Medikamente

Antibiotika für Schweine werden zum Problem für Patienten – hilft eine neue Steuer?

Je grösser die Tierfarm, desto mehr Antibiotika müssen verwendet werden. Allerdings werden viele Antibiotika schlicht als Wachstumsförderer eingesetzt, speziell bei Schweinen. ullstein bild

Je grösser die Tierfarm, desto mehr Antibiotika müssen verwendet werden. Allerdings werden viele Antibiotika schlicht als Wachstumsförderer eingesetzt, speziell bei Schweinen. ullstein bild

Mit Antibiotika wachsen Schweine und Hühner schneller. Am Ende der Kette wird das zum Problem für eine Patientin in der Schweiz.

Es war ein paar Tage nach einem Spitalaufenthalt. Die 39-jährige Frau besuchte zur Nachkontrolle ihre Frauenärztin und erwähnte nebenbei, dass es beim Urinlassen leicht brenne. Aber nicht so deutlich, wie sie das von Blasenentzündungen her kannte. Die Gynäkologin liess den Urin auf Bakterien untersuchen. Sie hatte richtig vermutet: Die Frau litt an einer bakteriellen Infektion, wahrscheinlich verursacht durch einen Blasenkatheter, der ihr gelegt worden war.

Das Labor testete die Bakterien auf gängige Antibiotika plus ein Dutzend zusätzliche. Das ernüchternde Ergebnis: Erst das letzte Antibiotikum schlug an. Ein altes Breitband-Antibiotikum mit heftigen Nebenwirkungen. Die Frau – ohnehin geschwächt – lag eine Woche lang extrem müde und mit Schwindel im Bett. «Es hat mir zudem den Verdauungstrakt ruiniert», erinnert sie sich. Die Darmflora musste nach der Therapie erst wieder aufgebaut werden.

Der Kommentar ihrer Ärztin: Sie sei kein Einzelfall. Dass sich Patienten im Spital mit antibiotika-resistenten Bakterien ansteckten passiere immer wieder.

Globale Zusammenarbeit nötig

Das Problem ist bekannt. Und es ist ein weltweites. Entwicklungsländer sind davon genau so betroffen wie Industrienationen. Die Weltgesundheitsorganisation WHO hat deswegen eine Antibiotika-Awareness-Woche lanciert. Vom 13. bis 19. November soll erstmals in der Schweiz auf das Problem aufmerksam gemacht werden.

Weltweit sind Forscher daran, neue Therapien gegen multiresistente Bakterien zu finden. Auch in der Schweiz. Ein Spin-off des Paul-Scherrer-Instituts in Villigen AG nutzt einen neuen Mechanismus in den Bakterien, der für wirklich neue Antibiotika verwendet werden kann. Michael Hennig, CEO der Spin-offFirma namens leadXpro AG, sagt: «Man hat in der Vergangenheit keine neuen Wirkmechanismen entdeckt, die alten wurden bloss leicht modifiziert oder neu kombiniert. Leider haben sich stets sehr schnell neue Resistenzen entwickelt.» Doch bis der neue Mechanismus auf den Markt kommt, dauert es: Hennig rechnet mit fünf und mehr Jahren, bis ein neues Antibiotikum am Menschen getestet werden kann, und mit zehn bis fünfzehn Jahren bis es markttauglich sein könnte.

Schon Fleming war gewarnt

Penicillin hat die Medizin umgekrempelt, seit Alexander Fleming es 1928 entdeckte beziehungsweise seit es im Zweiten Weltkrieg angewendet wurde und infizierte Wunden den Schrecken verloren. Die Menschheit hatte sich eines tödlichen Problems entledigt.

Aber nicht für immer. Manchmal werden Bakterien resistent gegen die Angriffe, statt dass sie absterben. In Europa sterben jährlich 25 000 Menschen, weil kein wirksames Antibiotikum mehr gefunden werden kann, weltweit waren es letztes Jahr 700 000. «Das sind mehr als jährlich an Malaria sterben», sagt Thomas Van Boeckel vom Institut der Integrativen Biologie an der ETH Zürich.

Van Boeckel ist einer der Hauptautoren einer neuen internationalen Studie, die in der Fachzeitschrift «Science» erschienen ist und welche die Viehzucht unter die Lupe genommen hat. Dort sind die Mitschuldigen der globalen Antibiotika-Krise zu suchen: Fast 80 Prozent aller Antibiotika, welche in den USA eingesetzt werden, werden für die Nutztierzucht verwendet. Weltweit werden rund drei Mal so viele Antibiotika für Tiere als für Menschen verwendet.

