Die Fischerinnen: Wenn Frauen den grössten Brocken am Haken haben

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Die Fischerinnen: Wenn Frauen den grössten Brocken am Haken haben

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Sandra Ardizzone

Fischen als Hobby ist beliebt wie nie zuvor. Doch Frauen mit einer Angel in der Hand sind in der Schweiz noch immer Exotinnen. Warum eigentlich?

Katja Fischer De Santi
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«Hast du den wirklich selbst gefangen?» – «Beissen Fische bei Frauen überhaupt?» Nicole Ametovski muss sich oft doofe Sprüche anhören, wenn sie ihre Angelrute auswirft. «Wenn ich bereits einen Fisch gefangen habe, dann geht es», sagt die 31-Jährige. Schlimmer sei es, wenn sie nichts fange, «dann erfülle ich wunderbar das Klischee der Frau, die keine Ahnung vom Fischen hat». Hat sie aber. Nicole Ametovski fischt in ihrer Freizeit, seit sie 16 Jahre alt ist. Seit fünf Jahren mit Brevet und Revierpatent, mal allein, mal mit ihrer Freundin, am liebsten «aktives Spinnfischen auf Raubfische», erklärt sie. «Würmlibaden» sei ihr zu langweilig geworden. Einen Mann braucht sie zum Fischen nicht. Die doofen Sprüche von Männern erst recht nicht.

Stolze Fischerin: Nicole Ametovski

Stolze Fischerin: Nicole Ametovski

Bild:zVg

«Frühmorgens im Halbdunkeln allein irgendwo am Wasser zu stehen, das braucht auch etwas Mut.» Ein Pfefferspray ist in ihrer Angeltasche sicher verstaut. Passiert ist ihr noch nie etwas. Sie weiss um ihren Exotin-Status, und sie ist taff genug, früh genug zu parieren. Trotzdem würde sie sich mehr fischende Frauen in der Schweiz wünschen. «Es ist ein tolles Hobby, das Gemütlichkeit mit Adrenalin-Kick kombiniert, einem nach Draussen an unbekannte Plätze bringt - und im besten Fall hat man danach auch noch einen frischen Fisch auf dem Tisch.»

Der Fischerverein ist eine Männerveranstaltung

«Fischen ist in der Schweiz noch immer eine Männerveranstaltung», sagt ­Roberto Zanetti am Telefon. Der Zentralpräsident des Schweizerischen Fische­rei-Verbandes (SFV) kann und will nichts beschönigen. Frauen sind in seinem Verein selten, im Vorstand gar nicht vertreten, am Gewässer meist in Begleitung ihrer Partner anzutreffen. Trotzdem gebe man sich Mühe, stets von Fischer und Fischerinnen zu ­schreiben, sagt Zanetti. Das ist auch angebracht, die Zeiten ändern sich gerade, das Fischen wird jünger und weiblicher.

Seit Ausbruch der Pandemie ist das Hobby beliebt wie selten. SFV-Geschäftsführer Philipp Sicher sagt:

In manchen Kantonen hat der Verkauf der Tagespatente, die man ohne Prüfung benutzen kann, um über 50 Prozent zugenommen.

Wie viele Frauen darunter seien, wisse man nicht. Der Verband aber weiss, dass immer mehr Frauen die eidgenössische Fischerprüfung ablegen. Rund 10 Prozent aller Prüf­linge waren im letzten Jahr Frauen. 2008 waren es 4 Prozent. Auffallend auch, dass immer mehr Mädchen unter 15 Jahren mit Fischen anfangen, wo man früher fast nur Buben an den Bächen stehen sah. «Die Gesellschaft ist moderner geworden. Jugendliche, egal welchen Geschlechts, haben mehr Kontakt untereinander. So gleichen sich auch die gemeinsamen Freizeitbeschäftigungen an», vermutet Sicher.

Weniger als zehn Prozent aller Hobby-Fischenden sind Frauen

«Wir gehen davon aus, dass von den rund 180 000 Hobbyfischern in der Schweiz rund 12 000 Fischerinnen sind.» Wirklich sichtbar sind sie nicht. Spezielle Bestrebungen, mehr Frauen und Mädchen an die Rute zu bringen, gibt es erst vereinzelt. Einige kantonale Verbände würden Fischerkurse nur für weibliche Teilnehmer anbieten. Auch versuche man generell das Naturerlebnis, die Ruhe und den sozialen Kontakt in den Fokus zu setzen und nicht mehr in erster Linie den Fang.

Auch die Autorin dieses Textes hat sich im Rahmen der Recherche im Fischen versucht. Kann ja nicht so schwer sein, auch als Frau. Wie das herauskam und ob der passende Nachname dabei geholfen hat, können Sie in der Bildergalerie nachlesen.

Das Töten gehört dazu, ist sogar Pflicht

Sie sei keine «Fleischfischerin, sondern eine Herzblutfischerin», sagt Nicole Ametovski prompt. «Ich will nicht beson­ders grosse und besonders viele Fische fangen, es geht mir um das Erlebnis, die Freundschaft, das Draussensein.» Das Töten gehöre dazu, keine grosse Sache, aber sie mache es nicht gern. «Ich habe grosse Achtung vor den wunderschönen Lebewesen» sagt sie, die beruflich in einem Heim mit demenzkranken Menschen arbeitet.

