Es ist eisig, wortwörtlich. Minus zehn Grad Celsius beträgt die Temperatur, zudem hat es Dieter Buser gerade mit ohrenbetäubendem Lärm künstlich schneien lassen. Die Zug-Kupplung ist mit einer rund zwei Zentimeter dicken Schneeschicht bedeckt.

Wir sind in der Klimakammer der SBB in Olten. In diesen gigantischen Kühlschrank muss jeder Wagen, bevor er auf die Geleise darf.

«Eins, zwei, drei!»

Dieter Buser ist der Projektleiter der SBB-Klimakammer. Heute testen er und sein Team eine Güterwagenkupplung. Anders als bei Personenwagen werden bei Güterwagen die Kupplungen im Winter nicht geheizt, sie müssen deshalb auch bei Schnee und Eis funktionieren. Und darum geht es bei diesem Test.

Dieter Buser bei der Arbeit.

Dieter Buser bei der Arbeit.

Es ist ein Test mit reiner Muskelkraft. Drei Männer in Mützen und Handschuhen ducken sich hinter ein Gestell auf Schienen. «Eins, zwei, drei!», dann schieben sie das eine Ende der Kupplung einige Gleismeter nach vorne, wo es auf sein Gegenstück knallt. Doch einrasten will die Kupplung nicht.

Die künstliche Sonne von Olten

Was ein Waggon oder eine Lok alles aushalten muss, regeln auch für den Schweizer Bahnverkehr die Europäischen Normen, kurz EN – respektive die für die Schweiz angepassten Versionen davon.

Rollt ein neuer Zug aus dem Werk, testet das Klimakammer-Team, ob er diesen Vorgaben entspricht. Denn ein Zug, der stehen bleibt beim ersten Wintereinbruch, bedeutet nicht nur Bauchweh für die Pendler, sondern auch Mehrausgaben für die SBB.

In der Klimakammer können die SBB jederzeit jede erdenkliche Wettersituation simulieren. Von Schnee und Eis bei -33°C über Hitze mit bis zu 60°C bis hin zu einer künstlichen Sonneneinstrahlung. 

Die künstliche Sonne in Olten strahlt genau so, wie die Sonne in der US-Wüste Nevada. Denn das ist jenes Sonnenlicht, das auf der ganzen Welt als Referenz für Tests mit Kunstsonnenlicht angewendet wird. Und ja, die künstlichen Strahlen sind so echt, dass man in der Klimakammer sogar braun werden könnte.

Sechs Wochen bei Schnee und Hitze

Rund 20 solcher Tests führt das Klimakammer-Team jährlich in Olten durch. Bei einem umfassenden Test wird ein Wagen mit all seinen technischen Funktionen auf Herz und Nieren geprüft. Etwa die Klimaanlage, die auch bei einem vollbesetzten Waggon noch einwandfrei kühlen soll. Ein neuer Wagen verbringt dafür rund sechs Wochen in der Kammer. Allein die Vorbereitungsarbeiten wie etwa die Installation der Messgeräte dauern eine Woche.

In der Klimakammer im SBB-Werk in Olten hat ein Waggon Platz. Sie ist die einzige von ihrer Grösse in der Schweiz. Die deutsche Bahn verfügt im norddeutschen Minden über eine ähnliche Anlage, in Wien betreibt das Institut Railtec Arsenal einen gigantischen Klima- und Windkanal, der ganze Zugkompositionen schluckt. 

In Olten hat es dann doch noch Klick gemacht. Die Männer haben die Kupplung mit aller Kraft und einigen Spanngurten zum Einrasten gebracht.