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Schweizer Ernährungsexperte warnt vor stillen Entzündungen im Körper

Manchmal gibt es im Körper Schwelbrände, ohne dass wir sie bemerken. Eine Ernährungsumstellung hilft – Pillen und Kapseln wirken jedoch nur bedingt.

Jörg Zittlau
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Mediterrane Ernährung wird immer wieder angepriesen - doch wenigen gelingt die Umstellung des Menus tatsächlich.

Mediterrane Ernährung wird immer wieder angepriesen - doch wenigen gelingt die Umstellung des Menus tatsächlich.

Bild: Getty

Jeder hat schon einmal erlebt, was passiert, wenn er sich eine Prellung zugezogen oder einen Schnupfen eingefangen hat: Das Immunsystem reagiert. Und zwar mit einer Entzündung, die dafür sorgen soll, dass der Gewebeschaden beziehungsweise der Infekt repariert oder eliminiert wird. Das betroffene Organ schwillt an und schmerzt. Dann heilt es ab. Doch es gibt auch Entzündungen, die bleiben. Und man bemerkt sie kaum.

«Chronische Entzündungen machen sie sich nicht direkt bemerkbar und können daher im Körper jahrzehntelang im Verborgenen wirken», sagt Paolo Colombani. Der Schweizer Sport-Ernährungswissenschaftler und Lebensmittelingenieur hat dazu das Buch «deFlameYou! Löschen Sie Ihren Schwelbrand!» veröffentlicht (E-Book, 324 Seiten, Fr. 29.90). Colombani sieht einen Informationsrückstand, da die stillen Entzündungen zwar mittlerweile gut erforscht seinen – doch kaum jemand etwas davon mitbekomme oder irreführende Informationen verbreitet würden.

Stillen Entzündungen ist der Ausschalter abhandengekommen. Eine zentrale Rolle spielen die NLRP3-Inflammosomen, die als Gefahrensensoren für das Immunsystem arbeiten. Sind sie aktiv, geht die Entzündung los; sind sie inaktiv, geht die Entzündung zurück. Im Falle einer chronischen Entzündung sehen sie dauerhaft eine Gefahr.

Der Körper gerät unter Stress und das kann schwerwiegende Folgen haben. So verdoppelt sich bei einem erhöhten CRP-Wert im Blut – ein zuverlässiger Indikator für eine Entzündung – das Risiko, an einer Herz-Kreislauf-Erkrankung zu sterben. Dagegen sind nur 15 bis 20 Prozent der Krebsarten abhängig von stillen Entzündungen, doch die dafür deutlich, beispielsweise der Darmkrebs.

Entzündungen sind eine häufige Todesursache

Andere entzündungsabhängige Erkrankungen sind Diabetes, Arthrose, Osteoporose und die chronisch obstruktive Lungenerkrankung COPD – und nicht zuletzt psychische und neurologische Erkrankungen wie Demenz, Migräne, Parkinson und Depressionen. Laut einer Studie der Fachzeitschrift Nature gehen auf das Konto von entzündungsabhängigen Erkrankungen mehr als die Hälfte aller Todesfälle weltweit.

Gründe genug, das chronische Entzündungsgeschehen im Körper zu minimieren. Was laut Colombani bedeutet, dass man den CRP-Wert unter die Marke von 1 oder sogar 0,5 Milligramm pro Liter Blut senken sollte. Die meisten Ärzte stufen allerdings 0,5 mg/l noch als normal ein.

Paolo Colombiani hat sich als Ernährungsexperte für Sportler und Buchautor einen Namen gemacht.

Paolo Colombiani hat sich als Ernährungsexperte für Sportler und Buchautor einen Namen gemacht.

Bild: ZVG

Wie lassen sich solche ehrgeizigen Ziele erreichen? Colombani sieht Medikamente zur Entzündungshemmung wegen den Nebenwirkungen kritisch und plädiert für Sport und Diäten. Das baut einerseits Muskelmasse auf und andererseits passive Fettmasse ab, wodurch dem chronischen Entzündungsgeschehen im Körper der Stecker gezogen wird.

Den Königsweg zur langfristigen Entzündungshemmung sieht Colombani aber ohnehin in der berühmten Mittelmeerkost.

Mehr pflanzliche Öle, Nüsse und Kräuter

In einer spanischen Studie senkten Speisepläne mit hohem Oliven- und Nussanteil den CRP-Wert – untersucht während fünf Jahren – um bis zu 54 Prozent. Und das, obwohl die Probanden über 40 Prozent ihrer Kalorien in Form von Fetten verzehrt hatten, was gemeinhin als zu hoch eingestuft wird. Die Mittelmeerkost enthält aber eben auch viel Fisch und Gemüse sowie Gewürze und Kräuter, deren Polyphenole als starke Entzündungshemmer gelten.

Doch Ernährungspsychologen betonen immer wieder, wie schwer es uns fällt, Essgewohnheiten zu ändern. Colombani rät daher zu entsprechenden Nahrungsergänzungen. Wobei es unter deren Herstellern, wie er eingestehen muss, schon «viele schwarze Schafe» gibt.

Ein weiteres Argument gegen Nahrungsergänzungen unterschlägt er freilich, obwohl er in seinem Buch sogar einige Zahlen dazu liefert. So weisen die Umsätze für diese Produkte seit Jahren steil nach oben, im Jahre 2025 sollen sie weltweit bei 120 Milliarden Dollar liegen. Die entzündungsabhängigen Erkrankungen zeigen jedoch einen umgekehrten Trend. Ein wirklicher Game-Changer im Kampf gegen die chronische Entzündung scheinen die Nahrungsergänzungen nicht zu sein.

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