Und dies häufig nicht etwa damit Kühe gesund werden, sondern schlicht als Wachstumsförderer bei Schweinen und Hühnern. «Wenn man diesen Tieren Antibiotika in kleinen Dosen verabreicht, dann wachsen sie schneller», erklärt Van Boekel. Warum das so ist, weiss man noch nicht sicher, aber es wird vermutet, dass Antibiotika im Magen eine Menge Bakterien abtöten, welche sonst ebenfalls Futter verwerten. Sind die Bakterien tot, bleiben mehr Nährstoffe fürs Tier übrig. Die Verabreichung von Antibiotika an gesunde Tiere ist in der Schweiz verboten.

Schwierige Aufklärung

Die Autoren der Studie rechnen global mit einem Anstieg des Verbrauchs um 53 Prozent zwischen 2013 und 2030. Sie listen drei Massnahmen auf, welche diesen Trend stoppen und sogar rückgängig machen könnten: Staatliche Regeln bei der Verwendung von Antibiotika in der Viehzucht (–64% Antibiotika), weniger Fleischverzehr pro Person (–66%, wenn pro Tag und Person nicht mehr als ein Burger konsumiert würde) und eine Steuer auf Antibiotika für Vieh (–31%).

Warum haben die Forscher nicht berechnet, was eine bessere Aufklärung der Veterinäre und Bauern bringen würde? «Wir unterstützen alle Massnahmen», sagt Van Boeckel, «aber Aufklärung beziehungsweise Bildung ist schwer messbar. Und in vielen Ländern verdienen die Veterinäre Geld mit dem Verkauf von Antibiotika –  die sind gar nicht an einer Reduktion interessiert.» In Ländern wie Indien oder Vietnam könnten die Bauern Antibiotika gar auf der Strasse kaufen oder sie übers Telefon bestellen – wie in den USA.

Der Biologe hält eine Steuer auf Antibiotika für sehr effektiv, da keine Inspektionen nötig wären. Er glaubt nicht, dass dies vor allem die kleinen Viehzüchter treffen würde: «Es sind die grossen Farmen, die nur kleine Profit-Margen haben, um überleben zu können. Diese treffen solche Steuern viel empfindlicher als die kleinen, lokalen Fleischproduzenten.»

Weltweit werden jährlich 131 000 Tonnen Antibiotika in der Viehzucht eingesetzt. Am allermeisten in China. Und dies nicht nur weil es ein grosses Land ist: Auch prozentual gesehen werden dort am grosszügigsten Antibiotika verfüttert. An zweiter Stelle stehen die USA – ebenfalls auch prozentual gesehen. Gefolgt von Brasilien, Indien und Spanien. In China steigt der Einsatz von Antibiotika rasant, weil der Fleischkonsum zunimmt. Nun wurde sich sogar die Regierung des Problems bewusst und will handeln: Dies, nachdem letztes Jahr das Bakterium MCR-1 aufgetaucht ist, das nicht nur schädlich ist für Schweine, sondern auch für Menschen – und resistent gegenüber allen verfügbaren Antibiotika-Therapien.

Fleischkonsum steigt

Für Entwicklungsländer wie Uganda, wo heute noch wenig Antibiotika eingesetzt werden, prognostizieren die Forscher eine Verdoppelung der Menge bis 2030. «Wir müssen uns entscheiden», sagt Van Boeckel, «wir können nicht beides haben: Immer mehr Fleisch essen und weiterhin pro Tier gleich viel Antibiotika einsetzen. Sonst gefährden wir die Gesundheit der künftigen Erdbevölkerung.» Co-Autor Ramanan Laxminarayan fügt an: «Wir müssen jetzt handeln, um die Wirkung der Antibiotika zu bewahren.»

Vorbilder sind die skandinavischen Länder, was den Einsatz von Antibiotika gegen Krankheiten betrifft: Sie arbeiten präventiv. Dazu gehören Tierfarmen mit möglichst wenig Kontakt zur Aussenwelt und mehr Hygiene, sodass die Tiere selten krank werden.

Was die Schweiz bezüglich Antibiotika-Einsatz unternimmt, hat laut Van Boeckel keine globalen Auswirkungen – dazu gibt es zu wenig Viehzucht und: «Die Schweizer Betriebe sind klein, so- dass generell viel weniger Antibiotika eingesetzt werden müssen. Im Vergleich mit Europa steht die Schweiz relativ gut da.» Das Problem betrifft die Schweiz jedoch genauso: Die resistenten Bakterien reisen um die Welt – bis in die Spitäler, wo plötzlich ein Aufenthalt gefährlicher werden kann als die Krankheit des Patienten selbst.

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