Guatemala
Heiss, lautlos, schnell, tödlich: Wie der Vulkan Fuego die Menschen überraschte

Mindestens 70 Todesopfer hat der Vulkanausbruch in Guatemala gefordert – obwohl man um die Aktivität des Fuego wusste. Verantwortlich für die Katastrophe sind wohl pyroklastischte Ströme: Sie rasen mit bis zu 1000 km/h den Berg hinunter.

christoph bopp
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Wenn es die Hölle gibt, wird sie irgendwie sein wie bei einem Vulkanausbruch. Und das Teuflischste dabei sind die pyroklastischen Ströme. Sie sind so heiss, dass die Asche glüht. Und sie kommen praktisch lautlos. Kein Getöse wie bei der Eruption. Sondern eine Feuer- und Rauchwolke, die hangabwärts schiesst und hohe Geschwindigkeiten erreichen kann. Wenn Menschen vom Vulkan überrascht werden, ist es meist ein pyroklastischer Strom.

Wenn es beim jüngsten Ausbruch des Fuego in Guatemala mindestens 70 Tote gegeben hat, obwohl man wusste, dass der Vulkan aktiv ist, liegt nahe, dass auch dort ein oder mehrere pyroklastische Ströme geflossen sind. Wobei «fliessen» nicht ganz das richtige Wort ist. Eigentlich handelt es sich um einen Steinschlag. Aber die heisse Gesteinsmasse rutscht auf einer Art Glutbett wie auf einem Luftkissen den Berg hinunter.

Reibung gibt es dabei praktisch keine, nichts kann den Strom bremsen und deshalb erreicht er auch hohe Geschwindigkeiten. Es reichen die 50 bis 80 km/h, welche oft beobachtet werden, um Menschen zu überraschen und zu töten. Aber offenbar gab es auch schon weit höhere Geschwindigkeiten (bis zu 800 km/h oder noch mehr; beim Ausbruch des Mount St. Helens im Jahr 1980 soll ein pyroklastischer Dichtestrom über 1080 km/h erreicht haben). Im Innern der Ströme kann es bis zu 700 Grad Celsius heiss sein.

Bilder aus Guatemala:

Bilder des Grauens: In Guatemala ist der "Vulkan des Feuers" ausgebrochen.
19 Bilder
Vulkanausbruch in Guatemala
Dutzende Menschen wurden getötet.
Zudem habe es mehrere hundert Verletzte gegeben, teilte die Regierung des lateinamerikanischen Landes auf Twitter mit.
Etwa eine Million Menschen seien von dem Vulkanausbruch betroffen.
Weitere Bilder aus Guatemala.

Bilder des Grauens: In Guatemala ist der "Vulkan des Feuers" ausgebrochen.

Luis Soto

Der Name kommt aus dem Griechischen: «pyr» heisst Feuer und «klastos» bedeutet kaputt, zerbrochen. Pyroklastische Ströme zerstören und töten alles, was ihnen im Weg ist.

Gase wie in einem Kanonenrohr

Ihre Wucht und Zerstörungskraft erhalten die pyroklastischen Ströme, weil sie explosionsartig entstehen können. Meist werden Gase im Magma eingeschlossen, das sich dann im Schlot auftürmt und den sogenannten «Lavadom» bildet. Der kann bis zu 40 Meter hoch werden. Wenn er kollabiert, «zerreisst» es das heisse Gestein. Die Gase und das Eigengewicht schieben die Masse dann den Hang herunter.

Der Fuego ist ein sogenannter Strato- oder Schichtvulkan. Sie brechen oft «hustend» aus, indem sie im Wechsel Lockermaterial (Steine und «Bomben») und Lava ausstossen. Das führt nach Erkalten des Materials zur typischen pyramidenförmigen Gestalt. Die grössten Vulkane, die Supervulkane, bilden keine Kegel. Sie haben eine so grosse Magmakammer, dass der Boden bei einer Eruption einbricht und eine Caldera entsteht.

NCH

Die Explosion der Bergflanke

Wenn Stratovulkane oben verstopfen, bricht der Vulkan oft durch die Seitenwand aus. Das war der Fall beim grössten Vulkanereignis im 20. Jahrhundert, beim Ausbruch des Mont Pelé auf Martinique im Jahr 1902. Die Explosion verlief seitlich, riss die Bergflanke auf und ein pyroklastischer Strom ergoss sich aus dem Berg. Innert Sekunden erreichte er die sieben Kilometer entfernte Hauptstadt St. Pierre. Die Geschwindigkeit des Stroms wurde auf 800 km/h geschätzt. Von den Einwohnern überlebten nur drei. Die Rede war von 28'000 bis 40'000 Toten.

Damals wurde der Begriff «Glutwolke» («nue ardente») geprägt. Auch der römische Schriftsteller Plinius der Jüngere berichtet in seinen Briefen vom Ausbruch des Vesuv 79 n. Chr. von einer Wolke, die seitwärts aus dem Berg getreten sei. Pompeji, Stabiae und Oplontis wurden verschüttet, Herculaneum wahrscheinlich von einem pyroklastischen Strom zerstört. Sein Onkel, Plinius der Ältere, hatte sich einen Namen gemacht als Naturforscher. Er wollte sich das Schauspiel nicht entgehen lassen und bestieg ein Schiff. Der Neffe wollte nicht mitkommen. Er bleibe lieber bei seiner Arbeit. Eine weise Entscheidung, denn der Onkel fand den Tod. Seither werden grosse Vulkaneruptionen als «plinianische» bezeichnet.

Auf Martinique scheint man aber davon nichts gewusst zu haben. Auf jeden Fall hörte man nicht auf den neapolitanischen Kapitän des Frachters «Orsolina». Er sagte: «Ich weiss zwar nichts über euren Mont Pelé, aber wenn der Vesuv so aussehen würde heute Morgen wie euer Berg, würde ich sofort abhauen.» Er tat es. Es war am 2. Mai 1902, die Katastrophe ereignete sich am 8. Mai 1902.

Auch der Fuego brach nicht aus heiterem Himmel aus. Am 1. Februar 2018 gab es bereits eine Explosion mit Lava- und pyroklastischen Strömen. Aber mit einem so heftigen Ausbruch wie am 3. Juni 2018 hatte niemand gerechnet.