zeit. Sie belegen: Nicht Trends entscheiden, sondern Stil – und stellen damit die etablierte Modewelt auf den Kopf.

Aus diesen inzwischen schon fast inflationär auftauchenden Bloggern sticht eine spezielle Gruppe besonders heraus: die Curvy Bloggers wie Stéphanie Zwicky. Sie haben es längst aufgegeben, sich über Kohlenhydrate den Kopf zu zerbrechen und ihre Zufriedenheit in Jeansgrössen zu messen. Stattdessen dokumentieren sie im Web charmant ihr Leben als kurvige Frauen, ohne dabei Zweifel oder negative Erfahrungen auszublenden. Rebellisch und gleichzeitig kokett konkurrenzieren sie die Stars, die die Magazine aufgebaut haben – und machen sich selbst zu Stars.

Gegen die normierten Frauen

«Stil ist keine Frage der Kleidergrösse, sondern der Haltung», lautet auch Stéphanie Zwickys Motto, die übrigens kürzlich von der Website MSN zu den weltweit 40 stilvollsten Frauen gewählt wurde – neben Audrey Hepburn, Brigitte Bardot oder Michelle Obama notabene. Fast täglich postet die Freiburgerin Fotos auf ihren Blog, beschreibt ihre Aktivitäten und gibt Stylingtipps. Mit Erfolg.

Dieses Jahr wird sie mit ihrem Blog in die USA und Brasilien expandieren und ihn zweisprachig herausgeben. Nachdem sie schon für La Redoute eine kleine Kollektion entworfen hatte, wird sie nun ihre eigene Kleidermarke weiterentwickeln. Wie erklärt sich die 36-Jährige den Erfolg der Big-Size-Bloggerinnen? «Ich denke, sie geben allen eine Antwort, die die Nase voll haben von diesen formatierten Frauen in den Medien mit den immer gleichen Körpergrössen.»

Auch die Amerikanerin Marie Denee hält nichts von veralteten Mode-Dogmen. Sie liebt enge Cocktailkleider und figurbetonte Outfits. «Ich habe Busen, ich habe Po – warum sollte ich das verstecken?» Schönheit habe sehr viel mit Selbstbewusstsein zu tun, sagt sie. «Wer sich unter einem Sack versteckt, wird niemals als Beauty wahrgenommen!»

Schon ein richtiger Star ist Katya Zharkova in ihrer Heimat Russland. Sie ist ein beliebtes Model, was sie auf ihrer Homepage dokumentiert. Bei der Dänin Ditte Vallo geht es nicht nur um Selbstinszenierung, sie gibt auf ihrem Blog marilynscloset.dk auch wertvolle Tipps, die es beim Kleiderkauf zu beachten gibt und welches die grössten Modefallen sind. Tanesha Awasthi gilt weltweit als die bekannteste Plus-Size-Bloggerin. Sie weiss ihre weiblichen XXL-Rundungen gekonnt in Szene zu setzen. Ihre Styles sind für alle, die eine ordentliche Portion Inspiration brauchen, genau das Richtige.

Trotzdem entdeckt die Modeindustrie Frauen wie Stéphanie, Tanesha oder Marie nur sehr langsam. Als die übergewichtige Sängerin Beth Ditto 2010 für den Designer Jean-Paul Gaultier über den Laufsteg lief, sorgte das noch für Schlagzeilen. Auch wenn es inzwischen neben den Curvy Blogs auch auf übergewichtige Frauen spezialisierte Modelagenturen gibt, ist wirklich modische Kleidung ab einer gewissen Grösse immer noch schwer zu finden. «Als Mollige muss man viel mutiger als schlanke Frauen sein, manchmal stundenlang suchen, um etwas zu finden, was gut aussieht und passt», weiss auch Stéphanie Zwicky.

Neues Schönheitsverständnis

Vielleicht könnte sich dies gerade durch diese aktiven Bloggerinnen verändern. Das glaubt jedenfalls die Feministin und Psychoanalytikerin Susie Orbach, die das Buch «Bodies: Schlachtfelder der Schönheit» (Arche Verlag) geschrieben hat. Solche Blogs könnten unsere kulturell geprägte Sichtweise und unsere Vorstellungen von Schönheit zweifellos verändern, sagt sie in einem Interview. «Würden wir statt dauernd Fotos von dünnen Frauen, solche von Frauen jeglicher Statur sehen, dann hätten wir nicht immer das Bedürfnis, unsere Figur verändern zu wollen.»