«Fischen ist nicht wirklich ladylike», antwortet sie, nach den Gründen gefragt, warum so wenig Frauen fischen. «Man sieht beim Fischen nicht wirklich gut aus.» Ihr mache es nichts aus, um vier Uhr morgens aufzustehen, ungeschminkt und verschlafen an irgendein Gewässer zu fahren, um dort in dicken Watthosen im kalten Bach herumzustehen. Sie freue sich darauf. «Andere Frauen finden das wohl weniger angenehm.»

Zusammen mit ihrer gleichnamigen Freundin Nicole Bosshard betreibt sie auf Instagram den Account @nicis_catch_blog. Da werden Bilder und Tipps rege ausgetauscht, fiese und auch sexistische Kommentare gebe es leider auch. Viele Frauen seien unter ihren 1500 Followern jedoch nicht.

Wer Bilder von ihren Fischtouren anschaut, merkt schnell: Fischen kann auch trendy sein. Markenlogos prangen auf den Caps der beiden Freundinnen, sie posieren in modischer Alltagskleidung, ihre Ausrüstung ist professionell, fein aufeinander abgestimmt und «ziemlich teuer», wie Ametovski seufzend zugibt. Schnell sei ein halbes Kellerabteil voll und ein guter Teil des Lohns weg. In Sachen Materialverliebtheit würden sie den Männern in nichts nachstehen. «Es macht einfach mehr Spass mit gutem Material.» Früher sei sie als Frau in gewissen Angelsportläden nicht bedient worden, heute führen fast alle auch Geräte und Mode speziell für Frauen.

Auch Verbände und Angelgerätehersteller entdecken nun die Frauen als Werbegruppe. Es gibt Ruten in Pink und Rollen mit Swarowski-Steinchen. Angel-Influencerinnen wie die Deutsche Barbara Kijewski, die schon mal im Bikini mit einem riesigen Wels posiert, erhalten lukrative Sponsoringverträge und Einladungen in Talkshows. Auf ihrer Facebook-Seite «Babs’ World of Fishing» hat die Sportfischerin über 100 000 Abonnenten. Auch die beiden fischenden Nicis haben Anfragen von potenziellen Sponsoren bekommen, doch es habe nicht zu ihnen gepasst. Auch zu Bikini-Fisch-Fotos haben die beiden eine dezidierte Meinung: «Fischen soll nicht sexy und erotisch sein.» Sie selbst achten darauf, dass sie auf Fotos nicht zu viel Ausschnitt zeigen. Auf Follower, die auf solche Bilder stehen, verzichten sie. «Uns geht es ums Fischen.»

In den USA und England sind fischende Frauen keine Exotinnen

Während hierzulande Frauen an der Angel Seltenheitswert haben, gibt es in den USA gar Magazine nur für Fischerinnen. In Artikeln wird verhandelt, bis in welche Schwangerschaftswoche Frauen die Leine auswerfen sollten, oder von zehnjährigen Mädchen berichtet, die Online-Kurse im Köder-Basteln geben.

Der Unterschied: Die Frauen und Mädchen in Übersee sind alle Fliegenfischerinnen. Eine elegante und fischschonende Methode, bei der die «Fliege» über dem Wasser tanzt. Auch in der Schweiz wird diese Art des Fischens immer beliebter, hier ­fänden sich auch die meisten Frauen, sagt Geschäftsführer Philipp Sicher, der selbst Fliegenfischer ist. «Beim Fliegenfischen geht es um ­Eleganz und das Naturerlebnis, das spricht Frauen eher an.» Auch sei das Image ein anderes. «In England war diese Art zu fischen nur Adligen erlaubt, die daraus richtige Happenings machten, Frauen waren früh mit von der Partie.»

Fiegenfischern in den USA

Fiegenfischern in den USA

Comstock / Stockbyte

Attraktiv für Anfängerinnen ist das trendige Street oder Urban Fishing. Vor Sonnenaufgang oder nach Feierabend sieht man in Städten wie Zürich junges Volk mit Rute an die Flüsse oder Seen spazieren. Es sind Street-Fischer, die mit leichter Ausrüstung auf Raubfische aus sind. Beissen die Fische nicht innerhalb kurzer Zeit, ziehen sie weiter zum nächsten Spot, in Gruppen, manchmal mit einem Bier auf der Ufermauer. Schweigend im Campingstuhl sitzen und warten ist nicht ihr Ding. Die kurzen Teleskopruten passen in jeden Rucksack, die Köder sind knallbunt, Würmer eher selten. «Das Fischen entwickelt sich weg vom eigenbrötlerischen Ganztagshobby hin zur sozialen Feierabendbeschäftigung», sagt Phi­lipp Sicher. Das wird ganz sicher auch mehr Frauen zum Angeln bringen.

Ganz ohne Männer kam übrigens auch Nicole Ametovski nicht zum Fischen. Ihr erster Freund nahm sie mit an den See. Als ein Hecht anbiss, war es um sie geschehen. Der Freund ist aus ihrem Leben wieder verschwunden, die Liebe zum Fischen ist geblieben.

Selbstversuch: Die Autorin beim Street Fishing in Zürich

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