Die Faszination, die Stephen Hawking auf uns ausübt, hat einen zweifachen Grund. Der eine Grund liegt darin, dass er ein Mensch ist, der recht erfolgreich – das heisst: viel länger, als die Ärzte prophezeiten – gegen eine heimtückische Krankheit gekämpft hat. Stephen Hawking ist ein Held.

Der andere Grund hängt mit der Physik zusammen. Er traf auch als Physiker einen Nerv. Aber hier ist Differenzierung nötig. Natürlich spielte er auf dem wissenschaftlichen Feld einen wichtigen Part und lieferte seinen Beitrag. Er war gross, aber Fachleute werden hier beipflichten: Er spielte nicht in der gleichen Liga wie die Titanen. Wie Einstein, Bohr, Schrödinger, Heisenberg oder Dirac.

Solche Klassifizierungen sind allerdings ungerecht. Weil es vom Spielstand abhängt, mit welcher Rolle man aufs Spielfeld kommt. Als Hawking kommt, steht es schon 1:0. Oder um ein noch drastischeres Bild zu verwenden: Die erwähnten Einstein und Co. waren Bulldozer, die den Park von Grund auf umpflügten. Hawking gehörte zur nächsten Generation wie Steven Weinberg oder Richard Feynman. (Die Aufzählung beansprucht keine Vollständigkeit.) Sie hat ebenfalls Beachtliches geleistet. Aber diese Wissenschafter gleichen, um im Bild zu bleiben, Gärtnern mit Strohhüten, die im Park mit Schubkarren herumfahren.

Erklär mir die Welt

Zurück zur Physik. Sie hat und pflegt seit Menschengedenken den Erklärnimbus. Die Physiker erklären uns die Welt. Und zwar grundlegender als die Theologen oder die Biologen oder die Chemiker oder die Philosophen. Die sie natürlich in dieser Rolle erfolgreich entthront haben.

Man kann das bedauern und den Grund darin sehen, dass unser Zeitalter ein materialistisches ist. Das ist es nämlich, was die Physik seit je beschäftigt: die Materie. Seit ihrem Beginn mit den griechischen Naturphilosophen war sie vernarrt in die Materie. Sie musste dabei gewaltige Umwege gehen, um ihr treu zu bleiben, unter anderem auch das Universum erklären, aber sie schaffte es.

Materie ist nicht nur das, was uns umgibt, sondern auch, was man in die Hand nehmen kann, und am Ende sind wir es auch zu einem erheblichen Teil selbst. «Und schliesslich lautet die ewige Frage, die uns umtreibt, ja auch: «Warum ist überhaupt etwas und nicht vielmehr nichts?»

Materie und Bewegung

Die Griechen betrachteten die Materie von Anfang als etwas Zusammengesetztes. Als Grundstoffe nannte man Wasser, Feuer, Luft und Erde; einzeln oder alle zusammen. Aristoteles war nicht der erste, aber der einflussreichste Welterklärer, der begriff, was eine Wissenschaft leisten muss. Sie muss den Wandel erklären. Alles unterliegt dem Wandel. Seine Idee war, hinter dem Wandel ein Prinzip zu postulieren, das ihn bewirkt. Wandel oder Bewegung ist immer verursacht. Die meisten Veränderungen folgen einem inneren Prinzip.

Dass aus dem Ei ein Huhn wird, liegt in ihm drin: Es muss einfach. Dass ein Stein zu Boden fällt, liegt darin, dass er seinen «natürlichen Ort» aufsucht. Und das ist der Boden. Das klingt ein bisschen abenteuerlich, aber Aristoteles machte das so gut, dass man lange damit zufrieden war. Es verknüpfte Denken und Erfahrung auf eine einleuchtende Weise.

Aristoteles’ Vorgänger Platon war fasziniert von Zahlen und ihren Verhältnissen. Und irgendwann in der Renaissance fanden die beiden Denkrichtungen zusammen. Die Materie und ihr Wandel wurden der Zahl unterworfen. Das Zeitalter des Messens begann. Das Quantitative siegte über das Qualitative: Man versuchte, die Materie (oder ihr Verhalten) mittels Zahlenbeziehungen zu erklären, und der Begriff der «Ursache» wich dem Begriff der «Kraft».

Die Mathematisierung/Formalisierung war sehr erfolgreich. Aber man bezahlte einen Preis: die Anschaulichkeit. Das sogenannte Standardmodell ist empirisch sehr erfolgreich, es liefert die Ergebnisse, die man erwartet. Aber was erklärt es? Auf keinen Fall darf man sich unter seinen «Teilchen» etwas Körperliches vorstellen. Eigentlich sind es Namen für mathematische Operatoren, für formale Beziehungen. Aristoteles hatte mit seiner «ersten Ursache» und dem «unbewegten Beweger» immerhin noch einen Gottesbeweis geliefert. Newton hatte auf die Frage, woher denn diese «Kraft» komme, welche Planeten auf ihren Bahnen halte, nur die Antwort: «Ich mache keine Hypothesen.»

Der Star als Welterklärer

Das 19. Jahrhundert machte da munter weiter. Jetzt operierte man mit «Feldern», die man sich aber ja nicht räumlich vorstellen durfte. Und Einstein schliesslich bot einen gekrümmten Raum. «Lichter am Himmel alle schief», titelte die New York Times. Was folgte, war die Apotheose des Physikers zum Star. Einstein war der Welterklärer und in dieser Rolle unglaublich populär. Er bot den Leuten die Chance, den Glauben ans physikalische Erklärmodell zu behalten, weil Einstein dafür stand. Der sympathische, aber verrückte Professor.

In dieser Hinsicht spielt Stephen Hawking mindestens in der gleichen Liga wie Einstein. Die Physik braucht Protagonisten, damit die Leute etwas haben. Die Formel für alles ist der neue Mythos, der Heilige Gral der Physik. Das ist fürs Gemüt. Dinge wie der Large Hadron Collider am Cern werden mit Steuergeldern gebaut.